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Nachgefragt bei: Markus Dohm
Twitter weiterempfehlen  11.04.2017

Dohm: „Mitarbeiter müssen nicht nur qualifiziert sein, sondern auch motiviert und gesund“

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Markus Dohm: „Digitalisierung betrifft jedes Unternehmen und jede Branche” (Foto: TÜV Rheinland)
Bei der digitalen Transformation stehen meist Technologien, Prozesse und Geschäftsmodelle im Vordergrund. Dass faktisch der Mensch der Motor des gesellschaftlichen Wandels ist, gerät oft aus dem Blickfeld. Warum Unternehmen vom Chef bis zum Angestellten umdenken sollten, erläutert Markus Dohm (TÜV Rheinland) im Interview mit der ESV-Redaktion Arbeitsschutz.
Alle sprechen von Digitaler Transformation. Wie weit ist Deutschland?

Markus Dohm: Deutschland ist keine Insel. Digitalisierung betrifft jedes Unternehmen und jede Branche. Sie ändert alle Geschäftsmodelle – manche langsamer, manche schneller – und das bisweilen sogar radikal. Es gibt sehr viele gute Beispiele, wo Unternehmen darin bereits sehr erfolgreich unterwegs sind und neue Arbeitsplätze schaffen.

Trotzdem dominiert in Deutschland flächendeckend noch eher Zurückhaltung. Das spiegelt sich zum Beispiel in der eher schleppenden Arbeitsplatz-Modernisierung, aber auch in der Tatsache, dass zahlreiche Berufsbilder darauf warten, endlich vom 50er-Jahre-Muff befreit und der digitalen Realität angepasst zu werden. Auch unser Bildungswesen hat noch deutlichen Nachholbedarf in punkto digitale Strategien. Wir müssen uns allerdings klarmachen, dass die digitale Transformation zahlreiche traditionelle Arbeitsplätze bedroht und wir heute Strategien für ein erfolgreiches Morgen brauchen.

Wie sollten Unternehmen auf den Wandel reagieren?

Markus Dohm: In Deutschlands Unternehmen ist Digital Leadership gefragt: Die Kompetenz, Unternehmen in jeder Phase der digitalen Transformation richtig und erfolgreich zu führen und zwar so, dass Weiterentwicklung möglich ist – eine Weiterentwicklung nicht nur der Zahlen und Produkte, sondern der Menschen, die die Wertschöpfung im Rahmen eines disruptiven Wandels erbringen sollen - durch Befähigung, Motivation und Kompetenzaufbau. Denn der technische Fortschritt beschleunigt sich nun mal.

Für Unternehmen, die den Anschluss an ihre Märkte nicht verlieren wollen, ist es kritisch, wenn sich einmal angeeignetes Wissen, das in Schulen, Hochschulen oder der dualen Ausbildung vermittelt wird, immer schneller entwertet. Das gilt allerdings nicht nur für Organisationen, sondern auch für das Individuum. Die Fähigkeit, sich schnell in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten und sich ständig weiterzubilden, gewinnt immer mehr an Bedeutung, und zwar um den eigenen Arbeitsplatz nicht zu verlieren oder neue Tätigkeiten überhaupt übernehmen zu können.

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Was in der Diskussion über Chancen und Risiken der Digitalen Transformation viel stärker in den Vordergrund rücken muss, ist das, was wir bei TÜV Rheinland den Erhalt bzw. den Aufbau von „Employability“ nennen und daran haben Unternehmen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels – ein vitales Interesse. Aber Employability, also „Beschäftigungsfähigkeit“, ist mehr als reine Arbeitskraft: Es geht um die Fähigkeit, mit dem beständigen Wandel so umzugehen, dass Individuum und Unternehmen davon profitieren und nicht zurückfallen oder sogar darunter leiden. Mitarbeiter müssen nicht nur qualifiziert sein, sondern auch motiviert und gesund. Hier sind Unternehmen in punkto betriebliches Gesundheitsmanagement viel stärker in der Pflicht als früher.

Welche Auswirkungen hat die digitale Transformation auf die Gesundheit?

Markus Dohm: Den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens miteinander in Einklang zu bringen, ist eine Herausforderung. In einer Studie der Barmer Krankenkasse hat sich das noch einmal bestätigt: Erwerbstätige spüren den Veränderungs- und den technologischen Anpassungsdruck, sie klagen über Information Overload.

Ständige Erreichbarkeit auf mehreren Kanälen – das kann in Belastung ausarten. 23 Prozent der Befragten fühlen sich durch ihre Arbeit emotional erschöpft. Es gibt signifikante Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, emotionaler Erschöpfung, also auch Burnout, und Konflikten zwischen Arbeit und Familie. Jeder Vierte gibt an, die heutigen Arbeitsanforderungen beeinträchtigten sein Privat- und Familienleben. Das ist eine Entwicklung, die doch keiner wollen kann.

Was ist die Lösung?

Markus Dohm: Unternehmen, die ein betriebliches Gesundheitsmanagement etablieren bzw. es weiter professionalisieren, haben nachweislich nicht so hohe Krankenstände, auch sind die Personalfluktuation und die Abwanderung von Talenten nicht so hoch. Wir alle müssen lernen, mit dem Wandel konstruktiv umzugehen und die Veränderung nicht nur akzeptieren sondern gestalten. Mitarbeiter und Führungskräfte müssen nicht nur den Umgang mit neuen Technologien beherrschen, sondern auch sich selbst modernisieren können.

Zugleich gilt es, Mitarbeitende für Chancen und Gefahren der Digitalisierung zu sensibilisieren und deren Selbst-Management-Fähigkeiten zu schulen. Das kann z.B. der Lernprozess sein, in freien Zeiten digitale Abstinenz von der Arbeit zu üben. Für manch einen Chef kann das schon ein großes Commitment gegenüber dem Mitarbeiter sein. Aber auch Führungskräfte benötigen Unterstützung in Bezug auf Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung. Auch sie müssen lernen, Arbeitszeitflexibilität zu schaffen und Home-Office-Möglichkeiten anzubieten und auch auf die Entfernung virtuelle Teams zu führen, getreu dem Motto: Moderieren statt befehlen.

Nur flexible Unternehmen können Arbeitsplätze schaffen und besetzen, die durch die Digitalisierung neu entstehen. Unerlässlich ist auch eine Evolution in den Köpfen: Was wir brauchen, ist eine Fehlerkultur, die Scheitern und Fehler auf dem Weg zum Erfolg mit einkalkuliert und verzeiht.

Welche Kompetenzen brauchen die Mitarbeiter?

Markus Dohm: Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem unternehmerische Innovationen und wirtschaftliches Wachstum primär auf Wissen, Kreativität sowie Kommunikations- und sozialen Fähigkeiten basieren. Innovationsbereitschaft und -fähigkeit, verstärkte Eigenverantwortung und die Offenheit für lebenslanges Lernen zählen daher zu den Kernkompetenzen des digitalen Zeitalters.

Wie können die Menschen das leisten?

Markus Dohm: Indem man ihnen arbeitsintegrierte Lernszenarien als Chance und motivationale Formate anbietet, die auch psychologisch entlastend wirken können. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter genau das Wissen und die Kompetenzen zu exakt dem Zeitpunkt erhalten, an dem sie es benötigen, um neue Aufgaben zu bewältigen.

Lernangebote sollten modularer und fester Bestandteil der Arbeitsprozesse werden. Passen sie sich an die Bedürfnisse von Unternehmen und Mitarbeiter an, sind sie im Rahmen der Digitalen Transformation für beide Seiten auf jeden Fall ein Wettbewerbsvorteil.

Zur Person
Markus Dohm ist Diplom-Ingenieur (Bauingenieurwesen) und Wirtschaftswissenschaftler. Seit 2015 ist er Bereichsvorstand Academy & Life Care beim TÜV Rheinland, wo er auch die TÜV Rheinland Akademie GmbH als Geschäftsführer leitet.

Weiterführende Literatur
Sohn/Au: Führung und Betriebliches Gesundheitsmanagement: Die Digitalisierung der gesamten Arbeitswelt, die Vernetzung von Maschinen und Arbeitsmitteln untereinander, die Globalisierung von Handel, Dienstleistung und Produktion, die immer kürzeren Innovationszyklen, die Miniaturisierung immer neuer Technikfelder und eine nahezu inflationäre Informationsflut erfordern von Unternehmen und Beschäftigten ein Maß an Flexibilität und Einsatzbereitschaft, welches noch vor wenigen Jahren in diesem Umfang nicht zu prognostizieren war. Diese Entwicklungen finden vor dem Hintergrund einer sich durch demografische Veränderungen und gleichzeitig durch eine Migrationsbewegung historischen Ausmaßes grundlegend wandelnden Gesellschaft statt.

Diese Entwicklungen werden mit Sicherheit gravierende Einflüsse auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in Deutschland erhalten. Es ist daher erforderlich, insbesondere angesichts heterogener Belegschaften, verstärkt zu berücksichtigen:

• die betrieblichen Abläufe gut zu gestalten
• psychische Belastungen einschließlich Arbeitszeit und Arbeitsintensität zu beurteilen und ggf. zu optimieren
• Führungsmethoden fair, transparent und partizipativ zu gestalten
• Personalentwicklung zu betreiben, einschließlich der erforderlichen fachlichen und sozialen Kompetenzen
• betriebliche Gesundheitsförderung zu betreiben.


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(ESV/ck)

Programmbereich: Arbeitsschutz

 
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