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Nachgefragt bei: Janine Katins-Riha
Twitter weiterempfehlen  11.07.2017

Katins-Riha: „Das Testament bildet das Herzstück von Hauptmanns Nachlass“

ESV-Redaktion Philologie
Untersucht Gerhart Hauptmanns Nachlass: Janine Katins-Riha (Foto: Privat)
Gerhart Hauptmann hat vor seinem Tod mehrere Testamente verfasst, die von einem bewussten Bedürfnis zeugen, den eigenen literarischen Nachlass rechtzeitig zu sichern. Zu diesem Nachlassbewusstsein Hauptmanns erscheint im August eine aktuelle Untersuchung. Lesen Sie das Interview der ESV-Redaktion mit der Autorin.
Liebe Frau Katins-Riha, Ihr Buch beschäftigt sich mit dem literarischen Nachlass Gerhart Hauptmanns. Wie kamen Sie auf die Idee, diese Nachlasshistorie zu untersuchen?

Janine Katins-Riha: Im Verlauf meines Studiums habe ich mich zunehmend für die Arbeit mit literarischen Nachlässen zu interessieren begonnen und erhielt im Zuge einiger Projektseminare die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Nachlässen und Sammlungen zu arbeiten. Ein besonderes Erlebnis war die Arbeit am Nachlass Ludmilla Assings, der Nichte Karl August Varnhagen von Enses, der die überaus umfangreiche Autographensammlung ihres Onkels, auch bekannt als Sammlung Varnhagen, einschließt und heute in der Bibliothek der Jagiellonen-Universität in Krakau aufbewahrt wird.

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Die Arbeit am Nachlass Gerhart Hauptmanns entstand im Umfeld des Seminars zur Theorie des literarischen Nachlasses von Prof. Dr. Carlos Spoerhase. Er war es auch, der die Anregung zur Beschäftigung mit dem Nachlass Hauptmanns gab. Zu Beginn der Arbeit hatte ich die Sorge, dass es solche Dokumente, wie ich sie mir zu finden erhoffte, im Nachlass möglicherweise nicht geben würde oder ich sie in der Fülle des Gesamtmaterials nicht herauszufiltern in der Lage wäre. Glücklicherweise haben sich beide Annahmen nicht bestätigt und es war wohl die lohnendste und lehrreichste Studienerfahrung, mit diesem und den angrenzenden Nachlässen arbeiten zu dürfen.

Vielfach wurde der Erwerb des Nachlasses durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 1969 als „Odyssee“ bezeichnet. Was verbirgt sich hinter dieser Formulierung?

Janine Katins-Riha: Es ist nicht der Erwerb durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der als „Odyssee“ charakterisiert wurde. Vielmehr bezieht sich dieser Schlüsselbegriff auf den Zeitraum seit dem Abtransport des Nachlasses im Februar 1945 aus dem schlesischen Agnetendorf, in dem seit der Jahrhundertwende das Hauptdomizil Hauptmanns situiert war, bis 1968. Dieser Parallelisierung ist die vor allem in diesem Zeitraum bestehende Unsicherheit darüber eingeschrieben, ob der literarische Nachlass Hauptmanns jemals die behüteten archivalischen Gefilde erreichen würde, die ihm aus Sicht der Literaturwissenschaft als einem nationalen Kulturgut bestimmt waren. Stärker noch: Transportiert der Begriff doch auch die Überzeugung, dass sich der Nachlass noch nicht am rechten Platz befindet, vielmehr unrecht platziert ist.

Er besitzt somit gleichsam appellativen Charakter, der den Urheber dieses Zustandes adressiert: den jüngsten Sohn des Dichters aus dessen zweiter Ehe, Benvenuto Hauptmann, der die Nachlassbestände im Dezember 1945 von Schloss Kaibitz in der Oberpfalz, wohin sie aufgrund der Sorge vor der heranrückenden Front von Agnetendorf aus verlagert worden waren, abtransportieren ließ und sie bis Anfang der 1960er-Jahre vor Forschung und Öffentlichkeit weitestgehend verschloss. Erst nach seinem Tod Anfang April 1965 begannen die Verhandlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit seiner Witwe und Alleinerbin Barbara Hauptmann.

Wo befindet sich der literarische Nachlass von Gerhart Hauptmann heute und was umfasst er im Einzelnen?

Janine Katins-Riha: Der literarische Nachlass Gerhart Hauptmanns befindet sich heute in der Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Er konstituiert sich weithin aus dem Proto-Archiv des Dichters, das zwischen 1928 und 1935 in der Villa Wiesenstein in Agnetendorf entstand. Das unter Hauptmann-Forschern und -Freunden bereits zu Lebzeiten des Dichters als „Schatz vom Wiesenstein“ bekannte Archiv enthielt zum Zeitpunkt seiner Entstehung hauptsächlich die literarischen Manuskripte, später auch Korrespondenzen, Notiz- sowie Tagebücher Hauptmanns.

Bibliothek Hauptmanns umfasste 11.000 Titel

Dieser historischen Systematisierung folgt auch die Staatsbibliothek, die den Nachlass in drei große Abteilungen untergliedert: den Manuskript-, den Brief- sowie den Bibliotheksnachlass. Hinzu tritt die Gruppe der Sach- und Lebensdokumente, der beispielsweise Privatakten, Personalpapiere, Fotografien und Tagebücher subsumiert werden. Sie bilden im Fall dieses Nachlasses keine eigene Hauptkategorie, werden jedoch in einem biografischen Anhang zum Brief- und Manuskriptnachlass separat erschlossen. Allein der Manuskriptnachlass umfasst 839 Signaturen mit 17.711 beschriebenen Seiten. Hinzu kommen der Briefnachlass, der etwa 6.500 Briefe von und 75.000 Briefe an Hauptmann enthält, sowie die 11.000 Titel verzeichnende Bibliothek des Dichters.

Hatte Gerhart Hauptmann in Bezug auf seinen literarischen Nachlass selber Vorkehrungen getroffen? Wurde er dabei von jemandem beeinflusst oder hat er alles „im stillen Kämmerlein“ geregelt?

Janine Katins-Riha: Das Nachlassbewusstsein Gerhart Hauptmanns ist wesentlich extrinsisch motiviert. Die Vorbereitung des literarischen Nachlasses gestaltet sich zu Lebzeiten des Autors als ein kollektives Projekt verschiedener Akteure, die das Interesse Hauptmanns für den eigenen künftigen Nachlass vielfach zu stimulieren versuchen, da Hauptmann selbst bis 1943 keine ausreichenden Maßnahmen zur Sicherung des Materials ergreift, die über die eigene Lebenszeit hinausreichen. Das Nachlassbewusstsein, das aus den letztgültigen Verfügungen von 1943 spricht, verdankt sich wesentlich dem Umfeld Hauptmanns, besonders Max Pinkus, Viktor Ludwig, Ludwig Jauner, Carl F. W. Behl, Felix A. Voigt und Benvenuto Hauptmann, dem jüngsten Sohn des Dichters.

Haben Sie das Original-Testament von Gerhart Hauptmann selbst in Händen gehalten? Was ist das Besondere daran?

Janine Katins-Riha: Ein besonderer Aspekt an Nachlassmaterialien ist ihr auratischer Charakter. Dies mag für Handschriften noch einmal mehr gelten als für Typoskripte, da hier der Glaube, in der Handschrift materialisiere sich das Wesen des Verfassers, noch einmal mehr zum Tragen kommt als bei maschinenschriftlich verfassten Dokumenten, zu denen auch das Testament Hauptmanns gehört. Das Testament bildet das Herzstück des Nachlasses und wird gewissermaßen zum Initiationsdokument des eigenen Nachlebens. Ohne das Testament, über das Hauptmann verfügt, Archiv und Sammlungen als geschlossenen Verbund zusammenzuhalten, wäre der literarische Nachlass unter Umständen nicht in dieser Vollständigkeit überliefert worden.

Das Nachlassbewusstsein, das aus diesem Testament spricht, ist umso beeindruckender, wenn man einen Blick auf die Entwicklung der gesamten testamentarischen Verfügungen und das personelle Umfeld des Dichters wirft. Man kann sagen, dass es sich hier um ein großartiges Dokument gemeinschaftlicher Arbeit am Nachlassbewusstsein des Dichters handelt. Die Entstehungsgeschichte dieses Testaments macht dieses Dokument so besonders.

Zum Band
Der Band Nachlassbewusstsein, Nachlasspolitik und Nachlassverwaltung bei Gerhart Hauptmann erscheint im August im Erich Schmidt Verlag. Mitglieder der Hauptmann-Gesellschaft erhalten einen Rabatt.

Die Autorin
Janine Katins-Riha studierte Germanistik, Antike Kultur und Vergleichende Literaturwissenschaft in Düsseldorf, London und Berlin. 2016 erlangte sie den akademischen Grad Master of Arts im Fach Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.

(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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