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Nibelungenlied
Twitter weiterempfehlen  07.12.2016

Jan-Dirk Müller: „Das größte deutschsprachige Epos“

ESV-Redaktion Philologie
Die Figuren des Nibelungenlieds - wie die Figuren eines Schachbretts (Foto: veprik09/Fotolia.com)
Liebe, Treue, Eifersucht, Betrug – diese zeitlosen Themen bieten nach wie vor genügend Stoff für moderne Romane, Filme, Opern. Doch auch schon vor über 800 Jahren waren sie Gegenstand der höfischen Unterhaltung.
Das „Nibelungenlied“, eine Sage über heldenhafte, aber auch hinterhältige Männer, über liebende, aber auch hassende Frauen, ist nicht zuletzt deshalb immer noch aktuell. Prof. Dr. Jan-Dirk Müller ist ausgewiesener Spezialist in Bezug auf das „Nibelungenlied“. In seinem Buch über die mittelalterliche Heldensage, das bereits in 4. Auflage im Erich Schmidt Verlag in der Reihe „Klassiker-Lektüren“ erschienen ist, erklärt er, woher die Faszination des heutigen Lesers stammt:

Eintauchen in eine fremde Parallelwelt

„Es ist das größte deutschsprachige Epos, das eine jahrhundertealte Sagenerinnerung – Geschichten aus der Völkerwanderungszeit – mit der ‚modernen‘ höfischen Kultur um 1200 konfrontiert und aus dieser Konfrontation eine Fabel entwickelt, die, vorangetrieben sowohl durch zeitlose Antriebe wie Liebe, Hass, Ehrsucht, Neid und dergleichen wie durch die Regeln und Normen einer des mittelalterlichen Personenverbandes, scheinbar zwangsläufig in den Untergang treibt. Der Reiz ist das Zugleich von Nähe und Distanz, denn jene Antriebe, die zur Identifikation mit den Akteuren einladen, sind immer auch auf spezifische Weise historisch modelliert und insofern von unserem Denken und Fühlen entfernt. Das Epos lädt ein, in eine fremde Parallelwelt einzutauchen, in der wir Bekanntem begegnen können.“

Jan-Dirk Müller macht diese fremde Parallelwelt fassbar, indem er sich ihr aus einem heutigen Standpunkt heraus nähert und so Bekanntes sichtbar macht. Dementsprechend finden sich neben stilistischen oder gattungsspezifischen Fragen auch Kapitel zu nibelungischer Rechtsordnung und Anthropologie. Hier ist ein Auszug aus seinem Buch zum Thema Rolle und Einzigartigkeit:

Wie die Figuren eines Brettspiels

„Die Figuren des Nibelungenliedes wurden mit den Figuren eines Brettspiels verglichen, die je nach dem, in welchem ,Bedeutungsfeld’ sie sich befinden, d.h. unter welchen situativen oder räumlichen Bedingungen sie handeln, von ihren „typischen Identitäten“ abweichen können. Sie haben keine ,Tiefe’, etwas, das ,hinter’ ihrer Erscheinung steht, selbst ihre Körperlichkeit ist flach, auf die sichtbare Oberfläche reduziert. Jeder ,ist’, was seine Oberfläche zeigt. Schon Kleider verändern die soziale Identität: Kriemhild trauernd in Alltagskleidern in einer festlich gekleideten Hofgesellschaft (1225,3f.) ist die arme Kriemhilt, die nicht mehr schön ist und nicht mehr fähig zu herrschen. Sie muss erst wieder eingekleidet werden, um erneut Königin zu sein.

Das ist, in die höfische Welt übersetzt, eine letztlich magische Vorstellung: dass das Überziehen einer Haut den Menschen verwandelt, zum König, Ritter, Pilger usw. macht oder aber zum Werwolf. Die Oberfläche zeigt an, was jemand ist. Das ist auch am Paradox der tarnhût ablesbar, die die Oberfläche zum Verschwinden bringt: Wie das Kleid verwandelt sie zwar nicht den Träger selbst, wohl aber das Bild der anderen von ihm. Wenn Brünhild gehört und gesehen hat, dass Siegfried als man Gunthers agiert, und wenn sie keinen Siegfried im Wettkampf siegen sieht, dann ist er als heroischer Werber für sie ,ausgelöscht’, und, ohne dass klar wird, wie das optisch möglich ist, tritt Gunther an seine Stelle. Da Siegfried im entscheidenden Moment (der sich im Bettkampf wiederholt) verschwunden ist, kann er nicht der Heros sein, der allein in der Lage ist, sie zu bezwingen, und damit ist er auch nicht ein Gunther ranggleicher kunic.

Übereinandergelegte Oberflächen

Siegfrieds Einzigartigkeit ist eine der Oberfläche. Was er ist, ist er dank der ,Häute’, die ihn umgeben. Zwar ragt er auch sonst unter den übrigen durch seine übermäßige Stärke hervor, doch ist diese nicht nur zusätzlich geschützt durch die Schutzschicht der Hornhaut aus Drachenblut, sondern wird zudem noch einmal gesteigert durch die tarnhût.

Die äußerste und bedrohlichste Steigerung der heroischen Potenz ist nicht einmal mehr an einen sichtbaren Körper gebunden, indem sie ihn den Blicken seiner Gegner entzieht. Doch unverwundbar ist er schon durch seine eigene Haut. Der Heros ist mit diesen übereinandergelegten Oberflächen identisch, und darüber hinaus ist er nichts. Konsequent wird seine Beseitigung als eine Art ,Häutung‘ erzählt.

Siegfrieds ,Häutung’

Er kann getötet werden, weil er Zug um Zug die ,Häute’ ablegt, die ihn schützen. Diese ,Häute’ sind unterschiedlich eng mit seinem Körper verbunden. Die tarnhût, die seine Kraft zur Zwölfmännerstärke steigert, trägt er nur in extremen Situationen heroischer Herausforderung; sie spielt bei der Ermordung keine Rolle. Auch ohne sie, in seinen Waffen, wäre Siegfried allen anderen überlegen.

Auf Grund von Hagens Intrige vertauscht er die Kriegsrüstung mit dem Jagdkleid. Zu Beginn der tödlichen Jagd tritt er im prächtigen Jagdgewand auf, dessen Kostbarkeit seinen königlichen Rang anzeigt. Noch immer ist er, wie der Verlauf der Jagd und vor allem die burleske Mahlzeit der Jäger zeigt, stärker und schneller als alle anderen. So überredet Hagen ihn, auch das Jagdkleid abzulegen, um mit Gunther im bloßen Hemd um die Wette zu laufen. Er gewinnt trotz Handicaps und, obwohl er seine Waffen beim Laufen trägt. Mit Waffen ist er immer noch der beste und gefährlichste. Hagen muss ihm auch die Waffen abnehmen. Unter dem Hemd ist er nur noch durch den Panzer aus Drachenblut geschützt. Doch die hurnîn hût ist an einer Stelle durchlässig. Der Mordanschlag gelingt, weil Hagen, angeblich um ihn im drohenden Krieg zu schützen, herausgefunden hat, wo der Panzer ein Loch hat.

Wenn Kriemhild zur Bezeichnung der Stelle ein Kreuz auf Siegfrieds Gewand näht, ist die Verwundbarkeit des Heros aufgedeckt; was tougen war, wird sichtbar, und nachdem es einmal sichtbar geworden ist, kann es nie mehr verborgen sein. Siegfried trägt von da an an seinem Körper das Mal seiner Verwundbarkeit. Hagen kann ihn tödlich treffen. Noch mit Hagens Speer im Rücken ist er gefährlich, aber seine Kraft reicht nur noch aus, um Hagen mit dem Schild niederzuschlagen, dann stirbt er: sînes lîbes sterke muose gar zergên („seine Körperkraft musste gänzlich verschwinden“). Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an zum Heros gemacht; Schicht um Schicht freigelegt, kann sie vernichtet werden. Siegfrieds ,Häutung’ und seine Zerstörung sind eins.“

Lesen Sie weiter: Wenn wir sie neugierig darauf gemacht haben, mehr zum „Nibelungenlied“  zu lesen, dann können Sie das Buch gern bei uns bestellen. Oder Sie legen es einer/m begeisterten Leser/in unter den Tannenbaum.

Zum Autor
Jan-Dirk Müller, geb. 1941, nach Professuren in Münster und Hamburg von 1991 bis 2009 Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie. Arbeiten zur Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit und zur Literaturtheorie.

Wichtigste Bücher: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I. (1982); Romane des 15. und 16. Jahrhunderts (1990); Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes (1998); Höfische Kompromisse. Acht Kapitel zur höfischen Epik (2007); Mediävistische Kulturwissenschaft (2010).

Zum Buch
Das Buch Das Nibelungenlied in unserer Reihe „Klassiker-Lektüren“ ist bereits in 4. Auflage im Erich Schmidt Verlag erschienen. Wir empfehlen es wärmstens für einen Platz unterm Weihnachtsbaum! Sie können es bequem und versandkostenfrei hier bestellen.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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