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Nachgefragt bei: Dr. Anne Gadow
Twitter weiterempfehlen  13.09.2016

Gadow: „Soziale Herkunft der Familie hat bedeutenden Einfluss auf die bildungssprachlichen Leistungen der Kinder“

ESV-Redaktion Philologie
Untersucht den Zusammenhang zwischen Bildungssprache und Unterricht: Dr. Anne Gadow (Foto: Privat)
Im September erscheint der erste Band der neuen Reihe „Studien Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ im Erich Schmidt Verlag: „Bildungssprache im naturwissenschaftlichen Sachunterricht“. Die Autorin, Dr. Anne Gadow, im Interview mit der ESV-Redaktion.
Frau Gadow, seit der Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 gibt es zahlreiche Versuche, Schulleistungen zu messen. Hängen Schulerfolg und Bildungssprache – gerade bei Kindern mit deutscher bzw. mit anderer Familiensprache – miteinander zusammen?

Anne Gadow: Gruppenunterschiede zugunsten von Schülerinnen und Schülern mit deutscher Familiensprache wurden in zahlreichen Leistungsstudien festgestellt. Häufig wird daher Bildungssprache als zentrale Voraussetzung für den Schulerfolg bewertet und angenommen, dass Kinder und Jugendliche mit deutscher Familiensprache Bildungssprache besser als ihre mehrsprachigen Mitschülerinnen und -schüler beherrschen. Ein solcher Zusammenhang von bildungssprachlichen Kenntnissen und der Familiensprache ist jedoch im deutschsprachigen Raum sehr viel weniger eindeutig, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt.

Worauf führen Sie dieses Phänomen zurück?

Anne Gadow: Zum einen handelt es sich bei ein- und mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern um jeweils sehr heterogene Gruppen, in denen die Kinder unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Verschiedene Studie weisen darauf hin, dass die Kenntnisse der Bildungssprache stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Familien beeinflusst wird: Welchen Bildungsgrad haben die Eltern? Wie hoch ist ihr Einkommen? Geht das Kind in einer sozial starken oder sozial schwachen Gegend zur Schule? Hat es überhaupt die Gelegenheit – in welcher Sprache auch immer – qualitativ hochwertigen sprachlichen Input zu erhalten? Einen bedeutenderen Ein­fluss als die Familiensprache scheint somit die soziale Herkunft der Familie auf die bildungssprachlichen Leistungen der Kinder zu nehmen.

Und was kann als weiterer entscheidender Einfluss auf die Schulleistungen der Kinder ausgemacht werden?

Anne Gadow: Die Ergebnisse aus der Forschung sind stark davon beeinflusst, unter welcher Fragestellung Bildungssprache untersucht wird, ob z. B. die verwendeten Wörter verglichen, die grammatischen Strukturen erforscht oder eben das sprachliche Handeln untersucht wird. Es deutet sich für den Bereich Wortschatz und Grammatik an, dass Schülerinnen und Schüler mit anderer Familiensprache gegenüber ihren Schulfreundinnen und -freunden mit deutscher Familiensprache im Nachteil sind. In Untersuchungen zur Bildungssprache, die auch das Globalverstehen oder die situative Angemessenheit von Sprache unter­suchten, konnte hingegen kein Leistungsnachteil festgestellt werden.

Sie haben sich in Ihrer Untersuchung mit dem Begriff „bildungssprachliches Handeln“ auseinandergesetzt. Können Sie unseren Lesenden kurz erläutern, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?

Anne Gadow: In der Schule werden an Kinder und Jugendliche didaktische Anforderungen gestellt, wie sie mit Sprache umzugehen haben. In konkreten Unterrichtssituationen sollen sie z. B. einen Text interpretieren, eine Beobachtung beschreiben oder ein naturwissenschaftliches Experiment erklären. Dabei realisieren sie wiederkehrende und didaktisch erforderliche bildungssprachliche Handlungen. Bildungssprachliches Handeln lässt sich also nicht direkt durch die verwendeten Wörter oder grammatischen Strukturen ablesen, stattdessen wird untersucht, inwieweit die im Unterricht erwarteten Interpretationen, Beschreibungen oder Erklärungen tatsächlich versprachlicht wurden.

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Gab es in ihrer Studie zu bildungssprachlichem Handeln etwas, dass Sie überrascht hat?

Anne Gadow: Ich konnte in meiner Studie feststellen, dass es auch möglich ist, bildungssprachlich zu handeln, ohne hierbei die im Kontext erwarteten, spezifischen Wörter zu verwenden. Beispielsweise war es im untersuchten Unterricht zum „Schwimmen und Sinken“ nicht zwangsläufig nötig zu beschreiben, dass das Wasser im Becher „ansteigt“, den didaktischen Erwartungen der Lehrperson wurden die Kinder auch gerecht, wenn die Kinder kommunizierten, dass das Wasser „nach oben geht“. Hier bleibt zu hoffen, dass Lehrpersonen die Handlungsfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler auch positiv wahrnehmen, sobald diese die entsprechenden Wörter nicht normgerecht versprachlichen. Besonders im Hinblick auf das Handeln von Lehrpersonen, die beispielsweise mit der Grundschulempfehlung weitreichende Bildungsentscheidungen treffen, sollte sie unbedingt reflektiert werden.

Sie haben mehrere Kinder einer Grundschulklasse mit Hilfe von Videos im naturwissenschaftlichen Unterricht beobachtet. Können Sie Genaueres zum methodischen Vorgehen erläutern?

Anne Gadow: Mich interessierte, wie Schülerinnen und Schüler mit deutscher und anderer Familiensprache bildungssprachliche Äußerungen im naturwissenschaftlichen Sachunterricht realisieren. Wichtig war mir herauszufinden, wie sie die sprachlichen Handlungen Beschreiben und Erklären versprachlichen würden, welches inhaltliche Verständnis ihnen hierbei zugrunde liegen würde, welche Wörter sie in ihren Erklärungen verwenden – und ob sich in diesen drei Bereichen tatsächlich Gruppenunterschiede zugunsten der Kinder mit deutscher Familiensprache zeigen würden.

Für dieses interdisziplinäre Vorhaben habe ich zunächst die relevanten Konzepte zum Beschreiben und Erklären aus der Naturwissenschafts- und Zweitsprachendidaktik integriert und konnte meine Forschung somit in beiden Fachdisziplinen verorten. Anschließend habe ich in zwei Parallelklassen der vierten Jahrgangsstufe Kinder für insgesamt vier Stunden dabei videographiert, wie sie ihre Experimente zum „Schwimmen und Sinken“ in einem Unterrichtsgespräch auswerteten. Die hieraus entstanden Transkriptionen dienten mir als Datengrundlage für die Entwicklung von sprachlichen Kodes zum Beschreiben und Erklären, die ich durch die interdisziplinäre Ausrichtung der Studie sowohl inhaltlich als auch sprachlich bestimmen konnte. Zusätzlich interessierten mich die hierfür verwendeten Wörter, die ich durch eine zusätzliche Kodierung ebenfalls bestimmte.

Am Ende habe ich die auf diese Weise interpretativ gewonnenen Ergebnisse zusammengefasst und dabei zudem die zusätzlich gewonnenen Variablen, wie z. B. die Grundschulempfehlung, im Hinblick auf die 43 an der Studie beteiligten Kinder berücksichtigt.

Zu welchem Ergebnis ist Ihre Studie gekommen: Konnten die Kinder mit deutscher Familiensprache qualifiziertere Leistungen im Unterricht erbringen als Kinder mit andere Familiensprache?

Anne Gadow: Als ein wichtiges Ergebnis meiner Studie ist tatsächlich hervorzuheben, dass sich die Familiensprache als nicht ausschlaggebend für die Qualität der Berichte erwies. Das gilt sowohl für den funktional-sprachlichen als auch für den inhaltlich-fachlichen Bereich der Bewertung. Interessanterweise spielte die Familiensprache jedoch z. B. bei der Grundschulempfehlung eine wichtige Rolle, hier schnitten die Kinder mit anderer Familiensprache im Vergleich zu ihren monolingual deutschsprachigen Mitschülerinnen und -schülern deutlich schwächer ab: Während Schülerinnen und Schülern mit deutscher Familiensprache fast vier Mal häufiger das Gymnasium empfohlen wurde als mehrsprachigen Mitschülerinnen und -schülern, werden voraussichtlich doppelt so viele mehrsprachige Kinder die Hauptschule besuchen wie einsprachige Kinder.

Welche weiteren Forschungsansätze lassen sich aus Ihrer Arbeit ableiten?

Anne Gadow: Die Familiensprache scheint für den Bildungserfolg eine entscheidende Variable darzustellen, während sie für das bildungssprachliche Handeln der Schülerinnen und Schüler nur bedingt ausschlaggebend ist. Da dieses Ergebnis jedoch explorativ, das heißt auf einer kleinen Datenbasis zustande kam, sind generalisierende Aussagen noch nicht möglich. Die hier präzise und transparent entwickelten Kodes eignen sich jedoch für weitere, dringend notwendige Forschungsarbeiten in diesem Bereich. Gleichzeitig verdeutlicht diese Studie, dass es nicht auszureichen scheint, Bildungssprache von Kindern mit deutscher bzw. anderer Familiensprache anhand vermeintlich objektiv gültiger Merkmale zu erforschen. Ebenso bedeutend scheint es, sprachliche Qualität im Hinblick auf die impliziten Erwartungen von Lehrpersonen an bestimmte Kindergruppen zu untersuchen.

Der Band
Das Buch Bildungssprache im naturwissenschaftlichen Sachunterricht von Dr. Anne Gadow erscheint im September im Erich Schmidt Verlag. Sie können es bequem hier bestellen.

Zur Person
Anne Gadow, Dr. phil., ist Lektorin für Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität Bremen. Ihre Forschungsinteressen und Arbeitsschwerpunkte liegen in der Analyse von sprachlichen Handlungen im naturwissenschaftlichen Unterricht, in der videographischen Unterrichtsforschung sowie in der Ausbildung von Lehrpersonen im Bereich Deutsch als Zweitsprache.

(ESV/ln)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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