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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Ute von Bloh und Prof. Dr. Bernd Bastert
Twitter weiterempfehlen  05.07.2017

„Der Kommentarband stellt Wissensbestände bereit, die einem besseren Verständnis dienen“

ESV-Redaktion Philologie
„Der Wirt Dietrich zeigt Lewe und Gerna den toten Ritter, den er in den Rauch gehängt hat.“ (Abbildung:Herzog Herpin, Cpg 152, Bl. 57v, mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek Heidelberg)
Prosaepen aus dem 15. Jahrhundert sind für viele ein unbekanntes Feld. Dabei waren z. B. die vier Saarbrücker Bearbeitungen von französischen Heldenepen in der frühen Neuzeit echte Bestseller. Prof. Dr. Ute von Bloh und Prof. Dr. Bernd Bastert äußern sich im Interview mit der ESV-Redaktion zu den Prosaepen „Loher und Maller“ und „Herzog Herpin“.
Um die beiden Prosaepen „Loher und Maller“ und „Herzog Herpin“ für den Leser zu erschließen, ist nun ein Kommentarband erschienen, der textgeschichtliche Erläuterungen, Erklärungen zu Orten, Personen, Sachen und Wissensfeldern bietet.

Liebe Frau von Bloh, lieber Herr Bastert, Sie beschäftigen sich nun schon seit vielen Jahren mit vier deutschen Bearbeitungen französischer Heldenepen (Chansons de geste), die im  Umkreis der Elisabeth von Lothringen und Nassau-Saarbrücken in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden sind. Was ist das Besondere an diesen Prosaepen?

Bernd Bastert: Die vier deutschen Texte, die ihre französischen Prätexte aus der traditionellen Versform in Prosa übertragen, stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen der gereimten Großepik des Mittelalters und dem frühneuzeitlichen Prosaroman dar. Strukturell und typologisch entsprechen „Herzog Herpin“, „Königin Sibille“, „Loher und Maller“ und „Huge Scheppel“ den ‚modernen‘ französischen Chansons, für die eine Mischung aus literarischen Mustern und Narrativen, die anderen Erzählregistern entlehnt sind, ebenso kennzeichnend ist wie ein innovatives Arrangement tradierter heldenepischer Narrationsschemata.

Auch in der Präsentation und dem Durchspielen bestimmter Problemkonstellationen weisen die vier deutschen Prosaepen auf die Romane des 16. und 17. Jahrhunderts voraus, mit denen sie später in gedruckter Form in Konkurrenz treten. Andererseits rekurrieren sie qua Stoff und Thematik auf ältere, mittelalterliche Erzählmuster. Die Saarbrücker Chanson de geste-Adaptationen sind damit doppelt liminale und gewissermaßen hybride Texte. Genau dieser liminale und hybride Charakter ist es jedoch gewesen, der lange ein angemessenes Verständnis der vier Prosaepen erschwert hat, die gemeinsam einen zusammenhängenden Erzählzyklus bilden.

Die beiden ersten Texte, „Loher und Maller“ sowie „Herzog Herpin“ sind bereits 2013 bzw. 2014 im Erich Schmidt Verlag in der Reihe „Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit“ in kritischen Ersteditionen vorgelegt worden. Nun erscheint in derselben Reihe der Kommentarband zu diesen beiden Prosaepen. Was bietet dieser Kommentar und wie ist er aufgebaut?

Bernd Bastert: Der Kommentarband stellt Wissensbestände bereit, die einem besseren Verständnis der beiden edierten Texte dienen. Unsere Erschließungsarbeiten konzentrieren sich dabei erstens auf Stellenkommentare für die Prosaepen, zweitens auf materialphilologische Beschreibungen der handschriftlichen Überlieferungen und Erstdrucke, drittens auf eine Diskussion der bebilderten Handschriften und Erstdrucke und schließlich viertens auf eine deutsche Übersetzung des unikal überlieferten altfranzösischen Fragments „Gormont et Isembart“, denn der Stoff dieses wohl noch aus dem 12. Jahrhundert stammenden französischen Epos ist in den letzten Teil von „Loher und Maller“ eingegangen.

Die Stellenkommentare zu den beiden Prosaepen bieten dabei textgeschichtliche Erläuterungen, Erklärungen zu Orten, Personen, Sachen und Wissensfeldern sowie zu intra- und intertextuellen Bezügen der vier Prosaepen. Wo sich dies als notwendig erwiesen hat, wurden auch die französischen Prätexte berücksichtigt.

Der Kommentarband enthält also auch eine Beschreibung der Bebilderung der Handschriften und Drucke. Bitte erläutern Sie die Besonderheiten dieser Bebilderung.

Ute von Bloh: Der überwiegende Teil der insgesamt acht, zwischen etwa 1455 und 1495 entstandenen, Handschriften, die „Loher und Maller“ und „Herzog Herpin“ überliefern, weist Federzeichnungen auf, während die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert aufgelegten Drucke sämtlich mit Holzschnitten ausgestattet sind. Dabei handelt es sich, insbesondere im Fall der Handschriften, um teilweise bemerkenswerte, jeweils selbständige Bildausstattungen aus unterschiedlichen Regionen, was mit den unabhängig voneinander entstandenen Textfassungen kongruiert. In die Diskussion der jeweiligen Bebilderungen sind die Erstdrucke (Grüninger, Straßburg 1514) mit eingeschlossen, da dort die Anlehnung an die handschriftlichen Vorlagen noch erkennbar ist.

Bei den späteren Drucken handelt es sich, verglichen mit dem Erstdruck, um durchgreifende Neubearbeitungen, die sich alle am neu bearbeiteten Zweitdruck aus der Han’schen Offizin (Weigand Han, Frankfurt a. M. um 1561) orientieren. Im Kommentarband diskutiert werden die bebilderten Handschriften und Erstdrucke exemplarisch insbesondere mit Blick auf die bildspezifischen Charakteristika, auf vorstellbare Bild/Text-Relationen, vielfältige Aufmerksamkeitslenkungen und die möglichen Aufgaben der Bilder in den Codices.

Es gibt ja, wie bereits erwähnt, insgesamt vier Prosaepen, nämlich neben „Loher und Maller“ und dem „Herzog Herpin“ noch die beiden kürzeren Texte „Huge Scheppel“ und „Königin Sibille“. Werden auch diese beiden Texte in Zukunft noch von Ihnen ediert werden?

Bernd Bastert: Mit diesen beiden Texten beschäftigen wir uns zurzeit intensiv. Die Arbeiten an Edition, Kommentierung und materialphilologischer Erschließung von „Königin Sibille“ und „Huge Scheppel“ schreiten gut voran und werden im kommenden Frühjahr abgeschlossen sein. Ab 2018 sind damit alle vier Texte aus dem Umkreis des Saarbrücker Hofes in textkritischen und heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Ausgaben für den akademischen Unterricht und für Forschungsarbeiten zugänglich, so dass das Potential dieser literaturgeschichtlich wichtigen Zeugnisse aus der Übergangsphase zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit endlich ausgeschöpft werden kann.

Wie entstand damals die Idee, die vier Prosaepen neu zu edieren – und wie ging die Arbeit an zwei verschiedenen Lehrstühlen und über einen so langen Zeitraum, nämlich über 10 Jahre, vonstatten?

Ute von Bloh: Wir haben uns beide in unseren Habilitationsschriften mit den Saarbrücker Prosaepen beschäftigt. Auf einer Tagung im Jahr 2002, die Elisabeth von Lothringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken gewidmet war, und an der wir beide teilgenommen haben, entstand die Idee zu einer zuverlässigen Edition der vier Prosaepen, deren editorische Situation damals noch desaströs war. Bis sich dieses aufwendige Vorhaben in die Tat umsetzen ließ, verging allerdings noch einige Zeit. Entscheidend war, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ab 2009 unsere Arbeiten großzügig unterstützt hat. Wir haben dann die editorischen Arbeiten so aufgeteilt, dass „Loher und Maller“, später auch „Königin Sibille“ an der Universität Potsdam durch Ute von Bloh und ihr Team und „Herzog Herpin“ sowie „Huge Scheppel“ an der Ruhr-Universität Bochum durch Bernd Bastert und sein Team betreut wurden.

Die editorischen Prinzipien und sonstige Vorentscheidungen hatten wir zuvor in gemeinsamen Arbeitssitzungen in Bochum und Potsdam entwickelt, auch später trafen wir uns in regelmäßigen Abständen an beiden Universitäten zu Arbeitssitzungen. Auf diese Weise war und ist gewährleistet, dass wir nach einheitlichen Regeln vorgehen – und falls doch einmal Probleme auftauchen, greifen wir zum Telefonhörer und klären das.

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Zum Kommentarband
Der Band Loher und Maller · Herzog Herpin: Kommentar und Erschließung erscheint im Juni im Erich Schmidt Verlag in Print und als eBook. Sie können ihn bequem hier bestellen. Auch die kritischen Editionen von Loher und Maller und von Herzog Herpin finden Sie im Erich Schmidt Verlag.

Zu den Herausgebern
Ute von Bloh ist Professorin für germanistische Mediävistik an der Universität Potsdam. Bernd Bastert ist Professor für germanistische Mediävistik an der Ruhr-Universität Bochum. Beide beschäftigen sich in ihren Forschungsarbeiten schon seit langem mit den Saarbrücker Prosaepen und haben vielfach dazu publiziert.


(ESV/Ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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