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Literaturdidaktik Deutsch
Twitter weiterempfehlen  22.06.2016

Die Aufgaben des Literaturunterrichts zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Matthis Kepser / Ulf Abraham
Arbeiten mit Literatur (Foto: Syda Productions/Fotolia.com)
Der Literaturunterricht in der Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Neue Medien und andere (Lese-)Bedingungen erfordern auch eine neue Literaturdidaktik.
Fragt man nach den Aufgaben, die Literaturunterricht am Anfang des 21. Jahrhunderts hat, so geht es zwar noch immer um „Literarische Bildung“. Aber sie wird anders aufgefasst und vor allem anders angebahnt, als das in der Geschichte des Deutschunterrichts lange Zeit der Fall war. (…) Eine wesentliche Aufgabe ist die Leseförderung. Aufgebaut werden muss eine Lesehaltung für nicht-pragmatische Texte, die einerseits auf Genuss und inneren Nachvollzug, andererseits auf die Fähigkeit und Bereitschaft zur kulturellen Teilhabe zielt.

Als eingreifende Kulturwissenschaft beschäftigt sich die Literaturdidaktik mit der wissenschaftlichen Erschließung des kulturellen Handlungsfeldes „Literatur“ in Bezug auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige Lehr- / Lernkontexte.

Das im Unterricht zu Vermittelnde ist auch nicht allein Literatur (bzw. ein literarischer Text als jeweiliger „Gegenstand“), sondern es ist die kulturelle Praxis Literatur und die Fähigkeit der Teilhabe an ihr. (…)

Die Rolle von Literatur reflektieren

Daher ist ein literaturdidaktisches Fundament nur im Überschneidungsbereich ganz verschiedener Bezugswissenschaften zu errichten. Dazu gehören außer der Literatur- auch die Theater-, die Buch-, die Medien- (besonders die Film-) sowie die Übersetzungswissenschaft. Im weiteren Sinn spielen ferner alle Kulturwissenschaften eine Rolle, da es einer Didaktik der Literatur um die dreigeteilte Frage gehen muss: Welche Funktion hat Literatur nicht nur für den Einzelnen persönlich (individuelle Bedeutsamkeit), sondern auch als Katalysator der Kommunikation (soziale Bedeutsamkeit) und schließlich für die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft, der Literatur schon immer ihre Ideale, Werte, Normen und Konventionen vorgehalten hat.

Nicht selten tat und tut sie dies in durchaus kritischer, auf Veränderung von Denk- und Lebensweisen zielender Absicht: Die anthropologische Bedeutung der Literatur erscheint hier als grundlegend. So dient sie ganz wesentlich als kulturelles Menschheitsgedächtnis. Dass sie Individuation, Sozialisation und Enkulturation unterstützt, gilt weit über das Subsystem der Kinder- und Jugendliteratur hinaus. (…)

Ein neuer weiter Literaturbegriff

Im Kontext der Literaturdidaktik ist nur ein weiter Literaturbegriff tragfähig, der zum einen alle literarischen Texte in deutscher Sprache inkludiert, also auch übersetzte Literatur. Zum anderen gehören dazu nicht nur gedruckte Hochliteratur und populäre Unterhaltungsliteratur, sondern auch Theateraufführungen, Hörspiele oder Filme. (…) Der Literaturunterricht hat sich außerdem mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen auseinanderzusetzen, die auch (schul-)kulturelle Veränderungen nach sich ziehen, v. a. mit Mehrsprachigkeit und Migration (transkulturelle Bildung) sowie mit der Einrichtung inklusiver Lerngruppen.

Zu den Grundlagen gehört weiterhin die reflektierte Vermittlung von Gattungskonzepten, wobei die traditionelle Trias von Epik, Lyrik und Drama / Theater um die neueren Formen Film und Comic, vielleicht sogar interaktive Literatur erweitert werden sollte. Wie mit Epochenkonstrukten im Unterricht umgegangen werden soll, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage, da sie einerseits von der Literaturwissenschaft heftig kritisiert worden sind, andererseits aber doch im allgemeinen kulturellen Diskurs nach wie vor vorausgesetzt werden.

Als Basiskompetenz gilt hier die der Mitteilung und des Austauschs über literarische Erfahrung („Anschlusskommunikation“). Zur literarischen (Aus-)Bildung gehört auch, den Lernenden die Möglichkeit und den Freiraum zu lassen, eigene Lesarten zu vertreten, die sie freilich intersubjektiv verständlich begründen können müssen.

Und schließlich hat der Literaturunterricht einen Beitrag zur Sprach- und Medienreflexion zu leisten: Es ist zu fragen, welchen Beitrag die Lektüre und Analyse von literarischen Texten zur Ausbildung von Sprachbewusstsein leistet.

Der Vergleich der Printliteratur mit literarischen Ausdrucksformen in den anderen Medien gehört daher ebenfalls zu den Aufgaben des Literaturunterrichts. Dabei sollte man die verschiedenen Medien nicht gegeneinander ausspielen, sondern einerseits ihr spezifisches (ästhetisches) Potential und andererseits ihre transmediale Verfasstheit (be-)achten.

Literaturdidaktik zwischen Normativität und Empirie

Mit dem sogenannten PISA-Schock (…) wurde deutlich, dass die Deutschdidaktik bis dato zwar viele gut gemeinte Modelle und Unterrichtsvorschläge für den Deutschunterricht entwickelt hatte, die unterrichtliche Praxis aber äußerst bedenkliche Defizite aufweisen kann. Seitdem spielen (nicht nur) in der Literaturdidaktik empirische Studien eine immer größere Rolle, die auf der Basis sozialwissenschaftlicher Methoden unterrichtliche Wirklichkeit und Wirksamkeit zu erfassen versuchen (…). Unter dem hier zugrunde gelegten Verständnis der Deutschdidaktik als eingreifende Kulturwissenschaft halten wir solche Untersuchungen für eine wichtige sowie notwendige Ergänzung konzeptioneller und normativer Erwägungen. Sie können diese freilich nicht ersetzen.

(Auszüge aus dem Band Literaturdidaktik Deutsch)

 
Das Buch
Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung von Prof. Dr. Matthis Kepser und Prof. Dr. Ulf Abraham erscheint im Juli in 4., völlig neu bearbeiteter Auflage. Die Teildisziplin der Literaturdidaktik wird auf dem neuesten Stand präsentiert und weiterführend diskutiert.

Das Buch beschreibt die Aufgaben des Literaturunterrichts und stellt kritisch methodische Konzepte für den Umgang mit literarischen Texten dar. Erstmalig bietet es auch einen Überblick zu empirischen Forschungsmethoden in der Literaturdidaktik.

Die Autoren
Prof. Dr. Matthis Kepser, ausgebildeter Gymnasiallehrer mit Unterrichtspraxis, lehrt die Didaktik des Deutschen unter Einschluss der schulbezogenen Medienwissenschaft an der Universität Bremen. Er ist Verfasser und Herausgeber mehrerer fachdidaktischer Publikationen mit dem Schwerpunkt „Medien im Deutschunterricht“.
Prof. Dr. Ulf Abraham, ausgebildeter Gymnasiallehrer mit Unterrichtserfahrung, lehrt Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Bamberg. Er ist Verfasser mehrerer fachdidaktischer Bücher, u. a. zum literarischen Lernen, zu Filmen und Bildern und zur Mündlichkeit im Deutschunterricht, außerdem Mitherausgeber der Zeitschrift Praxis Deutsch.

(ESV)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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