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Twitter weiterempfehlen  07.09.2017

Anredeverhalten, Rechtschreibung und Ausgangsschriften

ESV-Redaktion Philologie
Verschiedene Schulschriften, verschiedene Grundschulkulturen? (Foto: contrastwerkstatt/Fotolia.com)
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Anredeverhalten gegenüber Lehrern an Grundschulen und den verschiedenen Schulausgangsschriften? Lassen sich anhand der eingesetzten Methodik für die Lehre der Rechtschreibung Rückschlüsse auf parteipolitische Präferenzen oder bildungspolitische Prinzipien schließen?
Diesen und ähnlichen Fragen und Zusammenhängen nähert sich Professor Wolfgang Steinig in einer größeren Untersuchung, die unter dem Titel „Grundschulkulturen. Pädagogik – Didaktik – Politik“ gerade erschienen ist.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kapitel „Schulschriften“:

In Deutschland ist es seit den 1980er Jahren üblich, dass Kinder zunächst eine Druckschrift (eine Gemischtantiqua) und anschließend – Ende der ersten, anfangs der zweiten Klasse – eine kurrente Schreibschrift erlernen. In der Bundesrepublik war dies die Lateinische Ausgangsschrift (LA), die 1953 von der Kultusministerkonferenz als verbindlich für alle Bundesländer als Schulausgangsschrift eingeführt wurde. Sie wird bis heute an vielen Schulen unterrichtet. Entwickelt wurde sie aus der Deutschen Normalschrift, die 1941, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, eingeführt wurde. Die nationalsozialistische Führung verfügte, eine Ausgangsschrift mit lateinischen Buchstaben zu vermitteln, da die zuvor übliche Sütterlin-Schrift von der Bevölkerung in den besetzten Gebieten nicht gelesen werden konnte. Die nur in Deutschland gebräuchliche Schrift passte nicht zu den Großmachtphantasien der Nazis. […]

Spiegel.de: „Vielbeachtete Langzeitstudie mit Viertklässlern“
Wolfgang Steinigs Arbeit ist über die Fachkreise hinaus beachtet worden. In einem aktuellen Beitrag befasst sich Spiegel.de mit der Studie zum Thema Rechtschreibung in Grundschulen – und mit Steinigs Buch.

Nicht nur während der Nazi-Diktatur, auch während der Zeit der deutschen Teilung konnte man sehen, dass die Entscheidung für eine bestimmte Ausgangsschrift immer auch eine politische war. In der DDR wurde 1968 im Zuge der Veröffentlichung einer für alle Schüler verbindlichen Fibel eine neue Schulausgangsschrift (SAS) eingeführt. Ein Jahr zuvor, im Februar 1967, hatte die Volkskammer ein Gesetz über die Staatsbürgerschaft der DDR verabschiedet, mit der die bis dahin geltende deutsche Staatsbürgerschaft beendet wurde. […] Die Einführung einer eigenständigen Ausgangsschrift kann ebenfalls als ein symbolischer Akt verstanden werden, auf gesamtdeutsche Gemeinsamkeiten keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Die von Renate Tost (1968 & 2013) entwickelte Schulausgangsschrift (SAS) ist gegenüber der Deutschen Normalschrift vereinfacht; insbesondere die Großbuchstaben, die nun der Druckschrift ähneln, sind wesentlich leichter zu erlernen. Bei den Kleinbuchstaben wurden Deckstriche und Drehrichtungswechsel reduziert, so dass auch hier der feinmotorische Aufwand geringer wird. Dieses Bemühen um Vereinfachung kann nicht nur als ein Signal der Abgrenzung gegenüber der BRD verstanden werden, sondern auch aus der Intention resultieren, Kindern von ‚Arbeitern und Bauern‘, die gegenüber der Schriftkultur eine größere Distanz haben, mehr Chancengleichheit gegenüber Kindern aus der ‚Bourgeoisie‘ zu ermöglichen, die aufgrund ihrer familialen Herkunft müheloser in die Schriftkultur hineinwachsen.

Es ist bezeichnend für den Kampf der Systeme zwischen DDR und BRD, dass es nicht lange nach der Einführung der Schulausgangsschrift auch in der Bundesrepublik zu einer neuen Schrift, der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA), kam. Diese von Heinrich Grünewald entwickelte Schrift wurde seit 1972 erprobt und fand nach und nach eine immer größere Verbreitung. Sie setzt noch stärker auf das Prinzip der Vereinfachung als die SAS. Während die Buchstaben der LA und der SAS Aufstriche und Abstriche enthalten und die Buchstaben auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden werden, haben die Buchstaben der VA nur noch Abstriche, die alle an der gleichen Stelle am oberen Ende des Mittebandes enden, so dass alle gleichförmig miteinander verbunden werden können.

Schließlich kommt noch, seit 2011, die Grundschrift hinzu, eine Schrift, die aus nicht miteinander verbundenen Buchstaben besteht. […]

Lateinische und Vereinfachte Ausgangsschrift im Vergleich

Mit der Einführung der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA), die 1969 entwickelt und seit 1972 im Unterricht erprobt wurde, war die Absicht verbunden, die Lateinische Ausgangsschrift (LA) obsolet werden zu lassen, da sie angeblich schwer erlernbar sei, zu schlechter Lesbarkeit führe und für das Erlernen der Rechtschreibung eher hinderlich sei. Die VA konnte sich aber nicht eindeutig gegen die LA durchsetzen, da viele Lehrkräfte offenbar nicht von ihrer Überlegenheit überzeugt waren und auch die Wissenschaft nicht klären konnte, welche von beiden Schriften die bessere sei. Die Schulministerien überließen die Entscheidung für eine dieser beiden Ausgangsschriften den Schulen. Nach der Wende, 1989, kam noch die Schulausgangsschrift (SAS) hinzu, für die sich nun auch Schulen in den meisten westlichen Bundesländern entscheiden konnten. Um eine wissenschaftliche Klärung zur Frage herbeizuführen, welche Ausgangsschrift sinnvoller zum Erwerb der Rechtschreibung sei, hat Sigrun Richter (1998) eine Diktat-Studie mit 48 Klassen der Klassenstufen 2–4 durchgeführt, ohne dabei aber die SAS zu berücksichtigen.

Wohl auch zu ihrer eigenen Überraschung konnte sie keine Überlegenheit der VA gegenüber der LA in Bezug auf die Rechtschreibleistung feststellen. Ganz im Gegenteil: Bei Jungen wie Mädchen der 2. und bei Mädchen der 4. Jahrgangsstufe, die mit der LA schrieben, war die Rechtschreibung sogar signifikant besser! Richter führte die Überlegenheit auf „eher ‚konservative‘ Lehrerinnen und Lehrer, die die LA wählen“ zurück, aber „aus dieser Schrift heraus“, also aufgrund struktureller Merkmale der LA, sei sie nicht zu erklären. Nach dieser Einschätzung würde ein eher ‚konservativer‘ Schreibunterricht der Rechtschreibung einen höheren Stellenwert einräumen, der wiederum mit mehr Übungen einhergehe. Mit dieser Interpretation versuchte sie die Überlegenheit der LA für die Entwicklung der Rechtschreibfähigkeiten zu relativieren, ohne sie aber mit empirischen Daten belegen zu können.

Unsere bundesweite Umfrage unter Lehrkräften erlaubt es nun aber, die Vermutung von Richter zu überprüfen, ob tatsächlich Lehrkräfte, die mit der LA arbeiten, einen größeren Wert auf die Rechtschreibung legen als Lehrkräfte, die mit der VA arbeiten, gleichgültig ob sie nun ‚konservativer‘ sind oder nicht. Wir haben uns dazu angesehen, wie hoch der Prozentsatz in den ersten vier Schulhalbjahren ist, in denen die Kinder ohne Beachtung der Rechtschreibung schreiben dürfen und zwar getrennt nach Kindern, die mit der LA und die mit der VA schreiben.

Wolfgang Steinig im Interview:
Steinig: „Es geht beim Anredeverhalten, der Rechtschreibung und der Handschrift um soziale Normen“


Das Buch
Das Buch Grundschulkulturen. Pädagogik – Didaktik – Politik ist im September im Erich Schmidt Verlag als Print und eBook erschienen. Sie können es bequem hier bestellen.
Der Autor
Prof. Dr. Wolfgang Steinig hat als Germanist in München, in Heidelberg und zuletzt an der Universität Siegen gearbeitet, außerdem mehrere Jahre an britischen, griechischen und niederländischen Universitäten. Er ist Autor von Lehrbüchern, wissenschaftlichen Monographien und Artikeln zum schulischen Schreiben, zum Deutschen als Zweit- und Fremdsprache, zur Soziolinguistik und zur Sprachevolution.

(ESV/KE)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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