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Nachgefragt bei: Dr. Silvia Dahmen
Twitter weiterempfehlen  14.10.2016

Dahmen: „Jede Art des Lernens mit mehr als nur einem Sinn ist empfehlenswert“

ESV-Redaktion Philologie
Posterreihe des Goethe-Instituts: „Der Floh im Ohr” (Foto: Jürgen Seebeck)
Kommunikation steht im modernen Fremdsprachenunterricht im Vordergrund. Kann man kommunizieren, ohne an Aussprache und Phonetik zu feilen? Antworten gibt Dr. Silvia Dahmen im Interview mit der ESV-Redaktion.
Frau Dahmen, kann man eine Fremdsprache lernen, ohne sich mit Phonetik zu befassen?

Silvia Dahmen: Das ist natürlich möglich, aber nicht zu empfehlen, wenn man in der Fremdsprache mündlich kommunizieren möchte. Wenn man nur mit Mühe den Ausführungen des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin folgen kann, weil die Aussprache unverständlich ist, nimmt man ihn oder sie automatisch als weniger kompetenten Sprecher wahr, selbst wenn Grammatik und Wortschatz gut ausgebildet sind.

Umgekehrt ist es für Lernende sehr schwierig, Muttersprachler zu verstehen, wenn sie Probleme bei der Unterscheidung deutscher Laute haben oder niemals mit den verschiedenen regionalen Varianten des Deutschen in Kontakt gebracht wurden. Da im modernen Fremdsprachenunterricht die Kommunikation im Vordergrund steht, sollte das Verstehen und Verstandenwerden in der Kommunikation gesichert werden, und das geht nur durch eine explizite Beschäftigung mit der Phonetik.

Welche Rolle sollte Phonetik in Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache spielen?

Silvia Dahmen: Eine ebenso wichtige Rolle wie die anderen Teilbereiche der Sprache. Ideal ist, wenn Phonetikübungen nicht isoliert am Ende einer Lektion erscheinen, sondern mit Übungen zum Wortschatz, zur Grammatik, zur Orthografie und zur Pragmatik verknüpft werden. Auf diese Weise ist die Phonetik nicht der Bereich, der zusätzlich behandelt werden muss und deswegen von vielen Lehrenden im Unterricht ausgelassen wird. Vielmehr kann die Phonetik den Erwerb der anderen Teilbereiche sinnvoll unterstützen. Wenn beispielsweise die Wortstellung in Fragen, Aussagen und Aufforderungssätzen im Unterricht behandelt wird, ist es sinnvoll, auch gleich die passende Intonation, also die Sprechmelodie dieser Satzarten, zu vermitteln.

Im Fall des Orthografieerwerbs ist es sogar unerlässlich, Übungen zur Wahrnehmung und Unterscheidung von Lauten durchzuführen. Wie sollen Lernende, deren Erstsprache keine Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen kennt, sonst die Regeln zur orthografischen Markierung von Lang- und Kurzvokalen im Deutschen lernen? Oder generell, wie sollen die Lernenden den deutschen Lauten die passenden Buchstaben zuordnen, wenn sie diese Laute gar nicht voneinander unterscheiden können?

Gibt es so etwas wie ein „phonetisches Minimum“, das Lernende mindestens beherrschen sollten?

Silvia Dahmen: Mit dieser Frage beschäftigt sich der Beitrag von Viktoria Malwitz im Themenheft von Fremdsprache Deutsch „Phonetik in der Unterrichtspraxis“. Die Bestimmung des phonetischen Minimums ist Voraussetzung für die Festlegung von Unterrichtsinhalten und Lernzielen. Zu den minimal zu beherrschenden Bereichen der deutschen Aussprache gehören suprasegmentale Aspekte wie die Akzentuierung in Wort und Satz, der deutsche Rhythmus, die im Deutschen sehr komplexe Silbenstruktur und die Varianten und Funktionen der Sprechmelodie.

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Zusätzlich gibt es im Bereich der Konsonanten und Vokale Bereiche, die für viele Lernenden von Deutsch als Fremdsprache problematisch sind. Dazu gehören die Lang- und Kurzvokale, die Ü- und Ö-Laute und der Vokalneueinsatz, auch als Knacklaut bekannt, der beispielsweise „beim Essen“ von „beim Messen“ unterscheidet. Im Bereich der Konsonanten sind unter anderem die Unterschiede zwischen Fortis- und Leniskonsonanten, beispielsweise zwischen [p] und [b] wie in „Gepäck“ – „Gebäck“, und die Aussprache und Verteilung von Ich- und Ach-Laut zu üben. Der Artikel zum phonetischen Minimum listet die einzelnen Teilbereiche detailliert auf.

Gibt es besondere Ansätze beim Üben der Phonetik, die sich besonders gewährt haben? Beispielsweise visuell, mit Musik, Bewegung oder Theater?

Silvia Dahmen: Jede Art des Lernens mit mehr als nur einem Sinn ist empfehlenswert. Unser Themenheft stellt verschiedene solcher Ansätze zum Lernen mit allen Sinnen vor, die sich bereits in der Praxis bewährt haben. Dazu gehören die Verbindung der Phonetik mit Musik, die insbesondere für den Erwerb der suprasegmentalen Eigenschaften wie Rhythmus und Akzentuierung ideal ist, ebenso wie die Unterstützung von Artikulationsbewegungen durch Hand- und Körperbewegungen oder die Visualisierung phonetischer Themen in witziger und ansprechender Form. Die Verbindung der Phonetik mit kreativen Tätigkeiten wie der Inszenierung eines Theaterstücks oder eines Poetry Slams motiviert die Lernenden, sich bewusst mit Phonetik zu beschäftigen und sich dafür zu begeistern.

Was fasziniert Sie persönlich an der Phonetik?

Silvia Dahmen: Die Phonetik fasziniert mich, weil sie mir die Möglichkeit bietet, mit sehr exakten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden zu ermitteln, welche Ausspracheprobleme Deutschlernende mit ganz unterschiedlichen Erstsprachen tatsächlich haben, dann passende Übungen für diese Lernenden zu schreiben und deren Effektivität wiederum empirisch zu untersuchen. Diese Verbindung zwischen theoretischer Wissenschaft und Anwendung in der Praxis ist sehr befriedigend und interessant. Mein Ziel ist, die Methoden des Aussprachetrainings weiter zu verbessern und den Bedürfnissen der Lernenden und Lehrenden möglichst genau anzupassen.

Wo genau liegt bei dieser Ausgabe der Zeitschrift „Fremdsprache Deutsch“ der Schwerpunkt und warum haben Sie ihn gewählt?

Silvia Dahmen: Bei der Planung dieser Ausgabe haben wir uns sehr schnell darauf geeinigt, dass wir keine Sammlung einzelner Übungen zu den Teilbereichen der deutschen Aussprache anstreben, sondern uns auf die Einbindung der Phonetik in den Deutschunterricht konzentrieren. Dazu gehören im Grundlagenteil unseres Hefts die Frage, wie mit den zahlreichen regionalen Varietäten des Deutschen umzugehen ist, die Bestimmung von Lernzielen im Bereich der Phonetik, die Vorstellung von Online-Materialien zur Phonetik und die Analyse aktueller Lehrwerke in Bezug auf die Menge und Qualität phonetischer Übungen.

Der Praxisteil bietet unterschiedliche Ansätze und auch konkrete Vorschläge für Unterrichtsprojekte, in denen die Phonetik thematisiert wird und mit kreativen Aktivitäten wie Musik, Theater, Poetry Slam oder Bewegung verbunden und damit für die Lernenden interessant gemacht wird. Weiterhin werden attraktive Materialien wie der Dialektatlas der Deutschen Welle und die Lernposter zu phonetischen Themen aus dem Projekt „Visuelle Phonetik“ präsentiert, und auch der Bezug zwischen Phonetik und Orthografie wird thematisiert.

Was hat es mit dem Coverbild des Heftes auf sich, was ist der „Floh im Ohr“?

Silvia Dahmen: Bei dem Coverbild handelt es sich um den Abdruck eines der eben erwähnten Lernposter, die im Projekt „Visuelle Phonetik“ der Goethe-Institute in Japan, China und Korea entstanden sind. Die Posterserie „Der Floh im Ohr“ visualisiert insgesamt zwölf Phonetikthemen in ansprechender und witziger Weise, beispielsweise den Wortakzent bei trennbaren und nicht-trennbaren Verben, die Aussprache langer und kurzer Vokale oder, wie im Coverbild, die Unterscheidung der Laute [b] und [w].

Zusätzlich zu den Postern gibt es eine Lehrerbroschüre, sodass Lehrende die Materialien lehrwerksunabhängig in ihrem Unterricht einsetzen können – und das schon ab dem Niveau A1, da die Poster mit einem für Anfänger geeigneten Wortschatz auskommen und das Verstehen hauptsächlich über die Bilder erfolgt. Wenn die Poster im Klassenraum hängen, bleiben die visualisierten Themen den Lernenden ständig präsent und es fällt leicht, sofort bei Bedarf an ein phonetisches Thema zu erinnern und Fehler sofort zu korrigieren. Dabei helfen auch die einfach formulierten Regeln, die auf jedem Poster zu finden sind. Die witzigen Darstellungen im Comicstil sind einprägsam – sie sitzen den Lernenden quasi wie ein Floh im Ohr.

Zum Band
Die Ausgabe Phonetik in der Unterrichtspraxis der Zeitschrift Fremdsprache Deutsch erscheint Ende Oktober. Sie können sie bequem hier bestellen. Einige Zusatzartikel sowie Videomaterial finden Sie hier.

Zur Person
Dr. Silvia Dahmen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Englischen Seminar II der Universität zu Köln und Lehrbeauftrage am Institut für Linguistik (Phonetik). Ihre Schwerpunkte sind Phonetik und Phonologie des Deutschen und Englischen, Ausspracheinterferenzen bei DaF- und EaFLernenden, Didaktik und Methodik des Aussprachetrainings in Deutsch und Englisch; Promotion im Fach Phonetik.

(ESV/lp)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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