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Vom bayerischen Stammesrecht zur karolingischen Rechtsreform
Twitter weiterempfehlen  13.11.2017

Grollmann über die Verfolgung von Vergehen unter Karl dem Großen

ESV-Redaktion Philologie
Das Frankenreich um 800: Handschriften-Fragmentes aus dem Germanischen Nationalmuseum. (Hs 110477 b/47 ©Germanisches Nationalmuseum)
Karl der Große (747/48–814) hat sich unter den Königen des Frankenreichs und als dessen erster Kaiser auf dem Gebiet der Normgebung besonders hervorgetan. Als wirkmächtiger Herrscher nimmt er einen dauerhaften Platz im europäischen Geschichtsbewusstsein ein, so der Autor Felix Grollmann in seinem neuen Werk.
Felix Grollmann hat eine Studie mit dem Titel „Vom bayerischen Stammesrecht zur karolingischen Rechtsreform verfasst“. Diese nimmt die beiden Kapitularien Karls des Großen für Bayern, nämlich das Capitulare Baiwaricum und die Capitula ad legem Baiwariorum addita, die während der Integration Bayerns in das Frankenreich ab den Jahren 787/788 entstanden sind und als Instrumente herrscherlicher Regelungsanliegen gelten, in den Blick. Die Untersuchung beschäftigt sich darüber hinaus mit der Rechtsreform von 802/803 als einem weiteren zentralen Anliegen Karls des Großen und seiner Ratgeber, berücksichtigt ein breites Spektrum von Quellen und schließt eine Forschungslücke zur frühmittelalterlichen Rechtsgeschichte Bayerns. Das Buch erscheint im November 2017 im Erich Schmidt Verlag.

Lesen Sie hier einen Auszug über die Verfolgung von Vergehen aus dem Kapitel über den Regelungsgehalt des Capitulare Baiwaricum:

Regelungsgehalt des Capitulare Baiwaricum

Im 5. Kapitel wird festgesetzt, dass Räuber (latrones), Totschläger (homicidia), Ehebrecher (adulteri) und Blutschänder (incestuosi) unter großer Zwangsgewalt und Strafe secundum eoa Baiuvariorum vel lege verfolgt werden sollen. Die Vorschrift zielte also auf Verbrechensbekämpfung in Kombination mit einem Rechtsfolgenverweis ab. Daneben sollte vielleicht signalisiert werden, dass die alte Ordnung zumindest auf einigen Feldern unangetastet blieb. Diese Bestimmung lässt sich als frühe Form von Kollisionsrecht diskutieren, weil c. 5 in einer Situation, in der mit dem bayerischen und dem fränkischen Recht potentiell zwei verschiedene Rechte zur Verfügung standen, festlegte, dass auch unter fränkischer Herrschaft bayerisches Recht angewendet werden konnte.

Unwahrscheinlich ist, dass die Norm im Umkehrschluss bezweckte, dass in den anderen Bereichen bayerisches Recht vom fränkischen verdrängt wurde. Aufgrund der relativ breiten Überlieferung der Lex Baiuvariorum mit 30 Handschriften, die erst um 800 einsetzt, darf nämlich die fortdauernde Anerkennung der Lex Baiuvariorum in jener Zeit vermutet werden. […] Totschlag, Raub, Ehebruch und Inzest sollten gemäß c. 5 des Capitulare Baiwaricum also nach ungeschriebenem und geschriebenem bayerischem Recht verfolgt werden. […]

Eine Buße von 160 Schillingen bei Tötung eines Freien, 20 bei Tötung eines Unfreien

Auf Tötung stand eine Buße, deren Höhe vom Freiheitsgrad des Opfers abhing: Für Freie wurde Wergeld in Höhe von 160 Schillingen, für Freigelassene 40 Schillinge und für Unfreie 20 Schillinge fällig. Zu diesen Tatbeständen traten noch besondere Fälle, etwa die Tötung eines Fremden, hinzu. Bei Beischlaf mit einer verheirateten Frau musste der Täter 160 Schillinge zahlen, also so viel wie bei der Tötung eines Freien.

Das Vergehen des Ehebruchs ist auch noch in anderen Varianten geregelt worden, die sich vor allem aus dem Freiheitsgrad des Täters beziehungsweise der Ehefrau ergaben. Inzest schließlich war nach dem bayerischen Gesetzbuch allgemein untersagt. Verstöße dagegen führten zur Aufhebung dieser Verbindung und zur Entziehung des gesamten Vermögens. Niedere Personen wurden zu Fiskalunfreien. […]

Bayrisches Recht und fränkisches Recht

Die Verfolgung nach bayerischem Recht könnte hinsichtlich der Tötung eines Freien eine geringfügig mildere Bestrafung bedeutet haben: Bei der Tötung eines freien Franken oder eines Fremden, der nach salischem Recht lebte, mussten 200 Schillinge, also formal 40 Schillinge mehr als im bayerischen Recht, gezahlt werden. Allerdings musste nach der Lex Baiuvariorum noch ein Friedensgeld zusätzlich gezahlt werden, welches im salfränkischen Recht bereits in den 200 Schillingen enthalten war, sodass die Bußen im Ergebnis gleich hoch ausfielen. Wenn ein Unfreier einen anderen Unfreien tötete, fiel eine Buße von 20 Schillingen an.

In der K-Fassung wird keine Buße festgelegt, sondern die ‚Aufteilung‘ des Totschlägers zwischen seinem Herrn und dem Herrn des Opfers angeordnet. Die Rechtsfolge der D- und E-Fassung entsprach jedenfalls bayerischem Recht, wobei der Tatbestand nicht verlangte, dass auch ein Unfreier handelte. Im Übrigen sah die Lex Salica hinsichtlich der Tötung, ebenso wie die Lex Baiuvariorum, noch zahlreiche Sondertatbestände, etwa für die Tötung eines Angehörigen der königlichen Gefolgschaft, wofür 600 Schillinge vorgesehen waren, vor. Der Vergleich der Lex Salica mit der Lex Baiuvariorum lässt im Rahmen derjenigen Tötungsverbote, deren Tatbestand abgesehen vom Freiheitsgrad keine markanten Voraussetzungen an die Tat, den Täter oder das Opfer stellte, keine besonderen Unterschiede erkennen. Erwartungsgemäß fällt in beiden Leges die Buße für die Tötung eines Unfreien gegenüber derjenigen für die Tötung eines Freien deutlich geringer aus. Hinsichtlich der Tötung eines Unfreien ließ die K-Fassung eine härtere Rechtsfolge oder eine andere Sanktion, womöglich durch Aufteilung der Arbeitsleistung des servus, zu.

Frauenraub

Für den Raub einer verheirateten Frau verlangte die Lex Salica die Zahlung von 200 Schillingen, was dem Wergeld eines Freien entspricht. Damit dürfte eigentlich Entführung und vielleicht Vergewaltigung bestraft worden sein. Denn der Ehebruch mit einer Frau, die ihr Einverständnis gab, wurde lediglich mit 45 Schillingen pönalisiert.

Anders als das bayerische Recht unterschied das salische Recht also zwischen freiwilligem Ehebruch und Entführung einer verheirateten Frau. Die Lex Baiuvariorum stellte in seinen Strafbestimmungen allein darauf ab, ob der Täter der Ehefrau beiwohnte („concubuerit“), berücksichtigte aber nicht, ob die Ehefrau einverstanden war. Der freiwillige Ehebruch wäre im bayerischen Recht also härter als im fränkischen Recht geahndet worden, falls die genannte Bestimmung ebenfalls hierauf bezogen wurde. Insoweit könnten die Franken das strengere Strafmaß der Lex Baiuvariorum akzeptiert haben.



Vom bayerischen Stammesrecht zur karolingischen Rechtsreform

Das Buch mit dem Untertitel „Zur Integration Bayerns in das Frankenreich“ erscheint in Kürze als Print und eBook. Sie können es bequem hier bestellen.

Der Autor Dr. Felix Grollmann studierte sowohl Rechts- als auch Geschichtswissenschaften an der LMU München. Er war Mitglied des internationalen Max-Planck-Forschungskollegs für vergleichende Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main.

Programmbereich: Rechtsgeschichte

 


 (ESV/lp)

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