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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Matthis Kepser und Prof. Dr. Ulf Abraham
Twitter weiterempfehlen  17.06.2016

„Der Literaturunterricht ist ein wesentlicher Player im Handlungsfeld Literatur“

ESV-Redaktion Philologie
Literatur kann unterschiedlich behandelt werden (Foto: Piccolo/Fotolia.com)
Es gibt eine große Bandbreite an Möglichkeiten, Literatur im Deutschunterricht zu behandeln. Die Autoren des Bandes „Literaturdidaktik Deutsch“ im Interview.
Was sind Ihres Erachtens heutzutage die wichtigsten Aufgaben des Literaturunterrichts?

Ulf Abraham: Die Antwort kommt ohne den aktuell wieder auffällig lebhaft diskutierten Begriff der „literarischen Bildung“ nicht aus. Man darf ihn allerdings im 21. Jahrhundert nicht mehr so verstehen, als sei es Hauptaufgabe des Schulfaches Deutsch, literaturgeschichtliches und -theoretisches Wissen zu vermitteln. So nötig ein entsprechendes Orientierungswissen, gerade im Zeichen des Zentralabiturs, weiterhin ist, so wenig zufrieden wären wir als Literaturdidaktiker mit den Ergebnissen eines Unterrichts, der weiter nichts vermittelt hätte. Wichtiger als solche Kenntnisse, die für die Mehrheit, die ja nicht Germanistik studieren will, mehr oder weniger träges Schulwissen bleibt, ist die Fähigkeit und Bereitschaft zum lebenslangen Kontakt mit der kulturellen Praxis Literatur: Bücher und ihre Adaptionen in anderen Medien, Theaterstücke und -inszenierungen, Autorenlesungen, „spoken word art“ … diese Praxis ist gegenwärtig sehr dynamisch, sie wird performativer und medial vielfältiger.

Während die Trennlinie zwischen sogenannter hoher und sogenannter Unterhaltungsliteratur unschärfer wird, ist gegenüber vergangenen Jahrzehnten die Stimme der Literatur als Stimme eines sozialen und politischen Gewissens wieder hörbarer. Deshalb wünschen wir uns einen Literaturunterricht, der sich weder im Interpretieren schwieriger (weil vorwiegend älterer) Texte erschöpft noch in einer Leseförderung, die den Unterhaltungswert des Lesens betont. Wir wünschen uns einen Unterricht, der neben der individuellen und sozialen auch die kulturelle Bedeutung der Literatur vermittelt.

Sie betonen in Ihrer Einleitung den Zusammenhang von Literaturdidaktik als Teil der Kulturwissenschaften. Was ist damit genau gemeint?

Matthis Kepser: Im Gegensatz zur traditionellen Literatur- und teilweise auch Medienwissenschaft kann es der Literaturdidaktik unseres Erachtens nicht in erster Linie um die diesbezüglichen Gegenstände und deren (historische) Merkmale gehen. Im Fokus sollte vielmehr das Handlungsfeld Literatur stehen und damit verbunden die Frage, warum und wozu Literatur im weitesten Sinne produziert und rezipiert wird: Welche Gratifikationen sind damit verbunden und welche Funktionen hat Literatur für den Einzelnen (Individuation), für seine Bezugsgruppe (Sozialisation) und die Gesellschaft (Enkulturation)?

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Der Literaturunterricht ist ein wesentlicher Player im Handlungsfeld Literatur als Ganzem: Hier werden einerseits Zugänge gelegt und Kompetenzen vermittelt, die es Heranwachenden ermöglichen sollen, an diesem Handlungsfeld so weit wie möglich partizipieren zu können. Gleichzeitig ist er maßgeblich daran beteiligt, die mediale Erinnerungskultur zu modellieren. Machen wir uns nichts vor: Die sogenannten Klassiker wären schon längst nur noch Gegenstände germanistischer Spezialseminare, wenn sie nicht im schulischen Literaturunterricht von Lehrkräften und ihren Schülerinnen bzw. Schülern jeden Tag auf ihre individuelle, soziale und kulturelle Bedeutung hin befragt würden. Ebenso muss der Literaturunterricht aber auch aktuelle Entwicklungen und Diskurse aufgreifen. Das betrifft die Kinder- und Jugendliteratur einschließlich aller Medien ebenso wie Literatur und Medien für ältere Rezipienten. Die Literaturdidaktik beobachtet nicht nur den Literaturunterricht der Vergangenheit und Gegenwart, sondern macht forschungsbasiert sowohl methodische wie inhaltliche Vorschläge zu seiner Weiterentwicklung. So wird beispielsweise eine nationalsprachliche Ausrichtung bei der Lektürewahl weder dem konkreten Rezipientenverhalten jenseits der Schule noch den anstehenden gesellschaftspolitischen Aufgaben gerecht: Gelesen wird fast unterschiedslos übersetzte Literatur genauso wie originär deutschsprachige. Kulturräume sind weit weniger beschränkt als geopolitische.

Unterricht im Fach Deutsch ist heute auch kein Unterricht mehr für ausschließlich Deutsch als sogenannte Muttersprache Sprechende, Schreibende und Lesende. Literaturdidaktik kann daher unseres Erachtens am ehesten als eingreifende Kulturwissenschaft verstanden werden. Als „eingreifend“ verstehen sich im Übrigen auch die angelsächsischen „Cultural Studies“, mit denen sich die moderne Literaturdidaktik Forschungsperspektiven wie „race“, „class“, „gender“ und nicht zuletzt „media studies“ teilt.

Ihr Buch „Literaturdidaktik Deutsch“ erscheint mittlerweile in 4., völlig neu bearbeiteter Auflage und ist, das kann man mit Fug und Recht sagen, ein Standardwerk innerhalb der Disziplin geworden. Was ist neu gegenüber den Vorauflagen?

Ulf Abraham: Die Bandbreite behandelter möglicher Unterrichtsgegenstände hat sich weiter vergrößert. Schon in den drei Auflagen vorher reichte sie vom literarischen „Kanon“ über Texte der Kinder-/Jugend- und Unterhaltungsliteratur bis zu Spielfilmen und elektronischen Medien. Jetzt spiegelt sich die aktuelle Entwicklung auf dem kulturellen Handlungsfeld in der Aufnahme eines eigenen Abschnitts über Comics und Graphic Novels. Bei den AV-Medien sind Kurz- und Dokumentarfilme stärker berücksichtigt.

Gestärkt wurde außerdem die Darstellung interkultureller Möglichkeiten des Umgangs mit Literatur, und neu aufgenommen sind Überlegungen zur Literatur im inklusiven Deutschunterricht. Ausgebaut haben wir – der fachdidaktischen Diskussion entsprechend – theaterbezogene Ansätze im Kontext der Dramendidaktik. Schließlich sind, um dem gegenwärtigen Umbruch auf dem Berufsfeld für Lehrkräfte Rechnung zu tragen, auch außerschulische Einsatzfelder für literaturdidaktische Konzepte stärker berücksichtigt worden. Insgesamt haben wir versucht, unsere Überlegungen mit noch mehr praxisnahen Beispielen zu illustrieren.

Die vielleicht auffälligste Neuerung ist ein eigenes Kapitel zum empirischen Arbeiten in der Literaturdidaktik. Es gibt einen einführenden Überblick zu gängigen Methodologien und Methoden einschließlich der dort gebräuchlichen Fachbegriffe anhand von literaturdidaktischen Forschungsarbeiten der letzten Jahre. Damit wollen wir einerseits erreichen, dass solche Arbeiten kritisch gelesen und verstanden werden können. Andererseits gibt das Kapitel erste Anregungen für eigene empirische Forschungsvorhaben.

Diese Erweiterungen haben uns allerdings auch dazu gezwungen, die ehemals eigenständigen Kapitel zur Geschichte des Deutschunterrichts und zu Unterrichtsmedien aufzulösen und die entsprechenden Inhalte an dafür geeigneten Stellen zu integrieren.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben, welche Zielgruppe hatten Sie dabei im Blick?

Matthis Kepser: Wir wenden uns mit unserer Einführung an Studierende in allen Phasen des Lehramtsstudiums, an Referendarinnen und Referendare, aber auch an bereits praktizierende Lehrkräfte sowie Ausbilder/-innen an Schulen, Hochschulen und Universitäten. Im Gegensatz zu anderen Einführungen, die derzeit auf dem Markt sind, wollen wir damit keineswegs nur Begleitlektüre für einschlägige Einführungsseminare anbieten. Vielmehr hoffen wir, dass das Buch für alle informierend und anregend ist, die sich mit dem Unterrichten von Literatur und der diesbezüglichen Forschung beschäftigen.

Das Buch
Der Band Literaturdidaktik Deutsch erscheint im Juli in 4., völlig neu bearbeiteter Auflage und bietet eine umfassende Einführung in das Fach, geeignet sowohl zum studienbegleitenden als auch zum prüfungsvorbereitenden Einsatz. Dargestellt werden alle wichtigen Erträge der Disziplin auf dem neusten Stand.

Die Autoren

Prof. Dr. Matthis Kepser, ausgebildeter Gymnasiallehrer mit Unterrichtspraxis, lehrt die Didaktik des Deutschen unter Einschluss der schulbezogenen Medienwissenschaft an der Universität Bremen. Er ist Verfasser und Herausgeber mehrerer fachdidaktischer Publikationen mit dem Schwerpunkt „Medien im Deutschunterricht“.

Prof. Dr. Ulf Abraham, ausgebildeter Gymnasiallehrer mit Unterrichtserfahrung, lehrt Didaktik der dt. Sprache und Literatur an der Universität Bamberg. Er ist Verfasser mehrerer fachdidaktischer Bücher, u. a. zum literarischen Lernen, zu Filmen und Bildern und zur Mündlichkeit im Deutschunterricht, außerdem Mitherausgeber der Zeitschrift Praxis Deutsch.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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