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Nachgefragt bei: Dr. Stefan Descher
Twitter weiterempfehlen  21.08.2017

Descher: „Der Relativismus kommt in verschiedenen Farben, Formen und Größen daher.“

ESV-Redaktion Philologie
Relativismus: Verschiedene Farben, Formen, Größen (Foto: Julia Haun)
Kann man ein Buch, ein Gedicht, richtig oder falsch interpretieren? Oder sind Interpretationen relativ? Stefan Descher im Interview mit der ESV-Redaktion über Relativismus in der Literaturwissenschaft.
Lieber Herr Descher, wie sollte man Ihrer Meinung nach Literatur interpretieren?

Stefan Descher: Das ist eine große Frage! So groß, dass ich ihr zwar nicht ausweichen, aber zunächst einmal nur sehr vage antworten will: Das kommt ganz drauf an!

Ich will das aber gerne präzisieren. Literaturtheoretische Arbeiten, vor allem solche älteren Datums, sprechen oft in sehr allgemeiner Weise über das Interpretieren. Dabei wird übersehen, dass man ganz viele verschiedene Dinge tun kann, wenn man interpretiert. Man kann zum Beispiel nach dem Thema eines literarischen Textes fragen (Worum geht es in Brechts Der Jasager?) oder danach, wie die fiktive Welt genau beschaffen ist (Gibt es den russischen Freund in Kafkas Urteil wirklich?), oder danach, welche symbolische Bedeutung ein bestimmter Ausdruck hat (zum Beispiel das Wort „Fadensonnen“ bei Paul Celan), oder danach, welche Funktion eine bestimmte Szene eines Dramas hat (Was soll eigentlich diese merkwürdige „Walpurgisnacht“ im Faust?) usw. Diese Liste verschiedener interpretativer Tätigkeiten kann man beliebig fortsetzen. Und für all diese Tätigkeiten gelten ganz unterschiedliche Bedingungen.

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Aus meiner Sicht lassen sich viele literaturtheoretische Fragen nur kleinteilig beantworten. So auch die Frage, wie man Literatur interpretieren sollte. Bevor man diese beantwortet, muss man erstmal die Frage stellen, was man überhaupt herausfinden will, was man also im jeweiligen Fall mit „interpretieren“ meint und welches Interpretationsziel man verfolgen will. Und wenn man das geklärt hat, dann kann man im zweiten Schritt auch die methodische Frage stellen, wie man dieses Ziel am besten erreicht. Einfach gesagt: Welche Mittel man wählt, hängt vom Zweck ab.

In Ihrem Buch „Relativismus in der Literaturwissenschaft“ setzen Sie sich mit der Auffassung auseinander, dass Literaturinterpretationen relativ sind. Wie kam es dazu, dass Sie sich gerade mit diesem Thema beschäftigt haben?

Stefan Descher:
Die Frage, inwiefern die Literaturwissenschaft im Kern tatsächlich eine Wissenschaft ist, bei der man auf objektiv gültige Erkenntnisse abzielt, hat mich eigentlich schon seit dem Studium beschäftigt. Das ist wohl auch eine Frage, die ich mir nicht allein stelle, sondern die die Literaturwissenschaft schon seit langer Zeit begleitet. Der Anfang des Buches liegt aber eigentlich gar nicht bei der Literaturtheorie, sondern bei der Ethik. Ich hatte mich im Studium sehr für Moralphilosophie interessiert, insbesondere dafür, ob es so etwas wie eine universal gültige Moral gibt oder ob moralische Normen eben doch nur relativ zu bestimmten Kulturen, Gesellschaften oder historischen Epochen gelten. So entstand die Idee, gewisse Grundgedanken und Argumente der ethischen Debatten auf den Bereich der Literaturinterpretation zu übertragen, wo relativistische Theorien ja ebenfalls weit verbreitet sind. Mit Anleihen bei bestimmten Moraltheorien wollte ich nun sozusagen endgültig beweisen, dass man an der Idee von objektiv richtigen Interpretationen festhalten sollte.

Um es kurz zu machen: Das war eher Größenwahn. Im Buch verfolge ich nun das vergleichsweise bescheidene Projekt, mögliche Begründungen für den Interpretationsrelativismus zunächst einmal so klar wie möglich darzustellen und zu überlegen, an welchen Stellen sie problematisch sein könnten. Ich habe nicht den Anspruch, eine eigene Interpretationstheorie gleich mitzuliefern. Die Gestalt, die das Buch jetzt hat, hat mit dem ursprünglichen Plan also nicht mehr viel zu tun.

Wie kam es dazu, dass sich relativistische Haltungen in Bezug auf die Interpretation von Literatur verbreitet haben? Wann trat dieser Relativismus erstmals auf?

Stefan Descher: Ihre Frage berührt einen Punkt, der in meinem Buch, das sich ausschließlich systematischen Fragen widmet, tatsächlich nur am Rande thematisiert wird: die theoriegeschichtliche Frage nach der Entstehung und Verbreitung relativistischer Interpretationstheorien. Dabei spielt wohl eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle.

In literaturtheoretischen Debatten wird der Relativismus häufig mit der sogenannten „Theoriedebatte“ der 1960er und 70er Jahre in Verbindung gebracht. Im Zuge dieser Debatte wurde die ohnehin schon heterogene literaturwissenschaftliche Landschaft noch wesentlich weiter ausdifferenziert. Das verschärfte eine Situation, die bis heute für alle philologischen Fächer charakteristisch ist: Es gibt nicht mehr die eine maßgebliche Vorstellung davon, wie man Literatur interpretieren soll, sondern eine ganze Reihe zum Teil konkurrierender Theorien, Methoden und Ansätze. Eine wichtige Rolle spielte sicher auch die Abwertung des Autors als einer Instanz, die man beim Interpretieren berücksichtigen soll – der berühmte „Tod des Autors“, wie Roland Barthes es nannte. Wenn der Autor und seine Absichten nicht mehr der entscheidende Maßstab dafür sind, was richtig und was falsch ist, dann hat es der Relativist natürlich schon etwas leichter. Darüber hinaus wurden und werden in der Literaturwissenschaft immer wieder Theorien aus anderen Disziplinen ‚importiert‘, die dann mitunter auch relativistische Konsequenzen mit sich bringen können. Beispiele wären etwa die poststrukturalistische Sprach- und Bedeutungstheorie oder konstruktivistisch orientierte Erkenntnistheorien. Gerade den Einfluss poststrukturalistischer Theorien mit ihrer vehementen Kritik an Begriffen wie ‚Wahrheit‘ und ‚Objektivität‘ kann man wohl kaum überschätzen.

Diese Entwicklungen haben sicher zum Erstarken relativistischer Theorien beigetragen. Das schließt aber nicht aus, dass auch davor bereits relativistische Standpunkte vertreten wurden. Ich denke zum Beispiel an die Hermeneutik Hans-Georg Gadamers. Der hat zwar den Relativismusvorwurf als „Überrumpelungsversuch“ zurückgewiesen, aber man kann sich fragen, wie erfolgreich er dabei war. Ähnlich sieht es möglicherweise mit Emil Staiger aus, der wohl dominierenden Figur der Germanistik der 50er und 60er Jahre. Ich verkürze jetzt sehr, aber Staigers berühmte Antwort auf die Frage, woran sich zeigt, dass man beim Interpretieren richtig liegt, lautet: „Von allen Seiten ruft es: Ja!“. Wenn man nun zugesteht, dass es bei verschiedenen Menschen bei ganz verschiedenen Interpretationen von allen Seiten „Ja!“ rufen kann, dann ist man schon mit einem Bein im Relativismus. Das müsste man aber genau untersuchen. Eine theoriegeschichtliche Arbeit, die nach der historischen Entwicklung relativistischer Literaturtheorien fragt, steht wohl noch aus.

Könnten Sie unseren Lesern kurz erläutern, was sie im Buch erwartet?

Stefan Descher:
Im Grunde geht es um eine simple Frage: Wie gut sind eigentlich die Argumente, die für eine relativistische Auffassung des Interpretierens sprechen? Wobei ich unter so einer ‚relativistischen Auffassung‘, verkürzt gesagt, die These verstehe, dass Interpretationen niemals wirklich richtig oder falsch sein können, sondern dass sie immer nur richtig oder falsch relativ zu bestimmten Faktoren oder sogar gänzlich beliebig sind.

Richtig oder falsch sind Interpretationen immer nur relativ zu den Spielregeln

Diesen Gedanken kann man nun auf ganz unterschiedliche Weise ausbuchstabieren und begründen. Ich unterscheide etwa zwischen dem dekonstruktivistischen, pragmatischen, wahrheitstheoretischen und konstruktivistischen Relativismus. Um nur ein Beispiel zu geben: Bei dem, was ich als pragmatischen Relativismus bezeichne, lautet der Grundgedanke so: Ob eine Interpretation richtig oder falsch ist, hängt davon ab, was die jeweilige soziale Gemeinschaft für richtig oder falsch hält. Anders gesagt: Richtig oder falsch sind Interpretationen immer nur relativ zu den Spielregeln, die in einer bestimmten Interpretengemeinschaft zu einer bestimmten Zeit in Kraft sind.

Es gibt also nicht den einen Relativismus, sondern viele verschiedene?

Stefan Descher:
Ich glaube schon, dass relativistische Theorien der Literaturinterpretation so etwas wie einen gemeinsamen Kern haben. Und das ist die eben erwähnte Vorstellung, dass Interpretationen nicht objektiv richtig sein können. Dennoch kommt der Relativismus tatsächlich in ganz verschiedenen Farben, Formen und Größen daher, und vor allem auch mit unterschiedlicher Radikalität.

Das heißt auch: Die Auseinandersetzung mit den vier genannten Begründungsmöglichkeiten steht zwar im Zentrum des Buches, und sie sind auch meiner Meinung nach die prominentesten. Damit soll aber nicht gesagt sein, dass alle Möglichkeiten erschöpft sind. Relativisten können ganz verschiedene Wege einschlagen. Im letzten Teil des Buches diskutiere ich daher auch noch eine Reihe weiterer relativistischer ‚Problemfelder‘ – zum Beispiel die Frage, ob der Theorien- und Methodenpluralismus der philologischen Fächer mit relativistischen Konsequenzen verknüpft ist.

Sie sagen an einer Stelle des Buches, dass der Relativismus kein rein theoretisches Problem ist. Können Sie das erläutern?

Stefan Descher:
Einfach gesagt: Wer bestimmte Überzeugungen hat, der sollte auch nach ihnen handeln. So auch beim Relativismus. Ich glaube zum Beispiel, dass sich unsere Praxis des Umgangs mit Literatur ändern müsste, wenn der Relativismus wahr wäre. Das gilt jedenfalls für die Universität und den Schulunterricht.

Ich selbst zum Beispiel habe als Dozent für Literaturwissenschaft immer wieder Haus- und Abschlussarbeiten zu benoten, in denen natürlich auch Literatur interpretiert wird. Wenn ich nun wirklich glauben würde, dass das Interpretieren letztlich relativ, vielleicht sogar beliebig ist, auf welcher Grundlage könnte ich solche Bewertungen dann noch abgeben? Das ist nur eine von mehreren ‚praktischen‘ Fragen, auf die ein Relativist Antworten haben sollte. Vielleicht gibt es diese Antworten, aber sie verstehen sich jedenfalls nicht von selbst.

Sie wiesen auf fachinterne Entwicklungen hin, die zur Akzeptanz relativistischer Haltungen beitrugen. Welche anderen Faktoren sehen Sie? Relativismus gibt es ja nicht nur in Bezug auf Literaturinterpretationen.

Stefan Descher:
Sie haben Recht, der Relativismus ist natürlich keine Erfindung von Literaturtheoretikern, sondern mindestens so alt wie das philosophische Denken selbst. Schon mit dem platonischen Protagoras – „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ – liegt so etwas wie eine Standardtheorie des Relativismus vor. Ohne nun per name-dropping durch die Geschichte zu gehen, waren relativistische Gedanken mit gewissen konjunkturellen Schwankungen jedenfalls immer präsent. Und manche Bereiche haben sich dabei als sozusagen ‚Relativismus-affiner‘ erwiesen als andere, etwa der Bereich der Moral oder des Geschmacks. In Bezug auf Geschmacksurteile sind vielleicht sogar die meisten Menschen Relativisten.

Relativieren des eigenen Standpunkts – ein positiver Aspekt des Relativismus

Richtig Schwung nahmen relativistische Theorien aber wohl erst im 20. Jahrhundert auf, mit viel Anlauf im 19. Jahrhundert. Sehr grob gesagt: Entwicklungen auf ganz unterschiedlichen Feldern wie der Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Evolutionstheorie, Psychoanalyse, Soziologie, Ethnologie usw. machten klar, dass der Mensch ein durch Geschichte, Sprache, soziales Umfeld, genetische Ausstattung, Unterbewusstsein usw. bestimmtes Wesen ist und so etwas wie ‚objektive Erkenntnis‘ daher nicht so leicht zu haben ist. Für die Attraktivität relativistischer Positionen spielen aber wohl auch Dinge eine Rolle, die mit „Theorie“ erstmal nichts zu tun haben. Zum Beispiel, dass die Welt enger zusammenrückt: Die Tatsache, dass es andere Gesellschaften, Kulturen, Religionen mit anderen Überzeugungen, anderen moralischen Codes usw. gibt, die von den eigenen zum Teil fundamental verschieden sein können, ist heute sicherlich viel präsenter als noch etwa im 19. Jahrhundert. Die Erfahrung, dass andere die Welt anders sehen, kann natürlich dazu führen, dass man den eigenen Standpunkt relativiert. Das ist sicher auch einer der positiven Aspekte des Relativismus.

Heute jedenfalls sind relativistische Haltungen so prominent wie nie zuvor. Wenn sogar in höchsten Regierungskreisen behauptet wird, dass Tatsachen relativ zur jeweiligen Perspektive sind (die berüchtigten ‚alternative facts‘), dann ist der Relativismus in der breiten Öffentlichkeit angekommen.

Insgesamt kann man daher sagen, dass das Aufkommen relativistischer Theorien der Literaturinterpretation im Zusammenhang mit einer generell größeren Akzeptanz für relativistische Haltungen zu sehen ist.

Was ist Ihr ganz persönlicher Ansatz bei Literaturinterpretationen?

Stefan Descher:
Ich bin zunächst einmal für Offenheit für das, was der zu interpretierende Text anbietet: Einer von vielen schönen Aspekten der Literatur ist ja, dass man sie unter ganz verschiedenen Perspektiven betrachten, ganz verschiedenartige Fragen an sie stellen kann – und daran ist, nebenbei bemerkt, auch nichts relativistisch. Natürlich sind im Rahmen der universitären Literaturwissenschaft gewisse Fragen dringlicher als andere, zum Beispiel literaturgeschichtliche. Es gibt aber aus meiner Sicht keinen Grund, nicht erstmal völlig offen dafür zu sein, welche Fragen die zu interpretierenden Texte selbst aufwerfen.

Die Wissenschaft beginnt dann aber erst: Zumindest das universitäre Lesen und Interpretieren, das sich vom Lesen im Alltag ja doch unterscheidet, geht meiner Meinung nach mit gewissen rationalen Anforderungen einher. Das klingt vielleicht etwas trocken und humorlos, heißt aber einfach nur: Welche Fragen auch immer man an Texte stellt, man sollte bereit sein, seine Antworten auch mit Gründen zu stützen. Kurz: Ich würde zwar sagen, dass beim Interpretieren erstmal alle Fragen erlaubt sind. Bei der Beantwortung dieser Fragen kommt es dann allerdings darauf an, wie gut die Argumente sind, wie gut man seine Interpretationen also – in der Regel direkt am Text – begründen kann.


Das Buch
Das Buch Relativismus in der Literaturwissenschaft. Studien zu relativistischen Theorien der Interpretation literarischer Texte erscheint im August im Erich Schmidt Verlag als Print und eBook. Sie können es bequem hier bestellen.

Der Autor
Dr. Stefan Descher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie (Georg-August-Universität Göttingen). Seine Forschungsschwerpunkte liegen u. a. im Bereich der Literaturtheorie und der deutschsprachigen Literatur nach 1945.

(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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