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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Michaela Holdenried, Prof. Dr. Alexander Honold und Dr. Stefan Hermes
Twitter weiterempfehlen  22.02.2017

„Generell ist in der Reiseliteratur das Aussteigen, und sei es ein temporäres, ein verbreitetes Phänomen“

ESV-Redaktion Philologie
Small World: Vom Reisen in unserer globalisierten Welt (Foto: ESV)
Reisen und Reiseliteratur stehen (nicht nur) bei den Deutschen hoch im Kurs. Über Reisen in der Moderne und Postmoderne berichten die Literaturwissenschaftler Michaela Holdenried, Alexander Honold und Stefan Hermes im Interview mit der ESV-Redaktion.
Von Epoche zu Epoche wandeln oder wiederholen sich Anlass und Intention für das Verfassen von Reisetexten. Die mittelalterliche Pilgerreise ist bis heute aktuell, die Forschungs- und Entdeckungsreise gewann in der Aufklärung und dann erneut in der Moderne große Bedeutung, die Bildungs- und Vergnügungsreise kam im 19. Jahrhundert in Mode und ist bis heute ungemein populär.

In Ihrer Einleitung zum Band schreiben Sie, dass es eine „Kunst des Reisens” gebe. Was ist damit gemeint?

Michaela Holdenried: Die Formulierung ist zugleich der Titel eines schönen Buchs von Alain de Botton, das sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern es überhaupt noch möglich ist, beim Reisen neue Erfahrungen zu machen. Damit muss sich jeder Text zum Reisen notgedrungen auseinandersetzen – und es gibt überzeugende literarische wie philosophische Antworten darauf.

So hat etwa der Reisejournalist und Schriftsteller Sylvain Tesson ein wunderbares Plädoyer für die Weiterexistenz des „Diversen“ gehalten, in dem Sinne, dass trotz aller Vermessung der Welt ein „Reich des Unbekannten“ bestehen bleibe. Er spricht in diesem Zusammenhang von „grauen Flecken“ und meint damit all jene Landstriche, die eben doch noch nicht entdeckt sind, das Kunlun-Gebirge oder den tibetischen Changthang etwa. Verbotene Zonen. Urwaldregionen.

Ein weiterer, weniger spektakulärer Aspekt besteht in der Veränderung von Sichtweisen, im Erlernen neuer Kunstfertigkeiten des Reisens. Gerade in den letzten Jahren können wir eine Art Entschleunigung beobachten: Viele Reisende nehmen die Mahnung Christoph Ransmayrs ernst, der Mensch sei in erster Linie nicht Flieger, sondern Fußgänger. Und dem Fußgänger oder dem ,idle traveller‘ erschließt sich die Welt noch einmal ganz anders. Das bezeugen etwa Reiseblogs und Essays, die derzeit entstehen, und auch Schilderungen von Extremabenteuern wie die Christoph Rehages, der durch China lief und diese Tour multimedial verarbeitete. All das sind neue Formen von Reiseliteratur.

Was hat der moderne Massentourismus mit der künstlerischen Reiseliteratur zu tun? Sind das Gegensätze oder bedingt das eine in gewisser Hinsicht das andere?

Alexander Honold: Durch den modernen Tourismus wurde das Reisen in ferne Regionen erschwinglicher, wurden die Ziele zugänglicher und die Infrastrukturen verlässlicher. Einerseits hat dieser Trend sicherlich eine konsumorientierte Haltung gegenüber den aus europäischer Sicht als ‚exotisch‘ geltenden Regionen befördert, andererseits wächst mit der Erreichbarkeit selbst der entlegensten Destinationen auch das ernsthafte Interesse an den bereisten Ländern – und an ihrer kompetenten Beschreibung. Dass schon die Reiseliteratur früherer Jahrhunderte mit dem Topos des ‚Dort-gewesen-Seins‘ in ziemlich freier Weise umzugehen gelernt hatte, macht sich unter den Bedingungen der Demokratisierung des Reisens in einer Vervielfachung der Bezugnahmen bemerkbar. Eigenes Reisen und Lektüre-Reisen können wechselseitig aneinander gemessen werden, was letztlich für beide Seiten anregend und belebend ist.

Wodurch zeichnet sich die moderne und postmoderne Reiseliteratur aus, die ja in Ihrem Band im Zentrum steht? Was unterscheidet sie von der Reiseliteratur früherer Epochen?

Stefan Hermes: Bedeutsam ist, dass es Reisenden in jüngerer Zeit nur noch ausnahmsweise darum gehen kann, als erster Mensch überhaupt, oder immerhin als erster Europäer, zu einem bestimmten Ort vorzudringen – um anschließend über präzedenzlose, sensationelle Erfahrungen zu berichten. Das aber hat ungeachtet anderslautender Prognosen keineswegs dazu geführt, dass die Reiseliteratur vom Aussterben bedroht wäre.

Im Gegenteil: Offenbar trägt nicht zuletzt der Umstand, dass sich heutige Reisende meist nolens volens in den Spuren anderer bewegen, zur fortdauernden Attraktivität der Gattung bei. Gerade die Auseinandersetzung mit Vor-Gängern und Vor-Schriften setzt nämlich immer wieder ein erhebliches kreatives Potenzial frei, was sich sowohl in innovativen Reiseformen als auch in originellen Schreibweisen niederschlägt. Ich denke, dass viele Beiträge unseres Bandes das sehr anschaulich werden lassen.

Einige Bestseller der letzten Jahre sind der Gattung der Reiseliteratur zuzuordnen. Ich denke an Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“, Felicitas Hoppes Reisebücher oder auch an Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstliches Mannes“. Warum sind diese – teils fiktionalen, teils nicht-fiktionalen – Bücher Bestseller, gibt es gemeinsame Merkmale?

Michaela Holdenried: Die gemeinsamen Merkmale sind vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, und sicher gibt es auch enorme Unterschiede hinsichtlich der Verkaufszahlen. Kehlmann jedenfalls ist etwas gelungen, das in der deutschsprachigen Literatur nicht sehr häufig ist: die Verbindung von genauer historischer Recherche mit Spannung und Komik. Sein Roman ist einfach außerordentlich witzig und gewitzt. Es lässt uns an Exkursionen einer Ära teilnehmen, in der noch Ein-Mann-Unternehmungen möglich waren – natürlich war aber ein Koch dabei, wie Brecht sagen würde –, die so stupende Ergebnisse zeitigten, dass man auch heute noch zutiefst beeindruckt ist. Und dennoch wird bei Kehlmann ein kritischer Blick auf diese Unternehmungen geworfen, was auch bei Hoppe und Ransmayr der Fall ist. Das Abenteuer aber wird nicht in Bausch und Bogen verurteilt – etwa als imperiale Anmaßung, als Proto-Kolonialismus. Die Kosten dieser Unternehmungen, seien sie privater oder gesellschaftlicher Art, werden allerdings sehr klar benannt.

Dessen ungeachtet bleiben, wie bei Ransmayrs „Atlas“, Exkursionen ins Unbekannte – auch der eigenen Psyche – möglich. Und auch Kerkeling hat ja eine solche Exkursion unternommen: eine Reise ins Innere, um eine Antwort auf die rumorende Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns in Zeiten des Extrem-Kapitalismus zu finden. Generell ist das Aussteigen, und sei es ein temporäres, in der Realität, etwa auf den Spuren Kerkelings und anderer Jakobsweg-Pilger, oder in der Fiktion, ein verbreitetes Phänomen.

Ihr Buch setzt sich in drei großen Kapiteln mit den „Reiseformen”, den  „Schreibweisen” über das Reisen und mit den „Reisezielen” auseinander. Bitte erläutern Sie unseren Lesern diese drei Hauptmotive und die Konzeption des Bandes.

Alexander Honold: Uns ist in der Beschäftigung mit dem Material aufgefallen, dass wir anders als noch für die Texte des 19. Jahrhunderts für die der Moderne und Postmoderne weder eine klare Hierarchie der Reiseziele noch der Reisewege und -methoden voraussetzen können. Die Anlässe des Reisens sind nun denkbar unterschiedlich, und sie reflektieren zum Beispiel auch verstärkt Krieg und Emigration. Die Reisedauer reicht von Kürzest-Impressionen bis zu ganzen Lebensabschnitten, und zwischen der Erkundung unmittelbar benachbarter Regionen und fernster Weltteile besteht kaum ein Unterschied mehr, was den Grad der möglichen Entdeckungen angeht.

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Deshalb haben wir versucht, die Dynamik veränderter Reiseformen und Reiseziele jeweils in eigenen Großabschnitten nachzuzeichnen, die den ersten und den dritten Hauptteil des Bandes bilden. Durch diese, wenn man so will, logistischen Faktoren eingerahmt fragt der zweite Hauptteil nach den literarischen Formen, die für diese neuen Arten des Reisens aufgeboten und erprobt werden. Hierbei ist der Einsatz von Medien wie der Fotografie ebenso kennzeichnend wie die Möglichkeiten intertextueller Bezugnahme: Man reist und schreibt, indem das eigene Schreiben auch durch die Texte anderer reist.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Sammelband gekommen? Wie haben Sie die zahlreichen kompetenten Beiträger gesucht und gefunden?

Stefan Hermes: Eigentlich hat sich uns das Thema des Bandes geradezu aufgedrängt. Denn die älteren Standardwerke der germanistischen Reiseliteratur-Forschung behandeln fast nur den Zeitraum vom Mittelalter bis zum beginnenden 20. Jahrhundert, während rezente Studien zur modernen und postmodernen Reiseliteratur eher verstreut publiziert worden sind. Unser Anliegen bestand nun darin, das breite Spektrum dieser neueren, auch methodisch innovativen Untersuchungen zumindest ansatzweise abzubilden. Daher haben wir einerseits Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt angesprochen, die seit längerem zu den maßgeblichen Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet zählen.

Andererseits sollten unbedingt auch Angehörige der jungen Generation, die derzeit an vielversprechenden Forschungsprojekten arbeiten, in dem Band vertreten sein. Auf einige von ihnen sind wir dadurch aufmerksam geworden, dass sie auf einen von uns veröffentlichten Call for Papers geantwortet haben.

Zu guter Letzt: Welche in dem Buch behandelte Reiseliteratur können Sie unseren Lesern besonders zur eigenen Lektüre empfehlen?

Michaela Holdenried: Mich hat Sylvain Tessons kluges Buch über die ‚Unermesslichkeit’ der Welt sehr begeistert, eine Mischform aus Essay, Reisebericht und Manifest für das „Glück, unterwegs zu sein“, eine echte Entdeckung. Als eindeutig literarischen Bericht über eine historische Expedition bzw. die vermeintliche ‚Entdeckung’ Timbuktus würde ich gerne Thomas Stangls „Der einzige Ort“ empfehlen, eine wunderbare Nachreise, die einen die Strapazen fast körperlich spüren lässt.

Alexander Honold: Grundsätzlich und jederzeit lohnt sich das Nochmal-Lesen von Texten, die man schon zu kennen glaubt; das ist wie beim Reisen immer wieder Anlass zu Neu-Entdeckungen. Und ganz subjektiv: Ich habe eine Vorliebe für Wolfgang Koeppens Venedig-Impressionen, weil die ihre Unbeholfenheit vor dem Gegenstand nicht überspielen.

Stefan Hermes: Hier ließe sich zweifellos vieles nennen; ich entscheide mich aber für „Hartland“, Wolfgang Büschers Schilderung seiner Fußreise durch die USA, die im Aufsatz von Gesa von Essen behandelt wird. Denn obwohl Büscher sicher nicht jedes Klischee vermeidet und bisweilen zum Pathos neigt, zeugt sein Text insgesamt von einer staunenswerten Beobachtungsgabe und eminenten literarischen Fähigkeiten. Insofern hat man bei der Lektüre immer wieder das Gefühl, die Vereinigten Staaten mit ganz neuen Augen zu sehen.

Zum Band
Der Band Reiseliteratur zur Moderne und Postmoderne ist Ende Januar im Erich Schmidt Verlag erschienen. Sie können ihn bequem hier bestellen.
Die Herausgeber
Die Herausgeber Prof. Dr. Michaela Holdenried, Prof. Dr. Alexander Honold und Dr. Stefan Hermes lehren und forschen an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Basel im Fachgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Seit vielen Jahren arbeiten sie schwerpunktmäßig zu den Themengebieten der Reiseliteratur, des interkulturellen Verstehens und der Geschichte des Kolonialismus und Postkolonialismus.

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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