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Die Vielfalt des Minnesangs
Twitter weiterempfehlen  06.07.2018

„Dass mir niemand verwehren kann, mich ihr nah zu denken“

ESV-Redaktion Philologie
Miniatur Friedrichs von Hausen (Abbildung: Aus der Weingartner bzw. Stuttgarter Liederhandschrift (B); © WLB Stuttgart, HB XIII 1, S. 9)
Zeitlos wirken die Verse aus Friedrichs von Hausen Minnelied Ich denke underwîlen, auch wenn es bereits vor über 800 Jahren verfasst wurde. Das Motiv der Liebe, das bereits die Lyrik der Trobadour prägte, entfaltet dabei seine emotionalisierende Wirkung.
Dennoch erschöpft sich das Potenzial des Gesamtwerks Friedrichs von Hausen noch lange nicht in seiner Zeitlosigkeit: Wie vielschichtig dieses aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist, zeigt uns Veronika Hassel in ihrer Untersuchung, die im Juli im ESV erscheinen wird.
Für alle, die sich bereits jetzt von der Vielfalt des Minnesangs überzeugen lassen wollen, stellen wir hier eine kleine Leseprobe zur Verfügung.  

„…denn sie ist es wahrhaftig wert, dass man sie liebe“

1)    
Ich lobe got der sîner güete,
daz er mir ie verlêch die sinne,
daz ich si nam in mîn gemüete,
wan si ist wol wert, daz man si minne.
noch bezzer ist, daz man ir hüete,
danne ieglîcher sînen willen
spraeche, daz si ungerne hôrte,
und mir die vröide gar zerstôrte.
(Ich lobe Gott seiner Güte wegen,/ dass er mir jemals die Einsicht verlieh,/ dass ich sie in mein Herz aufnahm,/ denn sie ist es wahrhaftig wert, dass man sie liebe/. Noch besser ist, dass man sie bewache,/ anstatt dass jeder sein Verlangen/ äußerte, was sie nur ungern hörte,/ und was mir meine Freude vollständig zerstörte.)
(Ich lobe got der sîner güete; 1. Strophe)
[…]

In der 1. Strophe führt der männliche Sprecher als Bestätigung seiner ausgezeichneten Wahl der Minnedame Gott als den maßgeblichen Ratgeber in dieser Hinsicht an. Weil die Dame dadurch zweifellos jeglicher Liebesbezeugung wert ist, begrüßt der Sprecher die Einrichtung der huote, da ihm die Bewachung eher entgegenkommt, als dass jeder andere Minnesänger ihr seine Werbung unterbreiten könne.

Der Sprecher rechtfertigt seinen exklusiven Anspruch auf die Dame damit, dass auch sie plump geäußertes Verlangen nicht hören wolle; diese Konkurrenzsituation würde darüber hinaus die Freude des Sprechers vollständig zerstören. Der werbende Mann und die umworbene Dame werden einander in exklusiver Weise zugeordnet und die Konkurrenz besteht nicht nur darin, dass die Dame einem anderen gewähren könnte, was sie dem Sprecher nicht gönnt, sondern auch dass ein anderer Sänger ein besseres Lied über die Minne machen könnte. Damit eröffnet sich für die vröide des letzten Verses die Bedeutungsdimension der Unterhaltung des Publikums, die der Sprecher für sich beansprucht.

Nachgefragt bei: Dr. Birgit Zacke 31.03.2016
Text-Bild-Beziehungen im „Brüsseler Tristan“
Der „Brüsseler Tristan” wurde von der Forschung bisher kontrovers diskutiert. Er präsentiert eine Textkompilation aus Gottfrieds „Tristan”-Fragment, dem „Tristan als Mönch” und 810 Versen aus Ulrichs „Tristan”-Schluss. Hinzu treten 91 ganzseitige Federzeichnungen, die den Text illustrieren, kommentieren und kontextualisieren. mehr …

„…und wenn ich mich auch mit meinen Augen von ihr fernhalte, so liebt sie dennoch mein Herz heimlich“

2)
Doch bezzer ist, daz ich si mîde,
danne si âne huote waere,
und ir deheiner mir ze nîde
spraeche, des ich doch vil gern enbaere.
ich hân si erkorn ûz allen wîben,
lâze ich niht durch die merkaere,
vrömede ich si mit den ougen,
si minnet iedoch mîn herze tougen.
(Doch besser ist, dass ich sie meide,/ als dass sie ohne Bewachung wäre,/ und irgendeiner etwas zu ihr/ sagte, was bei mir Feindschaft hervorriefe und worauf ich doch sehr gut verzichten könnte./ Ich habe sie aus allen Frauen erwählt,/ ich unterlasse nichts wegen der Aufpasser,/ und wenn ich mich auch mit meinen Augen von ihr fernhalte,/ liebt sie dennoch mein Herz heimlich.)
(Ich lobe got der sîner güete; 2. Strophe)
[…]

Mit der 2. Strophe steigert der Sprecher das huote-Szenario und nimmt lieber in Kauf, sich freiwillig von der Dame fernhalten zu müssen, als dass sie ohne Bewachung und ohne die Möglichkeit eines Einschreitens seinerseits ungefiltert dem Werben seiner Konkurrenten ausgesetzt sein könnte. Die Instanz der huote ist nicht der ausschlaggebende Faktor, weshalb der Sprecher die Dame meidet, sondern ihre für die Hohe Minne notwendige Vereinzelung, die als Konstituente akzeptiert wird. Diese der Realität enthobene Situation befähigt den sich selbst regulierenden Sprecher auch zu der Aussage, der Aufpasser wegen nichts zu unterlassen, was sich im gesungenen Vortrag genau dieses Liedes bestätigt. Der Dienst wird vollzogen, egal ob die Dame bewacht wird oder nicht.

Das Schlussreimpaar spielt mit einer potentiell erwiderten Liebe der Dame, indem die Wortstellung des letzten Verses si minnet iedoch mîn herze tougen (2,8) offen angelegt ist, wie es auch am Schluss von Lied 4 Gelebt ich noch die lieben zît (MF 45,1) zu beobachten ist. huote bietet damit hier die Option, gegenseitige Liebe zu thematisieren, die freiwillig nicht ausgenutzt wird, um die Dame in der Sphäre der Hohen Minne zu belassen.

Der Minnesang als literarisches Spiel

Mit der Abgrenzung von Konkurrenten, der freiwilligen Distanzierung von der Dame und dem Postulat ihrer gattungskonstituierenden Unerreichbarkeit wird in dem Lied Ich lobe got der sîner güete eine artifizielle Diskussion über das Wesen der Hohen Minne und ihrer gesellschaftlichen Wirkung präsentiert. Nicht echte Emotionen werden verhandelt, wie die stereotypen Bezeichnungen der Dame (liebes wîp, der besten vrouwen eine und diu guote) zeigen, sondern ein literarisches Spiel mit Motiven und Aussagemöglichkeiten demonstriert.

Das Werk Friedrichs von Hausen. Edition und Studien
Von Dr. Veronika Hassel

Das Buch analysiert das Gesamtwerk Friedrichs von Hausen. Es unterzieht dadurch die oftmals vorgenommenen biographischen und realhistorischen Kontextualisierungen der Lieder Friedrichs einer kritischen Revision.


- Die Edition zeigt die Lieder nach ihrer handschriftlichen Überlieferung und nicht nach den Stilkriterien eines Herausgebers.
- Neben der Edition und Interpretation bietet die Untersuchung eine Verortung Friedrichs von Hausen in den zeitaktuellen Minnediskurs.
- Entgegen der bisherigen Zentrierung der Forschung auf das Lied 'Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden' (Lied 8 / MF 47,9) werden alle Lieder des Autors analysiert.

Dr. Veronika Hassel ist seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ricarda Bauschke-Hartung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Minnesang und Kulturtransfer.

 


(ESV/vh)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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