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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Corinna Ewelt-Knauer
Twitter weiterempfehlen  10.06.2016

„Compliance wird in den nächsten Jahren eines der zentralen Themen sein”

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
Prof. Dr. Corinna Ewelt-Knauer forscht zu Compliance-Themen (Foto: Joachim Pantel, Studio Wiegel, Münster)
Wie können sich Mitarbeiter „compliant” verhalten und was müssen Unternehmen hierfür tun? Darüber sprach die ESV-Redaktion mit Corinna Ewelt-Knauer, Inhaberin der Universitätsprofessur für Financial Accounting an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Frau Professor Ewelt-Knauer, Sie haben seit 2015 den Lehrstuhl für Financial Accounting an der Universität Gießen inne. Einer ihrer Schwerpunkte in Forschung und Lehre bildet das Thema Compliance. Woher kommt das Interesse an dem Thema?

Corinna Ewelt-Knauer: Das Thema Compliance ist äußerst vielschichtig und interdisziplinär. Es beinhaltet psychologische Elemente, beispielsweise mit Blick auf ein bestimmtes „Täter”-Profil. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive müssen wir uns fragen, wie das Compliance-Verhalten von Mitarbeitern in Unternehmen positiv beeinflusst werden kann, und final muss man sich mit möglichen juristischen Konsequenzen von Regelbrüchen auseinandersetzen.

Status Quo der Compliance: Wo steht Compliance im Jahr 2016 und wo wird sie im Jahr 2020 stehen?

Corinna Ewelt-Knauer: Compliance wird in den nächsten Jahren eines der ganz zentralen Themen sein. Bestandsaufnahme heute in 2016: Alle Akteure haben den akuten Handlungsbedarf erkannt, jedoch tappen viele noch ein wenig im Dunkeln, welche Maßnahmen die geeigneten sind. 2020 werden wir hier schon ein großes Stück weiter sein.

Ist das Thema Compliance in der Deutschen Betriebswirtschaft bereits eine „etablierte” Größe oder eine unbeliebte Notwendigkeit?

Corinna Ewelt-Knauer: Ich glaube, dass die Betriebswirtschaftslehre ein wenig Nachholbedarf beim Thema Compliance hat. Wir haben uns in den letzten Jahren vor allem damit beschäftigt, wie wir die Leistungsbereitschaft von Mitarbeitern steigern können. Künftig sollten wir zudem ein Augenmerk auf die Fragestellung legen, ob eine zu hohe Incentivierung Mitarbeiter nicht auch dazu verleiten kann, gegen Regeln zu verstoßen, um beispielsweise zu ambitionierte Zielvorgaben zu erreichen.

In Ihrer Forschung gehen Sie unter anderem der Frage nach, wie Mitarbeiter sich regelkonform verhalten können. Oftmals ist es gerade für den einzelnen Mitarbeiter nicht immer einfach, sich regelkonform zu verhalten, gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Situationen. Was raten Sie Mitarbeitern, die vor der Entscheidung stehen: „Compliance or Not-Compliance”?

Corinna Ewelt-Knauer: Die meisten Menschen haben grundsätzlich ein sehr gutes Bauchgefühl, wie man sich verhalten sollte. Manchmal überlagern Gegebenheiten im Unternehmen dieses Bauchgefühl jedoch, sodass man anfängt, mögliche Compliance-Verstöße anhand von unternehmensspezifischen Gegebenheiten zu rechtfertigen – frei nach dem Motto: „Ich muss Bestechungsgelder zahlen, damit das Unternehmen in der Erfolgsspur bleibt, da ansonsten meine Kollegen oder vielleicht sogar ich entlassen werden könnten.“  Ich rate immer, dass sich ein Mitarbeiter überlegen soll, wie er in einem privaten Kontext mit einer solchen Dilemma-Situation umgehen würde. Personen, die sich im Unternehmen nicht an Regeln halten, sind privat typischerweise keine Kleinkriminellen.

Wie können Mitarbeiter mehr „compliant” werden, wie können sie ermuntert werden, sich regelkonformer zu verhalten?

Corinna Ewelt-Knauer: Leider gibt es hier keine einfache und allgemeingültige Antwort. Als Grundvoraussetzung sollte aber das Arbeitsumfeld ganzheitlich stimmig sein. Veruntreut beispielsweise ein Vorstand Gelder für private Zwecke, so kann ein Mitarbeiter auf nachgelagerten Hierarchiestufen mögliche eigene Vergehen damit rechtfertigen, dass die „da oben das ja schließlich auch machen”. Ein ethischer „tone at the top” ist für mich zwar nicht des Rätsels alleinige Lösung, aber zwingende Voraussetzung.

Das Thema Unternehmenskultur gewinnt bei der Frage, wie Mitarbeiter zu mehr Regelkonformität angehalten werden können, immer mehr an Bedeutung. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, fernab von immer mehr Regularien, eine Compliance-Kultur im Unternehmen zu etablieren?

Corinna Ewelt-Knauer: Zunächst sollten sich insbesondere Vorgesetzte und das Top Management vorbildlich verhalten. Dann sollten Unternehmen aber auch gezielt Maßnahmen ergreifen, die die Compliance steigern können. Job Rotationen, insbesondere in kritischen Abteilungen, Compliance-Beauftragte auf Team-Ebene oder Prämien für Teams, die sich ganz besonders ethisch verhalten haben, sind hier Möglichkeiten. Allerdings sollten Unternehmen sich auch kritisch hinterfragen, wie sie beispielsweise mit verfehlten Zielvorgaben insbesondere bei Mitarbeitern im Ein- und Verkauf umgehen. Wenn sie Mitarbeiter im Verkauf stark variabel vergüten und Beförderungen ausschließlich an Verkaufserfolge knüpfen, wie kann es dann verwunderlich sein, dass Mitarbeiter sich in Dilemma-Situationen für unethische Handlungsweisen entscheiden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde ein solches Verhalten nicht richtig, aber im Einzelfall ist es für mich menschlich nachvollziehbar.

Wie kann eine Unternehmenskultur angesichts des Spannungsfeldes von zunehmender Homogenität – etwa durch die Digitalisierung – und der wachsenden Heterogenität in der Belegschaft gestaltet werden?

Corinna Ewelt-Knauer: Industrie 4.0 wird auch mit Blick auf Compliance eine Herausforderung. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie sind ein Unternehmen, deren Mitarbeiter fast zu 100 % im Home Office sind oder über die ganze Welt verteilt sitzen – in solchen Szenarien dürfte es schwierig werden, eine gemeinsame Unternehmenskultur zu gestalten, weil gemeinsame Erlebnisse und persönliche Kontakte selten vorkommen. Auch internationale Konzerne dürften vor großen kulturellen Herausforderungen stehen.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Desiderate in der Compliance-Forschung? Welches Buch fehlt Ihrer Meinung nach in der Compliance-Bibliothek? Welches müsste noch geschrieben werden – vielleicht auch von Ihnen?

Corinna Ewelt-Knauer: Als Forscher würde ich mir wünschen, dass Unternehmen mit uns stärker kooperieren. Gerade bei so sensiblen Daten, wie zu Compliance, sind viele Unternehmen jedoch sehr zurückhalten, obgleich wir die Vertraulichkeit der Daten natürlich garantieren. Und als Wissenschaftler geht es uns ja nicht um effekthaschende Studien frei nach dem Motto „Deutschland sucht das böseste Unternehmen”. Vielmehr möchten wir mit unserer Expertise und unserem methodischen Wissen theoretisch fundiert zur Problemlösung beitragen. Welches Buch fehlt? Ein integratives interdisziplinäres Werk, in dem sowohl Juristen und BWLer als auch Forscher und Praktiker gleichermaßen zu Wort kommen.

Teil zwei des Interviews lesen Sie auf COMPLIANCEdigital.de

(ESV/ms)

Zur Person
Prof. Dr. Corinna Ewelt-Knauer ist Inhaberin der Universitätsprofessur für Financial Accounting an der Justus-Liebig Universität Gießen. Ihre Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf den Themenkomplex Compliance, wobei sie vor allem auf Basis empirischer Evidenzen Handlungsempfehlungen für Unternehmen zur Weiterentwicklung des Compliance-Management-Systems ableitet. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Fragestellungen, wie die aktuelle Compliance-Kultur insbesondere international agierender Konzerne umfänglich erfasst und positiv gestaltet werden kann.

Zum Thema
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Programmbereich: Management und Wirtschaft

 
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