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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Michaela Holdenried
Twitter weiterempfehlen  07.09.2015

"Hoppe spricht alle großen Themen der Weltliteratur an“

ESV-Redaktion Philologie
Hoppe-Kennerin: Michaela Holdenried (Foto: Freiburg Institute for Advanced Studies, Universität Freiburg)
2012 erhielt Felicitas Hoppe den Georg-Büchner-Preis. Seitdem ist das Werk Hoppes auch einem breiteren Publikum bekannt. Ein Interview der ESV-Redaktion mit der Germanistin Prof. Dr. Michaela Holdenried.
Was ist das besondere an den Erzählungen und Romanen von Felicitas Hoppe?

Michaela Holdenried: Felicitas Hoppe spricht in ihren Büchern alle großen Themen der Weltliteratur an: Wahrheitssuche, den Sinn des Lebens, seine Gefahren, Verluste, Höhen und Tiefen. Und sie tut dies in einer Sprache, die eine ungeheure Skala zwischen alltagssprachlicher Formulierung und fantasievollster Aufgipfelung ausmisst.

Und wer sonst in der Gegenwartsliteratur käme schon auf die Idee, neben der eigenen (Auto-)Biographie gleich noch deren Kommentierung zu verfassen? Wer würde eine Reise auf einem Containerschiff als Odyssee von Hamburg nach Hamburg gestalten, in Begleitung illustrer Schatten und Gespenster verblichener Seefahrer? Wer außer Hoppe könnte sich auf diese besondere Weise mit der Figur der Johanna von Orléans befassen, in den Spuren solch gewichtiger Vorgänger?

Wodurch unterscheidet sich Hoppe von anderen zeitgenössischen Autoren – und wer kommt ihr stilistisch nahe?

Michaela Holdenried: Es ist vor allem der Mut, den Hoppe immer wieder bewiesen hat, anhand völlig aberwitziger Figurenkonstellationen – mit einem Personal von Rittern, Pauschalisten, Gelehrten, Patenterfindern, Eishockeyspielern, heiligen Jungfrauen und Friseuren – und in anachronistischen Dimensionen von den zeitlosen Fragen des Daseins zu sprechen. Ein Mut, der angesichts einer doch häufig an ‚Befindlichkeiten‘ interessierten Gegenwartsliteratur beeindruckt. Es sind gerade Autorinnen wie Hoppe, Judith Schalansky und Yoko Tawada, die dabei höchst kreativ eigene Wege gehen.

Was sind Ihres Erachtens die wichtigsten Motive im Werk von Felicitas Hoppe?

Michaela Holdenried: Felicitas Hoppe wird immer wieder als Reiseschriftstellerin etikettiert. Richtig ist, dass Reisen in ihrem Werk eine unübersehbare Rolle spielt. Erzählend wird die Erde kartographiert, vom kanadischen Eis bis zur australischen Wüste, von den norddeutschen Ebenen bis in die Walliser Berge, von Hamburg bis Hamburg auf den Ozeanen. Eine solche Welthaltigkeit ist selten in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart – womöglich ist die Notation all dieser Orte und Landschaften aber einer der Gründe für das Missverständnis, Hoppe sei eine Reiseschriftstellerin. Tatsächlich wird mit dem Reisemotiv und den damit verbundenen Motiven des Abenteuers, der Suche, des Identitätsverlusts und einer Neugewinnung des Ichs ein uraltes Motiv der Literatur in immer neuen Varianten aufgerufen. Das Leben als Reise – das könnte man durchaus als Hauptmotiv des Werkes nennen. Die Autorin eröffnet damit aber vor allem einen phantasmatischen Raum, denn über die ‚realen’ Landschaften erfahren wir fast eben so wenig wie über die Psyche ihrer Figuren. Dafür spielt die oft zirkuläre Bewegung zwischen Heimat und Fremde eine wichtige Rolle. Dies würde ich als weiteres wesentliches Motiv sehen.

Und ein mit dem Heimatkomplex verbundenes Motivgeflecht ist das der Familie; wie in Hoppe vermerkt, sind alle diese Erzählungen von an ihrer Familie leidenden, von dieser verstoßenen Solitäre, Sonderlinge oder nach familiärem Ersatz Suchenden „Variationen ein und desselben Themas“. Familienerzählungen zwischen Gewalt und Idylle, denen – anders als im Familiennarrativ der Gegenwartsliteratur – immer auch ein Element des Spielerischen eignet.

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An welche Zielgruppe haben Sie gedacht, als Sie das Buch über Felicitas Hoppe konzipiert haben?

Michaela Holdenried: An alle neugierigen Leser und Leserinnen, die nicht unbedingt dem Mainstream folgen wollen, sondern ein Werk näher kennenlernen möchten, in dem sie viel über Fantasie und wenig über Schreibblockaden erfahren. Sprich: Über ein Werk, das es geschafft hat, trotz seiner völligen Unangepasstheit in die Mitte des Literaturbetriebs – oder wenn man will, mit dem Büchner-Preis in die erste Liga – aufzusteigen. Naturgemäß sind dies vor allem Studierende, meine akademischen Kollegen und Kolleginnen an den Hochschulen und nicht zuletzt all die interessierten älteren und erfahrenen Leser und Leserinnen, die ihren Horizont erweitern wollen - auch als Seniorstudierende.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsbuch von Felicitas Hoppe, welches Buch von ihr sollte man unbedingt gelesen haben?

Michaela Holdenried: Mein Lieblingsbuch ist Verbrecher und Versager: Alle diese fantasievollen Biografien oder fantastischen Porträts von historischen - und einer fiktiven - Figur/en sind außerordentlich gelungen, weil in ihnen Lebensläufe in einer absteigenden Linie nachgestaltet werden, welchen dennoch ein Erfüllungsmoment eignet. So ist etwa Junghuhn zwar nur der ‚Humboldt von Java‘, aber wir verstehen im Laufe der Erzählung, dass dieser von der Natur Javas Besessene entgegen allen Fährnissen einer krummen Biographie seine eigentliche Berufung gefunden hat, ganz und gar asozial, für sich seiend, fast autistisch, und dass auch dies ein ‚gelungenes‘ Leben sein kann. Ganz entgegen den Erwartungen (oder Befürchtungen), die der Titel weckt. (ESV/cl)


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Das Buch


Der Band „Felicitas Hoppe: Das Werk“, herausgegeben von Michaela Holdenried ist im August 2015 im Erich Schmidt Verlag erschienen.

Zur Person

Michaela Holdenried ist Professorin für Neuere deutsche Literatur / Interkulturelle Germanistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Extraordinary Professor an der University of Stellenbosch, Südafrika. Sie hat zahlreiche Publikationen zur (interkulturellen) Literatur von der frühen Neuzeit bis zur Postmoderne veröffentlicht, darunter mehrere Beiträge zum Werk von Felicitas Hoppe.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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