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Nachgefragt bei: Dr. Oliver Haas (Teil 1)
Twitter weiterempfehlen  01.11.2016

Haas: „Wir müssen die Selbstheilungskräfte im Unternehmen aktivieren“

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
Oliver Haas: „Glückliche Menschen leisten gerne mehr” (Foto: foto44)
Welchen Stellenwert hat Arbeit zukünftig? Müssen Mitarbeiter glücklich sein, um besser zu arbeiten? Das sind Fragen der aktuellen ARD-Themenwoche, in der auch ESV-Autor Oliver Haas zu Wort kommt. Im Interview mit der ESV-Redaktion spricht er über seine Vorstellung von Glück und Arbeit.
Herr Haas, alle reden über Glück: Glück, so scheint es, ist das neue Zauberwort. Waren wir bisher alle unglücklich – oder woher kommt Ihrer Meinung nach die neue Sehnsucht nach  Glück?

Oliver Haas: Um zu verstehen, woher die Sehnsucht nach dem Glück kommt, ist es hilfreich, sich einmal die Aussage der Wissenschaft anzuschauen, woher dieses Happiness-Gefühl kommt: 50 Prozent sind genetisch bestimmt, 40 Prozent wiederum hängen stark von der inneren Haltung ab. Nur die restlichen 10 Prozent wiederum sind unsere emotionalen Reaktionen auf „äußere Einflüsse“, also das, was einem im Leben passiert, wie mehr Geld verdienen, einen besseren Job haben, in einer schöneren Stadt wohnen etc. Das heißt, wir empfinden kurzfristig Glück, wenn wir uns zum Beispiel materiell verbessern. Aber, wir gewöhnen uns auch relativ schnell dran.

Den Hauptgrund für das unglücklich sein – obwohl die äußeren Faktoren so toll sind – sehe ich aber vor allem in der Entfremdung von uns selbst; Entfremdung in dem Sinne, dass wir als Mensch in unserer Gesellschaft gelernt haben, funktionieren zu müssen. Es gibt hierzu einen schönen Satz von dem Psychoanalytiker und Schriftsteller Arno Gruen, der die menschliche Entfremdung ganz gut beschreibt: „Wir werden alle als Originale geboren und sterben als Kopien.“ Wir passen uns an. Wir ordnen das, was wir eigentlich wollen dem unter, was von anderen gewünscht ist. Ein paar Jahre kann man das durchhalten, auf Dauer macht uns das krank und steigert unsere Ängste. Erst kürzlich hat die Weltgesundheitsorganisation festgestellt, dass die Zahl der Angsterkrankungen in den kommenden Jahren dramatisch zunehmen wird – und das vor allem in den reichen Industriestaaten, wo auf dem ersten Blick eigentlich kein materieller Mangel vorherrscht.

Das persönliche Glücksempfinden hängt von vielen Faktoren ab. So kann ein schwerer Schicksalsschlag, der Tod eines Nahestehenden oder eine schwere Krankheit das persönliche Glücksempfinden stören oder zerstören. Braucht die menschliche Psyche nicht auch Raum, um unglücklich zu sein – zumindest temporär?

Oliver Haas: Hier möchte ich mit einem Zitat von Tal Ben-Shahar antworten: „Die Dinge, die uns im Leben passieren, sind nicht immer zu unserem besten. Aber es gibt Leute, die das Beste aus diesen Dingen machen.“

Und dieses Zitat führt uns zu der tieferen Logik dieses Happiness- oder Glücksbegriffs, der ja in Deutschland immer noch belächelt wird, weil man unter  „Happy“ dauerhafte gute Laune versteht. Darum geht es nicht! Gemeint ist doch ein viel tieferes und langfristigeres Verständnis von Glück. Schauen Sie sich zum Beispiel das Schicksal von Viktor Frankl an, einem österreichischen Neurologen und Psychiater, der im Konzentrationslager in der NS-Zeit die schlimmsten Dinge erlebt und zum Glück überlebt hat. Frankl hat gelernt, mit den unvorstellbaren Situationen anders umzugehen. Er hat gesagt, dass „die Soldaten alles mit mir machen können, das kann ich nicht verhindern. Was sie mir aber nicht nehmen können, ist meine eigene gedankliche Bewertung dessen“. So konnte er auch in diesen schlimmen Situationen einen tieferen Sinn finden.

Es handelt sich also um ein Haltungsthema, also wie man mit seiner Umwelt und mit dem, was einem zustößt, umgeht. Das hat nichts mit positivem Denken zu tun, sondern mit Persönlichkeitsentwicklung.

Ein Beispiel: Wir sehen bei vielen Menschen ein sogenanntes Opfer-Verhalten, Tal Ben-Shahar nennt das Passive-Victim-Verhalten: Eine Person sieht sich in einer Opferrolle. Immer sind die anderen schuld, was letztendlich zu einer großen Frustration im Leben führt, einer Fremdbestimmtheit. Es gäbe aber eine andere Haltung, nämlich die des „Active Agents“. Ein Active Agent ist keiner, der sich ständig gut fühlt. Auch er wird sich unglücklich fühlen, wenn zum Beispiel jemand stirbt. Im Unterschied zu einem Passive-Victim-Verhalten übernimmt er aber schneller wieder die Verantwortung für sich. Er merkt, dass niemand kommt, der ihn da rauszieht. Er weiß, dass er sich da alleine herauskämpfen muss. Und nach einer Phase des Erlebens der schlechten Zustände fasst er schneller wieder Mut zum Handeln. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass man sich vom Passive-Victim zum Active-Agent entwickeln kann. Doch wie steht es nun mit dem Active-Agent, wenn den ein Schicksalsschlag trifft?

In der positiven Psychologie gibt es hier den Ausspruch, der „permission to be human“. Das ist die „Erlaubnis, Mensch zu sein“ und sich in so einer Situation erst einmal zu erlauben, dass es einem schlecht gehen darf. Das kann auch ruhig eine Zeit lang dauern. Es kommt daher nicht auf die Dinge an, die einem passieren, sondern wie man damit umgeht. Temporär ist es völlig in Ordnung, traurig zu sein. Im Gegenteil es wäre sogar unnatürlich, wenn man bei schweren Schicksalsschlägen nicht traurig wäre. Es geht aber darum, sich darin nicht zu verlieren.

Das widerspricht im Übrigen auch dem ganzen Selbstoptimierungswahn, den viele von uns gerade anstreben, in dem Sinne, dass jemand möglichst schnell etwas überwinden muss. Das wird nicht funktionieren. Es wird nur die Menschen, die so nach dem Glück suchen, unglücklicher machen.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Vorteile Ihres Modells gegenüber anderen Organisationsentwicklungsmodellen zum Thema Glück?

Oliver Haas: Ich möchte die Frage lieber anders umformulieren in, was mir wichtig war bei CORPORATE HAPPINESS.

Erstens: Ich denke nicht, dass es um das Aufzeigen von Problemlösungen geht, sondern um Angebote zur persönlichen Weiterentwicklung.
Das heißt, wie gehen nicht in ein Unternehmen und sagen, was alles falsch läuft und wie das Unternehmen bzw. die Mitarbeiter das jetzt unserer Meinung nach  besser machen können. Wenn wir so vorgehen würden, würden die Mitarbeiter die Erfahrung machen, dass sie das Problem wieder nicht selbst lösen können und auf fremde Hilfe angewiesen sind. Es kommt ja gerade darauf an, dass die Mitarbeiter erkennen, dass sie selbst in der Lage sind, ihre Probleme eigenständig zu lösen - und zwar in einem Maß, wie sie es sich selber nicht vorstellen können. Wir versuchen da eher wie ein guter Arzt zu wirken und die Selbstheilungskräfte zu aktiveren, weil nur der Körper sich selber wieder regenerieren kann. Übertragen auf den Unternehmenskontext bedeutet das: Wir versuchen, die Selbstheilungskräfte im Unternehmen zu aktiveren – also die Mitarbeiter stark zu machen, die darauf Lust haben, sich weiterzuentwickeln.

Zweitens: Es geht um eine nachhaltige Verankerung der glücksbasierten Unternehmenskultur und nicht um einzelne Workshops.  

Es gibt inzwischen ja sehr viel Angebote zum Thema Glück, seien es Bücher, Trainings oder aber auch Coachings. Wir von CORPORATE HAPPINESS wollen an die Strukturen in dem Unternehmen ran. Wir wollen nicht nur die einzelnen Führungskräfte trainieren, sondern stattdessen Leute über alle Hierarchieebenen hinweg ausbilden, die das Ganze auch dann weitertragen, wenn wir wieder weg sind.

Und man darf sich hier keiner Illusion hingeben: Dieser ganze Prozess dauert. Wir reden hier schon über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr, in der wir die CORPORATE HAPPINESS Botschafter ausbilden. Man verändert seine Persönlichkeit nicht von heute auf morgen in ein paar Workshops, auch wenn sich das vielleicht viele insgeheim wünschen. Es gibt keine Shortcuts. Und in diesem einen Jahr betreuen wir die Mitarbeiter permanent. Und das können Sie im Unternehmenskontext schon allein aus Kostengründen nicht mit Hilfe von Workshops alleine realisieren. Hier setzen wir auf einen Mix aus Workshops und der Arbeit der Botschafter auf einer Webplattform, wo die Mitarbeiter im Nachgang wirklich bei der Umsetzung permanent begleitet werden.

 
Zur Person
Dr. Oliver Haas war fünf Jahre Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für angewandtes Management. Er hält regelmäßig Vorlesungen an den Universitäten Jena und Bayreuth sowie an den Hochschulen München und Erding. Dr. Haas lebt und arbeitet in München.

Im Rahmen der Themenwoche Zukunft der Arbeit hat Oliver Haas in der Sendung „Arbeit war das halbe Leben“ (ARD, 31.10.2016, 23:45 Uhr den CORPORATE HAPPINESS-Ansatz vorgestellt. Als Video on Demand können Sie die Sendung auch in der Mediathek abrufen: http://www.daserste.de/mediathek.

Im zweiten Teil des Interviews beantwortet Oliver Haas die Frage, ob glücklichere Menschen wirklich mehr leisten und ob der VW-Skandal mit einer glücksorientierten Unternehmenskultur hätte verhindert werden können.


Weiterführende Literatur
Happy@work? Oliver Haas zeigt in dem Band CORPORATE HAPPINESS als Führungssystem auf Basis der Positiven Psychologie und der Hirnforschung, wie jeder Einzelne das Glücklichsein erlernen und erleben kann, und wie sich menschliche Beziehungen in Unternehmen erfolgreicher gestalten lassen. Eine glücksbasierte Unternehmenskultur schafft Grundlagen für mehr Kreativität, Innovationsfähigkeit, langfristige Performance und zusätzliche Renditen. In die 2. Auflage des Erfolgsbuchs sind vier Jahre Umsetzungserfahrung eingeflossen.

 
(ESV/ms)

Programmbereich: Management und Wirtschaft

 
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