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Nachgefragt bei: Claudia Liebrand und Hartmut Steinecke
Twitter weiterempfehlen  21.11.2016

„E.T.A. Hoffmann ist einer der aufregendsten und eigenwilligsten deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts“

ESV-Redaktion Philologie
Gedenktafel am E.T.A. Hoffmann-Haus in Bamberg (Foto: Andreas Praefcke)
Das E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch erscheint seit 1992 im Erich Schmidt Verlag. Die beiden Herausgeber, Prof. Dr. Hartmut Steinecke und Prof. Dr. Claudia Liebrand, sprechen im Interview mit der ESV-Redaktion über die diesjährige Ausgabe und den „Universalkünstler“ E.T.A. Hoffmann.
Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft hat ihren Sitz in Bamberg und ist eine sehr lebendige Gesellschaft innerhalb der „Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten“ in Deutschland mit mehr als 400 Mitgliedern im In- und Ausland. Welche Rolle kommt der Gesellschaft bei der Präsenz des Künstlers E.T.A. Hoffmann im öffentlichen Bewusstsein zu?

Hartmut Steinecke: Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft verbreitet das Bild des Künstlers durch Ausstellungen, Vorträge, Musikveranstaltungen, Publikationen, insbesondere im „Hoffmann-Haus“ in Bamberg, seiner als modernes Museum eingerichteten, einzigen erhaltenen Wohnstätte. Die Mitglieder der Gesellschaft erhalten das „Jahrbuch“ als Jahresgabe, dadurch bleiben sie mit der Entwicklung der Hoffmann-Forschung in engem Kontakt.

Der Vorgänger des E.T.A. Hoffmann-Jahrbuchs erschien von 1938 bis 1991 unter dem Titel „Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft“. Seit 1992 erscheint das Jahrbuch einmal jährlich im Erich Schmidt Verlag. Kultur und Gesellschaft haben sich seitdem stark gewandelt. Wie hat das Jahrbuch darauf reagiert?

Hartmut Steinecke: Die „Mitteilungen“ richteten sich intern nur an die Mitglieder der Gesellschaft. Das „Jahrbuch“ hingegen stellte von Beginn an die Forschung in den Mittelpunkt und setzte sich als Ziel, zum wichtigsten Forum der internationalen Forschung zu werden. Die Manuskriptangebote von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt zeigen, dass dieses Ziel erreicht wurde. Das aktuelle Jahrbuch z.B. enthält Beiträge aus Frankreich und den USA.

„Grundfragen der Gesellschaft lassen sich anhand Hoffmanns Texten differenziert erörtern”

Hoffmanns Werke bieten herausragende, daher unter vielen Aspekten zu behandelnde Beispiele für zentrale Themen und Methoden heutiger Entwicklungen in Kunst und Wissenschaft, etwa in den Feldern Intermedialität oder Wissenspoetik. Auch Grundfragen der Gesellschaft wie ihr Umgang mit Außenseitern, „Anderen“, oder Probleme changierender Identitäten lassen sich anhand seiner Texte differenziert erörtern. Die Vielschichtigkeit von Hoffmanns Gesamtwerk führt dazu, dass in den letzten Jahrzehnten jede Generation von Lesern und Forschern neue, darunter auch aktualisierende Zugänge zu ihm gefunden hat.    

Das E.T. A. Hoffmann-Jahrbuch versteht sich „als ein Forum für Diskussionen über den Autor, sein Werk und dessen Kontexte“. Sie als Herausgeber sind verantwortlich für die Zusammenstellung der im Jahrbuch veröffentlichten Artikel. Dabei glückt es Ihnen offenbar problemlos jedes Jahr aufs Neue, interessante Beiträge zur Hoffmann-Forschung für das Jahrbuch zu gewinnen. Worin liegt die besondere Faszination an dem Künstler und seinem Werk?

Claudia Liebrand: E.T.A. Hoffmann ist tatsächlich einer der aufregendsten und eigenwilligsten deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts – ein Autor mit weltliterarischer Wirkungsgeschichte. Sowohl von der Literaturkritik als auch von der Literaturwissenschaft wurde er bis ins letzte Jahrhundert hinein als Gespensterhoffmann verunglimpft und in die ‚Trivialitätsecke‘ gestellt. Das poetologische und ästhetische Raffinement, die narratologischen Herausforderungen der Hoffmann’schen Texte rückten erst in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Blick.

Es fällt schwer Œuvres anderer Autoren ausfindig zu machen, die mit der selben Konsequenz intermedial angelegt sind – und die einen solchen Reichtum an Genres, vom Schauerroman, über das Nachtstück, über das romantische Kunstmärchen, zum ‚tierischen Bildungsroman‘ und zum Bild und Text integrierenden Capriccio, aufzuweisen haben.

E.T.A. Hoffmann war nicht nur ein außergewöhnlicher Schriftsteller, sondern widmete sich auch anderen Künsten. Von Beruf war er, wie so viele bedeutende Schriftsteller, Jurist. Wie gelingt es dem Jahrbuch, dieser beachtlichen Vielseitigkeit gerecht zu werden?

Claudia Liebrand: Ja, Hoffmann gehört – wie Goethe, Kleist, Eichendorff, Kafka – zu den ‚Dichterjuristen‘. Er war in diesem Beruf sogar erfolgreicher als die meisten seiner Schriftstellerkollegen, hatte aber auch größten Ärger mit seinen obersten Vorgesetzten auszuhalten. Neben der juristischen und der schriftstellerischen Tätigkeit wirkte er als Komponist - er komponierte die erste romantische Oper: „Undine“ -, als Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist.

Hoffmann als Zeichner, Komponist, Jurist und Musiktheoretiker

Dem E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch als Beigabe hinzugefügt sind immer wieder – drucktechnisch aufwendig hergestellte – Zeichnungen aus der Feder Hoffmanns: im Jahrbuch 2015 beispielsweise eine Zeichnung aus der Sammlung von Stefan Zweig „Dall Occa. Concertspielen“ aus dem Jahr 1820. Und unter den Aufsatzbeiträgen finden sich selbstverständlich regelmäßig solche, die sich mit Hoffmann als Zeichner, als Komponist, als Jurist und Musiktheoretiker auseinandersetzen. Das Jahrbuch versteht sich ausdrücklich als Plattform, die Diskussionsbeiträge zu Hoffmann auch etwa aus der Musikwissenschaft oder der Kunstgeschichte zusammenführt.

Was sind die Schwerpunkte im aktuellen E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 2016?

Claudia Liebrand: Der Band bietet eine Reihe von Beiträgen, die einige der kanonischen Texte Hoffmanns innovativ perspektivieren: etwa eine traumatheoretisch versierte Lektüre des Romans „Die Elixiere des Teufels“ und eine Fragen von Gender und Imagination verhandelnde Interpretation des Märchens „Nussknacker und Mausekönig“. Ein Beitrag beschäftigt sich mit „The Urban Scoundscape“, dem Lärm der Stadt im Hoffmann’schen Œuvre. Wie kontrovers Hoffmanns Nachtstück  „Der Sandmann“, der bis heute wirkmächtigste Text des Autors, (immer noch) von der Hoffmannphilologie verhandelt wird, zeigt ein kritischer Forschungsbericht.

Hartmut Steinecke: Dazu ergänzend: Wie in fast jedem Jahrbuch werden auch in dem aktuellen 2016 Aspekte der weltweiten Verbreitung der Werke Hoffmanns erörtert. Ein Beitrag befasst sich mit neuesten Hoffmann-Übersetzungen und -forschungen in Frankreich. Ferner wird ein „E.T.A. Hoffmann-Portal“ vorgestellt, das soeben in Zusammenarbeit der Staatsbibliotheken Berlin und Bamberg entsteht.

Es hat das Ziel, in populärer Form ein Grundwissen über Hoffmann zu bieten, aber auch, die neuen Hoffmann-Bilder der Forschung an einen breiteren Leserkreis zu vermitteln. Auch dieses Projekt zeigt, wie die Entwicklung des „Jahrbuchs“, das gestiegene Interesse der Forschung an dem spannenden und spannungsreichen, unterhaltsamen und unheimlichen, fantasievollen, artistischen und humoristischen Werk des „Universalkünstlers“ E.T.A. Hoffmann.
 
Die Herausgeber
Die Herausgeberin Dr. Claudia Liebrand ist Professorin an der Universität zu Köln am Institut für Deutsche Sprache und Literatur. Habilitation 1995 über E.T.A. Hoffmann. Publikationen zur europäischen Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, zu Geschlechterdifferenz, Psychoanalyse und Film.

Der Herausgeber Dr. Dr. hc. mult Hartmut Steinecke ist em. Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Seine Gastprofessuren führten ihn in die USA, nach Österreich und Ungarn. Er ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften.

Das Jahrbuch
Der 24. Band des E.T.A. Hoffmann-Jahrbuchs ist soeben bei uns im Erich Schmidt Verlag erschienen. Sie können es hier bequem bestellen und sich wie immer auf neue Beiträge zur Hoffmann-Forschung freuen!

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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