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Twitter weiterempfehlen  07.12.2016

Ein schönes Buch unter dem Weihnachtsbaum

ESV-Redaktion Philologie
Immer gerne gesehen: Bücher unter dem Weihnachtsbaum (Foto: Astrid Meine/Fotolia.com)
Zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken zählen auch in der Welt der neuen Medien nach wie vor Bücher. Dazu könnten und sollten auch wissenschaftliche Werke gehören, wenn sie durch Themen und gedankliche Klarheit über den Kreis von Spezialisten hinaus Leserinnen und Leser ansprechen.
Unsere besondere Empfehlung gilt dem Buch von Norbert Oellers Überzeugung durch Poesie. Zur deutsch-jüdischen Literatur von Ludwig Börne bis Else Lasker-Schüler: Hier wird ein zentraler Bereich der deutschen Literatur wissenschaftlich kompetent, in eindrucksvoller Sprache unter vielen verschiedenen Aspekten vorgestellt und diskutiert.

Gedanken zur deutsch-jüdischen Literatur

Hartmut Steinecke und Volker C. Dörr haben in dem Buch insgesamt 15 einschlägige Beiträge des Bonner Germanisten Norbert Oellers zur deutsch-jüdischen Literatur von Ludwig Börne bis Else Lasker-Schüler herausgegeben. Der Sammelband erschien anlässlich des 80. Geburtstags von Norbert Oellers und honoriert dessen bemerkenswerte Arbeit zur deutsch-jüdischen Literatur. Obwohl er in erster Linie für seine Arbeiten zur „Weimarer Klassik“ bekannt ist, kennt Norbert Oellers sich auch auf diesem Gebiet bestens aus. Zeitweise lehrte er im Rahmen einer Gastprofessur an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

In den abgedruckten Arbeiten verbindet Norbert Oellers auf eindrucksvolle Weise interessante Aspekte aus Leben und Werken von Ludwig Börne, Heinrich Heine, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Joseph Roth und Else Lasker-Schüler mit Gedanken zu Religion und deutsch-jüdischer Literatur. Hier ein kleiner Einblick in Norbert Oellers aufschlussreiche Schilderungen:

Ausschnitt aus dem Beitrag: Heines „Hebräische Melodien“

„Alles ist Vermächtnis, vieles Testament" – das Geschriebene des jüdischen Dichters Heine, der am 28. Juni 1825 in Heiligenstadt getauft wurde und dabei seinen Vornamen Harry eintauschte gegen Johann Christian Heinrich, aber sein Judentum nicht preisgab. Gegen Ende seines Lebens drängt sich noch einmal vieles zusammen von dem, was ihm widerfahren war, was er erfahren hatte aus Vorzeiten und in seinen Gegenwarten; so in den „Hebräischen Melodien“, dem letzten Zyklus seiner letzten selbständig erschienenen Gedichtsammlung „Romanzero“ (1851). Die Gedichte lassen sich lesen wie die aufs Wesentliche zusammengefaßte Summe einer vielverzweigten Geschichte.

Wo anfangen, da doch vieles zum Thema schon geschrieben und gesagt wurde? Bei den Großeltern? Bei den Eltern? Bei den Erinnerungen Heines an seine Kindheit und Jugend? Bei den frühen Veröffentlichungen, mit denen sich der Verfasser Harry Heine als „H. Heine“ vorstellte (was sich später als praktisch erwies, weil das Initial leicht zum Taufnamen Heinrich verlängert werden konnte)?

Der nicht getaufte Jude wäre vor allem in seiner Tätigkeit als Mitglied des Berliner „Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden“, dem er am 4. August 1822 beitrat, anzusehen. Was tat er in diesem ‚Assimilationsverein‘, um Hoffnungen (welche?) zu stärken und Überzeugungen (welche?) zu gewinnen?  Es mag auch die Trauer über das nahe Ende des Vereins gewesen sein, die ihn im Oktober 1824 (in Göttingen) an Moses Moser (in Berlin) dichten ließ:

„Brich aus in lauten Klagen, // Du düstres Martyrerlied, // Das ich so lang getragen //Im flammenstillen Gemüth’.
Es dringt in alle Ohren, // Und durch die Ohren in’s Herz; // Ich habe gewaltig beschworen// Den tausendjährigen Schmerz.
Es weinen die Großen und Kleinen, // Sogar die kalten Herr’n, // Die Frauen und Blumen weinen, // Es weinen am Himmel die Stern’.
Und alle die Thränen fließen // Nach Süden, im stillen Verein, // Sie fließen und ergießen //Sich all’ in den Jordan hinein.”

Ist dies der große Judenschmerz, acht Monate vor der Taufe, durch die sich Heine, wie es scheint, zum Marranen machte? Seit April 1824 schrieb er am „Rabbi von Bacherach“, hatte den Stoff dazu in der Göttinger Bibliothek zusammengetragen, „eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes“. Über das Fragment ließe sich so reden, als sei es einer der beiden Pfeiler, auf denen die Brücke ruht, über die der Lebensweg des Juden Heine führte. Der andere Pfeiler, nicht so massiv, aber haltbar auch er: der Zyklus der „Hebräischen Melodien“, der die „Gedächtnißfeyer“-Verse nicht zurücknimmt: „Keine Messe wird man singen, / Keinen Kadosch wird man sagen, / Nichts gesagt und nichts gesungen / Wird an meinen Sterbetagen.“

Danach noch der kurze Weg bis ans Ende: das Nachwort des „verlorenen Sohnes“ […] zum „Romanzero“, die Vorrede zur zweiten Auflage von „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“: „Ich bekenne[...] unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist“; schließlich die „Geständnisse“ des von der Lektüre der Bibel tief Bewegten („ich verdanke ihr viel. Sie hat [...] das religiöse Gefühl wieder in mir erweckt“), der die Nähe des über alles und alle geschätzten Moses („er schuf Israel!“) suchte– auf dem Weg ins Gelobte Land. Dies und anderes gehört zum Kontext der „Hebräischen Melodien“, der so komplex und kompliziert ist, daß hier nur flüchtig auf ihn gezeigt werden soll.

Synthese oder Wunde?

Wer über die „Hebräischen Melodien“ spricht, sollte auch, wenigstens mit einigen Sätzen, über den Weg sprechen, der zu ihnen hin und über sie hinaus geführt hat. Er braucht sich dabei aber nicht mit der gelegentlich nachdrücklich vertretenen These zu beschäftigen, Heine sei „das einzige große Beispiel geglückter Assimilation, das die gesamte Geschichte der Assimilation aufzuweisen hat“; oder, noch nachdrücklicher formuliert: „Einmal zumindest, einmal ist einem Dichter in unserem Land die große Synthese zwischen Deutschtum und Judentum als Summe zweier Identitäten gelungen [...] und dieser einzige war Heinrich Heine.“

Das ist so problematisch wie die oft wiederholte Versicherung, mit den „Hebräischen Melodien“ habe Heine zum Judentum zurückgefunden. Denn ist es nicht gerade umgekehrt? Er hat nirgendwohin zurückgefunden, in ihm konnte keine Synthese glücken, weil sich These und Antithese nicht aufhoben, weil in der Kluft zwischen ihnen das Verhängnis lauerte, so daß, wer sich hineinbegab, unheilbar verwundet, ja selbst zur Wunde wurde. So hat es zwar Adorno nicht gemeint, dessen Essay „Die Wunde Heine“ mit der lapidaren Feststellung ans Ende kommt: „Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte“; aber immerhin kann dieses Bild zur Steigerung gebraucht werden: Die Wunde bezeichnet nicht nur, sondern sie war und bleibt – hier räumlich vorgestellt – die dauernde Kluft, die auch und gerade Heine ist.“
 
Zum Autor
Norbert Oellers studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Köln, München und Bonn, wo er 1965 promoviert wurde und sich 1973 habilitierte. Von 1975 bis 2002 war er Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Bonn. Zeitweise lehrte er im Rahmen einer Gastprofessur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er ist Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe und Mitherausgeber der kritischen Else-Lasker-Schüler-Ausgabe. Zu seinen Arbeitsgebieten zählen Editionstheorie und -praxis sowie deutsche Literaturgeschichte von der Klassik bis zur Moderne.

Zu den Herausgebern
Hartmut Steinecke
war Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Paderborn. Seine Gastprofessuren führten ihn in die USA, nach Österreich und Ungarn. Er ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Volker C. Dörr ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Düsseldorf. Er hat Bücher und Aufsätze zur deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart veröffentlicht und ist Autor eines Einführungslehrbuchs zur Weimarer Klassik sowie Mitherausgeber zweier Brief- und Tagebuchbände der Frankfurter Goethe-Ausgabe.

Steinecke und Dörr sind Herausgeber des Werks Norbert Oellers: Überzeugung durch Poesie

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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