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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Aleida Assmann
Twitter weiterempfehlen  24.01.2017

Assmann: „In den Kulturwissenschaften geht es um die Fähigkeit, flexibel, neugierig und kreativ auf Wandel zu reagieren“

ESV-Redaktion Philologie
Erforscht Kultur und Literatur: Prof. Dr. Aleida Assmann (Foto: Jespah Holthof)
Im Januar erscheint bereits die 4. Auflage der „Einführung in die Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen“. Die Autorin, Professorin Aleida Assmann, erläutert im Interview mit der ESV-Redaktion, welche Rolle Hamlet in dem Buch spielt und was es mit den Bezeichnungen der sieben Kapitel auf sich hat.
Frau Assmann, Ihre Einführung in die Kulturwissenschaft ist ein echter Bestseller in der anglistischen Wissenschaftsliteratur: sie erscheint jetzt schon in 4. Auflage, darüber hinaus gibt es das Buch parallel zur deutschen Version auch in englischer Sprache. Haben Sie eine Erklärung für diesen großen Erfolg?

Aleida Assmann: Dafür habe ich keine Erklärung, freue mich aber immer, wenn ich höre, dass das Buch von Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen angenommen wird. Ich möchte darin ja nicht nur Informationen verpacken, sondern vor allem auch zeigen, dass Lesen eine faszinierende Sache ist, wenn es intellektuell stimuliert ist und man selbst unerwartete Bezüge zu anderen Forschungsbereichen herstellen kann.

Der Band ist in sieben Kapitel gegliedert, die ebenso viele thematische Felder vorstellen. Es handelt sich dabei um Kapitel zu ‚Zeichen‘; ‚Medien‘; ‚Körper‘; ‚Zeit‘; ‚Raum‘; ‚Gedächtnis‘ und ‚Identität‘. Können Sie unseren Lesern bitte erläutern, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt?

Aleida Assmann: Das Stichwort ‚Zeichen’ führt die Reihe der thematischen Felder an. Zeichen werden heute oft übersprungen; man beginnt mit Text und Kultur oder auch mit ‚Kultur als Text’. Dabei sind Zeichen die Grundbausteine kommunikativen Handels und wichtige Impulse für Deutungen, eine tief in den Menschen angelegte Fähigkeit, wie ich in meinem Buch Im Dickicht der Zeichen (2015) genauer gezeigt habe.

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Die thematischen Felder sind Orientierungsrahmen, in denen sich das Bedeutungspotential eines Textes erschließt. Wir können auch von Hallräumen sprechen, in denen die Texte einen spezifischen Klang entwickeln, sie gewinnen auf diese Weise eine Resonanz. Lesen ist nicht wie Musik hören, sondern wie Musik machen, hat Martin Walser einmal gesagt. Wir müssen den Text zum Klingen bringen, und das tun wir, indem wir ihn in einem thematischen Feld, das gleichzeitig vorgestellt und ausgelotet wird, in Schwingung versetzen.

Die thematischen Felder sind nicht gleichzusetzen mit klar definierten Theorie-Ansätzen, sondern werden hier als erfahrungsnahe Dimensionen verstanden, die unterschiedliche Theorie-Konfigurationen zulassen und dabei voreilige Festlegungen verhindern.

Sie möchten Ihr Buch bewusst auch als ein studienbegleitendes Hilfsmittel für die Erforschung des Zusammenhangs von Literatur und wichtigen Grundfragen der Kultur verstehen. Die Themen Ihres Buches behandeln daher immer konkret auch literarische Beispiele aus der englischen und amerikanischen Literatur, unter anderem Eliots „Four Quartets“, Joseph Conrads „Heart of Darkness“ und Shakespeares  „Hamlet“.  Beim „Hamlet“ geht es beispielsweise um unterschiedliche Formen des Gedächtnisses. Können Sie das näher beschreiben?

Aleida Assmann: Tatsächlich ist diese Einführung in kulturwissenschaftliche Fragestellungen auch eine Einführung in die englische Literaturgeschichte und ihre Epochen. Die Präsentation ist darauf ausgerichtet, persönliches Interesse an Texten zu wecken, die Auswahl zu genießen und Entdeckungen zu ermöglichen. Man kann mithilfe des Buches auch lernen, dass die interessantesten theoretischen Reflexionen nicht (nur) in abstrakten Diskursen formuliert, sondern in der Literatur selbst zu finden sind. Man muss zum Beispiel nur genauer hinsehen, um zu erkennen, dass in Shakespeares Hamlet sieben verschiedene Formen von Gedächtnis auf der Bühne vorgestellt werden.

Die Kulturwissenschaften sind seit den frühen 1990er Jahren in Deutschland etabliert; sie kommen ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum. Was hat sich Ihrer Ansicht nach im Zeichen der Kulturwissenschaften für die einzelnen Fächer an den Universitäten geändert?

Aleida Assmann: Am Anfang des Buches werden die unterschiedlichen nationalen Traditionen der Kulturtheorie ausführlich rekonstruiert und erläutert. Mich interessieren dabei aber immer weniger die dogmatischen Grenzen, die zwischen Richtungen und Schulen aufgerichtet wurden, als die Kultur selbst als ein Thema ohne Grenzen [1].

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Wenn sich im Zeichen der Kulturwissenschaften etwas an den Universitäten geändert hat, dann ist es die zunehmende Einsicht, dass wir über Kultur gar nicht sprechen können, ohne immer schon aus einer bestimmten Tradition und Sozialisation heraus zu sprechen. Jeder hat andere Orientierungen und Präferenzen, ist aber auch angewiesen auf einen gemeinsamen Fundus von Wissen und Erfahrung, der weitergegeben wird und dabei immer wieder neu gedeutet und umgeschaffen werden kann.

Es geht in den Kulturwissenschaften also nicht nur um Begriffe und Theoreme, sondern gerade auch um Selbsterfahrung und Selbstbeobachtung, um die Schärfung des Blicks für das Entfernte und Naheliegende, und um die Fähigkeit, flexibel, neugierig und kreativ auf Wandel zu reagieren.

[1] Vgl. Aleida Assmann, „Die Grenzenlosigkeit der Kulturwissenschaften“, in: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift 1 (2016), 39–48.

Zum Band
Der Band Einführung in die Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen erscheint Ende Januar im Erich Schmidt Verlag. Sie können ihn bequem hier bestellen.

Zur Autorin
Aleida Assmann studierte Anglistik und Ägyptologie. Sie hat an Ausgrabungen in Oberägypten mitgearbeitet und zusammen mit Jan Assmann 1979 einen kulturwissenschaftlichen Arbeitskreis gegründet, aus dem inzwischen zehn interdisziplinäre Publikationen hervorgegangen sind. Von 1993–2014 lehrte sie Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie unterrichtete als Gastprofessorin u. a. an den Universitäten Princeton, Yale und Chicago. 2008 erhielt sie einen Ehrendoktor der theologischen Fakultät der Universität Oslo; 2014 wurde sie mit dem Heineken Preis für Geschichte der Königlichen Akademie der Wissenschaften der Niederlande ausgezeichnet. Mit den Mitteln des Max Planck-Forschungspreises leitete sie von 2009–2015 die Forschungsgruppe ‚Geschichte und Gedächtnis’.

Ausgewählte Publikationen: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses (3. Aufl. 2006); Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur (2013); Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Niedergang des Zeitregimes der Moderne (2013); Im Dickicht der Zeichen (2015); Formen des Vergessens (2016).

(ESV/ln)

Programmbereich: Anglistik und Amerikanistik

 
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