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Nachgefragt bei: Evangelia Karagiannakis
Twitter weiterempfehlen  26.10.2017

Karagiannakis: „Menschen sind von Natur aus motiviert“

ESV-Redaktion/LP
Gibt Tipps zur Motivation: Evangelia Karagiannakis (Foto: Privat)
Wie können Lernende motiviert werden? Sind alle per se unmotiviert? Und welche Rolle spielt die Motivation der Lehrenden? Evangelia Karagiannakis im Interview mit der ESV-Redaktion.

Liebe Frau Karagiannakis, wie motiviert man Schülerinnen und Schüler?


Evangelia Karagiannakis: Wenn man dazu die Motivations- und Lernpsychologie befragt, erhält man eine erstaunliche, vielleicht auch etwas unbequeme Antwort: Menschen sind von Natur aus motiviert, durch unser Verhalten tragen wir jedoch oftmals unbewusst dazu bei, dass wir uns gegenseitig demotivieren. Das gilt auch für den Schulkontext. Eigentlich sollten wir uns deshalb besser fragen, wie wir diese natürliche Motivation aufrechterhalten können.

Dazu muss man wissen, dass Motivation ein ziemlich komplexer psychischer Prozess ist. Jemand hat eine zündende Idee und möchte unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen. Also überlegt man sich den Weg dorthin und setzt alles daran, ans Ziel zu kommen, lässt sich auch nicht von eventuellen Teilniederlagen demotivieren, sondern macht weiter. Man hält sich quasi selbst bei Laune, weil das Ziel einen brennend interessiert. Erreicht man es, ist das zugleich die Belohnung, man ist zufrieden. Erreicht man es nicht oder nicht in dem erwünschten Maße, beginnt automatisch ein Prozess, in dem man darüber nachdenkt, was man sonst noch probieren und tun könnte, um erfolgreicher zu sein. Dieser Prozess läuft bei passenden Rahmenbedingungen von selbst ab.

Gibt es methodisch-didaktische Aspekte, die diesen Prozess unterstützen?

Evangelia Karagiannakis: Ja, viele sogar. Für den schulischen Kontext würde ich die folgenden fünf besonders hervorheben.

Lernende sollten regelmäßig aktiv und bewusst Lernziele formulieren. Das hilft, die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken, das Durchhaltevermögen zu erhöhen und den eigenen Lernfortschritt bewusst wahrzunehmen, zu kontrollieren und zu steuern. Wir Lehrenden haben hierbei die Aufgabe, darauf zu achten, dass die Lernenden realistische Teillernziele formulieren und jeden kleinen Lernfortschritt als Erfolg wahrnehmen, sonst sind Frustration und Demotivation vorprogrammiert. Spätestens am Ende sollte der ausgewählte Lernprozess evaluiert werden, und zwar sowohl von den Lernenden selbst als auch von anderen Lernenden oder Lehrenden: Wie bin ich vorgegangen? Was genau habe ich gemacht? Was war gut/nicht so gut? usw.

Ebenfalls sehr motivationsfördernd ist es, wenn Lernende aktiv in ein soziales Feld eingebunden sind und hier immer wieder Gelegenheit haben, ihre Kompetenzen zu zeigen und sie bewusst zu erleben. Menschen sind gesellige Wesen, die mit anderen interagieren möchten. Das kann man im Unterricht sehr leicht durch kooperative Lernszenarien in Teamarbeit unterstützen. Wenn wir durch entsprechende Maßnahmen aktiv eine positive und wertschätzende Atmosphäre in der Klasse schaffen, können Lernende in Kleingruppen mutig und selbstständig zeigen, was sie können, ihren Lernprozess autonom mitgestalten und sich neue Inhalte selbst erarbeiten. In vielen Klassenräumen beherrscht leider immer noch der Frontalunterricht das Unterrichtsgeschehen. Kurze Inputs sind an bestimmten Stellen absolut sinnvoll, auf Dauer aber gehören sie zu den Motivationskillern.

Dauert das nicht alles viel zu lange?

Evangelia Karagiannakis: Diese Frage höre ich in meinen Fortbildungen für Lehrende sehr oft, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern von Vietnam über Uganda bis nach Kolumbien, also praktisch weltweit. Auch nicht nur im schulischen Kontext, sondern quer durch alle Bildungseinrichtungen, von der Grundschule bis zur Universität. Meine Antwort ist ein klares „Nein“. Warum? Nun, Lernprozesse, insbesondere institutionalisiertes Lernen, durchlaufen ja stets mehrere Stufen: Die Lernenden kommen zum ersten Mal mit dem neuen Lerngegenstand in Kontakt, dieser wird in vielen Schritten im Arbeitsgedächtnis erarbeitet, trainiert und geübt, um dann idealerweise ins Langzeitgedächtnis überzugehen.

Natürlich benötige ich weniger Zeit für die Einführung eines neuen Stoffes, wenn ich ihn selbst referiere und erkläre. Dafür brauche ich dann aber sehr viele Übungs- und Wiederholungsschritte. Außerdem besteht die Gefahr, dass mein Input als langweilig erlebt wird, die Motivation sinkt also. Wenn die Lernenden sich Inhalte selbst erarbeiten, dauert das zwar länger, dafür sind sie aktiv bei der Sache, verstehen alles viel besser und benötigen viel weniger Übungen. Unterm Strich dauert der Prozess also auf keinen Fall länger, oftmals ist er sogar kürzer.

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Lernen motivierte Schülerinnen und Schüler besser?

Evangelia Karagiannakis: Auf jeden Fall! Wenn sie etwas richtig interessiert, sind sie begeistert bei der Sache. Auch das ist ein ganz natürlicher Prozess, selbst in der schwierigen Zeit der Pubertät. Ich erinnere immer wieder gerne an die Harry-Potter-Welle. Kinder und Jugendliche haben dem Erscheinungstermin des jeweils nächsten Bandes nur so entgegengefiebert, sobald er da war, wurden 700 oder mehr Seiten mit der größten Selbstverständlichkeit geradezu verschlungen. Auch nachfolgende, populäre Kinder- und Jugendliteratur hatte vergleichbare Auswirkungen. Im Grunde genommen geht es darum, durch geeignete Themen und/oder geeignete Arbeitsweisen eben diese natürliche Begeisterungsfähigkeit zu wecken und zu unterstützen.

Helfen außerschulische Aktivitäten?

Evangelia Karagiannakis: Sie bringen definitiv Abwechslung in den Lernalltag, und zwar für alle Beteiligten. Und Abwechslung ist motivationsfördernd. Dabei kann man Aktivitäten organisieren, die vorrangig der Gruppendynamik und dem sozialen Miteinander dienen, was ja, wie bereits erläutert, ein wichtiger Motivationsfaktor ist.

Es gibt aber auch sehr viele außerschulische Lernangebote, zum Beispiel in Museen, historischen Gedenkstätten, politischen oder anderen Institutionen und vielem mehr. Auch bei einem vermeintlichen einfachen Rundgang durch die eigene Stadt kann „richtiges“ Lernen stattfinden. Die genannten und andere Varianten gelingen umso besser, je aktiver und autonomer die Lernenden an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt werden.

Motiviert die Arbeit mit digitalen Medien mehr?

Evangelia Karagiannakis: Ich würde nicht sagen, dass digitale Medien per se mehr motivieren, aber sie haben definitiv ein großes Potential dafür. Entscheidend ist, was und wie genau damit erarbeitet oder trainiert wird. Wie bei jeder Methode und jedem Unterrichtsmedium, ist die Arbeit mit digitalen Medien dann motivierend und erfolgreich, wenn die Medien nicht um ihrer selbst willen eingesetzt werden, sondern weil sie, gut vorbereitet, an der „richtigen“ Stelle einen Mehrwert gegenüber anderen Medien und Arbeitsweisen beinhalten.

Macht es einen Unterschied, ob ich Jugendliche oder Erwachsene motiviere?

Evangelia Karagiannakis: Der Motivationsprozess ist in seiner Grundstruktur altersunabhängig. Auch die genannten Aspekte Kompetenzerleben, soziale Eingebundenheit, Autonomie usw. fördern die Motivation von erwachsenen Lernenden. Unterschiede gibt es vor allem bei der Auswahl der Themen, bei den konkreten Arbeitsweisen und dem methodischen Vorgehen.

Müssen die Lehrerenden auch motiviert sein? Sollte diese Motivation nicht Voraussetzung für den Lehrberuf sein?

Evangelia Karagiannakis: Wenn Lehrende nicht mit Motivation und „Herzblut“ bei der Sache sind, überträgt sich das schnell auf die Lerngruppe, und zwar unabhängig von deren Alter. Motivierte Lehrpersonen sind also auch eine Voraussetzung für motivierte Lernende, ganz sicher. Insofern sollte das meiner Meinung nach auch Voraussetzung für den Lehrberuf sein.

Wenn ich an die vielen Lehrenden denke, die mir bisher begegnet sind – als Schülerin, als Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder und seit über einem Vierteljahrhundert auch als Kollegin sowie Aus- und Fortbilderin von Lehrenden weltweit – fällt mir Folgendes auf: Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen starten ihren Beruf hochmotiviert. In der Regel werden sie ja nicht gezwungen, Lehrerin oder Lehrer zu werden. Sehr viele behalten ihre Motivation über Jahrzehnte hinweg, arbeiten begeistert, manche verausgaben sich geradezu. Es gibt aber auch oft sehr, sehr schwierige Rahmenbedingungen, die am Durchhaltevermögen zehren. In meinen interkulturellen Gruppen oder auf Auslandsdienstreisen treffe ich beispielsweise regelmäßig Kolleginnen und Kollegen, die in ihrer Heimat in den Städten 100 Schülerinnen und Schüler in der Klasse haben oder auf dem Land in Schulen arbeiten, in denen es weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Das sind gewaltige Herausforderungen, die einen manchmal zumindest vorübergehend verzweifeln lassen können.

So weit muss man aber gar nicht reisen und so extrem muss es auch nicht sein. Auch hier in Deutschland gibt es vielerorts Missstände, die Lehrenden die Arbeit erschweren. In vielen Schulen gibt es zum Beispiel im Lehrerzimmer bei weitem nicht genug Plätze für das gesamte Lehrerkollegium. Viele Lehrende verlassen nach Unterrichtsschluss ebenso schnell das Schulgebäude wie ihre Lernenden und ziehen sich allein ins heimische Arbeitszimmer zurück. In Skandinavien ist das ganz anders. Dort haben alle ihren eigenen festen Arbeitsplatz in der Schule, arbeiten viel in Teams, tauschen sich aus, bereiten gemeinsam Unterricht oder Aktivitäten vor, entwickeln gemeinsam Projekte oder Konzepte usw. Selbstverständlich wirkt sich das positiv auf die Motivation der Lehrenden aus.

Was ist Ihr ganz persönlicher Tipp, um zu motivieren?

Evangelia Karagiannakis: Erst mal bei der eigenen Motivation beginnen. Unbedingt mit Kolleginnen und Kollegen kooperieren. Viele Lehrende sind „Eigenbrödler“, das ist auf Dauer kontraproduktiv. Im Unterrichtsraum authentisch sein.

Den Lernenden wertschätzend und respektvoll auf Augenhöhe begegnen, egal wie jung oder alt sie sind. Ihre Wünsche und Sorgen ernst nehmen. Ihre Fähigkeiten und Kompetenzen wahrnehmen und würdigen. Lernende können viel mehr als viele von uns denken, wir müssen sie nur (los)lassen und ihnen zeigen, dass wir ihnen etwas zutrauen und an sie glauben.

Fremdsprache Deutsch: Das Heft
Das Themenheft Motivation der Zeitschrift Fremdsprache Deutsch erscheint im Oktober im Erich Schmidt Verlag als Print und eJournal.

Die Herausgeberin
Evangelia Karagiannakis ist Linguistin, Sprachdidaktikerin, Lehrwerkautorin, Diversity und Interkulturelle Trainerin. Neben ihrer Tätigkeit als Fremdsprachen-Lehrerin begann sie bald mit der Fortbildung von Lehrenden. Inzwischen bildet sie als freie Trainerin weltweit Lehrende und Multiplikator/inn/en an Hochschulen, Goethe-Instituten, Regelschulen usw. aus. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören neben Sprachdidaktik auch fächerübergreifende Hochschul­didaktik, Interkulturelle Kommunikation und Konfliktmanagement.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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