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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Ludger Hoffmann
Twitter weiterempfehlen  13.04.2017

Hoffmann: „Mehrsprachigkeit als Chance sehen“

ESV-Redaktion Philologie
Elternarbeit ist im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ besonders wichtig, findet Professor Ludger Hoffmann (Foto: privat)
Zahlreiche Flüchtlingskinder sitzen in sogenannten Willkommensklassen in Deutschland im Schulunterricht. Über die damit einhergehende Notwendigkeit, in der Lehramtsausbildung die besondere Lernsituation des Deutschen als Zweitsprache zu berücksichtigen, spricht Prof. Dr. Ludger Hoffman im Interview mit der ESV-Redaktion.
Herr Professor Hoffmann, können Sie den Lesern bitte erläutern, was den Unterschied zwischen Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache ausmacht?

Ludger Hoffmann: „Deutsch als Fremdsprache“ kennen wir als systematischen Unterricht in einer Fremdsprache wie Englisch, Französisch oder Latein, ohne dass diese Sprachen im eigenen Land stark verbreitet und erworben werden. Außerhalb des Unterrichts werden die Sprachen dann auch kaum verwendet, es sei denn, Schüler(innen) gehen in einem Austauschprogramm ins entsprechende Ausland.

In dem Land, in dem eine Sprache sehr verbreitet ist, kann sie nicht nur durch Unterricht, sondern vor allem ungesteuert im Alltag erworben werden: durch Hinhören, Ausprobieren, aktives Teilnehmen, Reden mit allen Mitteln und die schlichte Notwendigkeit, seine Ziele durch Kommunikation zu erreichen. Diesen ungesteuerten, in den Generationen älterer Migranten nicht durch Unterricht unterstützten Zugang, nennt man „Deutsch als Zweitsprache“ – es handelt sich um einen Erwerb, der zeitlich wenigstens drei Jahre nach dem Einsetzen des Erstspracherwerbs einsetzt.

Zu unterscheiden davon ist, wenn etwa in bilingualen Familien zwei Erstsprachen (die eine als Sprache der Mutter, die andere als Sprache des Vaters) gelernt werden; man spricht von „bilingualem Erwerb von Erstsprachen“, der eigene typische Verläufe hat, für die eine Rolle spielt, was die dominante Sprache der Umgebung, der Institutionen, ist.

Sie haben zusammen in einem Team aus fünf Sprachwissenschaftlern bzw. DaF-Dozenten ein Handbuch zum Deutschen als Zweitsprache geschrieben, das sich im Untertitel ausdrücklich an zukünftige Lehrerinnen und Lehrer richtet. Was ist der neue Ansatzpunkt des Buchs?

Ludger Hoffmann: Innovativ ist die durchgängige Perspektive der Mehrsprachigkeit, die in den Herkunftssprachen kein zu behebendes Defizit, sondern eine Chance sieht, die gerade in der Schule endlich genutzt werden muss. Mehrsprachige Kinder wissen, dass in einer Sprache alles auch ganz anders sein kann, sie sind besonders sprachbewusst und sensibel für sprachliche Nuancen, wenn man mit ihnen von Anfang an sprachnah arbeitet und ihre Sprachen schätzt und einbezieht.

Ein Handbuch, das für einen solchen Unterricht und die Vorbereitung darauf im Lehramtsstudium die Informationen bereitstellt, die man braucht, hat bisher gefehlt, vor allem aber ein Buch, das auch den Zusammenhang von sprachlichem und fachlichem Lernen, bezogen auf Fächergruppen wie z.B. die Naturwissenschaften oder Kunst und Musik in den Blick nimmt.

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Immer wieder wird heute fächerübergreifender Unterricht gefordert, selten wird er praktiziert. Studierende können unter diesem Aspekt die Fächer, die sie studieren, auf ihre prägenden sprachlichen Grundlagen hin betrachten. So wird klar, dass z. B. das Lernen der Mathematik immer auch ein Sprachlernen ist, für das die Sicht und Formulierung einer anderen Sprache sehr hilfreich sein kann.

In unserem Handbuch werden die dafür nötigen Grundlagen gegeben, die man im Studium braucht. Wir adressieren neben den Studierenden und den Lehrkräften sowie den DaZ-Didaktikern auch den derzeit stark wachsenden Bereich der Fortbildungen im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“, in denen Lehrkräfte wie auch künftige Leiter von Integrationskursen des BAMF ausgebildet werden.

Das Buch enthält auch einen breiten Überblick über verschiedene Migrationssprachen im Kontrast zum Deutschen. Es gibt konkret Kapitel zum Türkischen, zum Russischen, zur polnischen und arabischen Sprache, zum Japanischen wie auch zu Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Welchem Zweck dient diese kontrastive Sprachbetrachtung?

Ludger Hoffmann: Wer Grundstrukturen der Kontaktsprachen des Deutschen kennt, kann Problemstellen beim Deutscherwerb identifizieren und dort Schwerpunkte setzen und geeignete Übungen entwickeln. Wer die Sprachpotentiale der mehrsprachigen Schüler(innen) nutzen will, etwa in einem modernen Grammatikunterricht, ist ebenfalls auf solche Informationen angewiesen.

Sprachvergleiche schaffen die notwendige Distanz zur eigenen Sprache und erleichtern den Zugang zum Deutschen. Viele Richtlinien sehen schon für die Grundschule Sprachvergleiche vor. Natürlich kann man dazu auch die Schulsprachen einsetzen. Aber warum nicht die Sprachen, die in der Klasse schon gesprochen und so auch aufgewertet werden? Damit hat man didaktisch ganz neue Möglichkeiten.

Und welche Rolle spielt das Alter des Lernenden beim Zweitspracherwerb? Können wir mit jedem Alter gleich gut lernen oder ist es sinnvoll, so früh wie möglich zu beginnen?

Ludger Hoffmann: Früh anfangen ist sinnvoll, aber der Erwerb funktioniert auch sehr gut mit drei bis sechs Jahren. Gerade für das Erlernen des Lautsystems und das Vermeiden eines fremdsprachigen Akzents ist früher Beginn wichtig. Ältere Jugendliche sind nicht immer leicht zu motivieren, wenn sie aber schon Erfahrungen mit einer Schrift oder ein Wissen, wie man lernt, mitbringen, haben sie einsetzbare Potentiale und auch gute Erwerbsmöglichkeiten.

Für Erwachsene empfiehlt sich eine Didaktik, die von ihrer Praxis ausgeht, ihnen hilft, auch Behördenkommunikation zu bewältigen und im Beruf zurechtzukommen. In der Flüchtlingsarbeit zeigt sich, wie wichtig es ist, sie kontinuierlich in Kommunikationen mit Deutschsprachigen einzubinden und schrittweise ihre Probleme selbst anzugehen. Bei erwachsenen Lernern braucht man Geduld und eine langfristige Perspektive, wenn man verhindern will, dass sie auf ein formelhaftes Repertoire beschränkt bleiben.

Das Handbuch beschreibt auch, dass nicht nur die Lehrenden eine wesentliche Rolle beim Zweitspracherwerb der Schüler spielen, sondern auch die Eltern. Aber diese haben oft Scheu, sich in der Schule aktiv in der Elternarbeit zu betätigen. Wie können zugewanderte Eltern besser an Schulen einbezogen werden, gibt das Buch dazu Tipps?

Ludger Hoffmann: Elternarbeit ist im „Bereich Deutsch als Zweitsprache“ besonders wichtig, denn es gilt, bestehende Schwellenängste zu überwinden, aber auch die Auffassung, die Schule würde es allein schon richten. Gute Elternarbeit, wie wir sie vorschlagen, trägt erheblich zum Schulerfolg bei. Eltern, die wissen, worauf es in deutschen Schulen ankommt, können ihren Wunsch, ihre Kinder zu unterstützen, realisieren, z. B. indem sie (in der eigenen Sprache) vorlesen und über das Gelesene sprechen, geeignete Bücher zur Verfügung stellen, Sprachlernen in alltägliche Situationen wie Einkaufen, Kochen, Ausflüge machen integrieren.

Wenn die Eltern informiert sind, Erfolge sehen und auch selbst von ihrem Beitrag profitieren können, haben sie eine hohe Motivation, ihren Kindern zu helfen. Die Schulen, die den „Deutschen Schulpreis“ bekommen haben, haben durchgängig sehr gute Elternarbeit geleistet.


Zum Buch
Der Band Deutsch als Zweitsprache erscheint im Mai im Erich Schmidt Verlag. Sie können ihn bequem hier bestellen.

Zu den Herausgebern

Prof. Dr. Ludger Hoffmann (TU Dortmund), Schwerpunkte: Deutsche Sprache, Deutsch als Zweit- und Fremdsprache. Autor von Deutsche Grammatik, Berlin. Erich Schmidt Verlag 2016 (3. Auflage).

Dr. Shinichi Kameyama (TU Dortmund, Koordination der Arbeitsstelle Deutsch als Zweitsprache), Schwerpunkte: Deutsche Sprache, Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Sprachliches Handlen, Koordination der Arbeitsstelle Deutsch als Zweitsprache.

Dr. Monika Riedel (TU Dortmund, Arbeitsstelle Deutsch als Zweitsprache), Schwerpunkte: Literatur- und Medienwissenschaft, Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Interkulturalität, literarische Mehrsprachigkeit und sprachliche, literarische, mediale und kulturelle Bildung in der Migrationsgesellschaft.

Dr. Pembe Sahiner (TU Dortmund, Arbeitsstelle Deutsch als Zweitsprache), Schwerpunkte: Deutsch als Zweitsprache, Sprachdidaktik, sprachliches und fachliches Lernen.

Dr. Nadja Wulff (Heidelberg Schoof of Education, PH/Uni Heidelberg), Schwerpunkte: Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Zweitspracherwerb, sprachliches und fachliches Lernen, Wortschatzdidaktik.


(ESV/ln)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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