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Französische Literaturwissenschaft
Twitter weiterempfehlen  14.12.2017

Klinkert: „Ein Literaturwissenschaftler nennt sich in Frankreich ‚critique littéraire‘“

ESV-Redaktion Philologie
Paris: Sehnsuchtsort der französischen Literatur (Foto: Mapics/Fotolia.com)
Wer in Deutschland französische Literaturwissenschaft studiert, stolpert wohl zunächst über die im Französischen und Deutschen unterschiedliche Bezeichnung des Studienfachs. Was ist das für eine Disziplin, die hier „Literaturwissenschaft“, dort aber nicht etwa „sciences littéraires“ sondern „lettres“ oder „critique littéraire“ heißt?
Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus der kürzlich in 5. Auflage erschienenen „Einführung in die französische Literaturwissenschaft“ von Professor Dr. Thomas Klinkert. Er erläutert, was „kritisch“ in diesem Zusammenhang heißt, und worauf es bei einem Studium der französischen Literaturwissenschaft ankommt. Seine Einführung eignet sich wunderbar als Weihnachtsgeschenk für alle angehenden „Literaturkritiker“.

„Die universitäre Disziplin, die sich in Frankreich mit dem Gegenstand Literatur befasst, trägt nicht den Namen Wissenschaft. Wer sich an einer französischen Universität für das Fach immatrikuliert, das der im deutschen Sprachraum als Literaturwissenschaft bekannten Disziplin entspricht, der studiert lettres und nicht etwa science littéraire. Dieser Begriff ist ungebräuchlich, da science im Gegensatz zu Wissenschaft vor allem die Naturwissenschaften bezeichnet. Innerhalb des Faches lettres, Abteilung lettres modernes, gibt es verschiedene Teilbereiche: linguistique, littérature française, littérature comparée usw. Ein Literaturwissenschaftler nennt sich in Frankreich critique littéraire. Um die Kritik, die er betreibt, von der feuilletonistischen zu unterscheiden, spricht man auch von der critique universitaire.“

Kritik meint nicht ein bloßes Geschmacksurteil

„Kritisch heißt hier nicht, dass man wie mancher Literaturkritiker im Feuilleton einen literarischen Text einem bloßen Geschmacksurteil unterwirft, ihn lobt oder tadelt (obwohl es sicherlich eine Illusion wäre zu glauben, dass die Literaturwissenschaft ohne jegliche Bewertung auskäme; jede Liste kanonisierter Texte beruht auf Werturteilen). Kritisch heißt vielmehr, dass man Strenge und Genauigkeit beim Umgang mit Sprache, Terminologie, Texten und (eigenen und fremden) Thesen und Hypothesen obwalten lässt. Kritisch wird hier also in seiner ursprünglichen, sich aus dem griechischen kritike techne herleitenden Bedeutung verwendet. Es bezeichnet das „allgemeine Wahrnehmungsurteil, die Fähigkeit, einen Sachverhalt zu beurteilen und darüber zu entscheiden“.“

Kritische Literaturwissenschaft basiert auf Textanalyse

„Wahrnehmung, Urteil und Unterscheidung im Zusammenhang mit literarischer Kommunikation beruhen auf Teilhabe, auf Kenntnis dieser Kommunikation von innen her. Oberste Regel einer kritischen Literaturwissenschaft ist daher, dass alle ihre Aussagen letztlich auf Textanalyse basieren müssen.“

Nachgefragt bei: Prof. Dr. Thomas Klinkert 27.09.2017
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In Frankreich ist gerade das Leben nach der sogenannten rentrée wieder erwacht, der Alltag verlagert sich vom Strand in die Städte, vom Müßiggang ins Arbeitsleben. Professor Thomas Klinkert spricht im Interview mit der ESV-Redaktion über französische Gegenwartsliteratur, die Romanistik und die Lust am Lesen. mehr …


„Selbstverständlich können Texte nicht voraussetzungslos aus sich selbst heraus verstanden werden. Literaturwissenschaft kommt nicht ohne Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Literaturgeschichte, Mediengeschichte usw. aus. Doch richtet eine Privilegierung dieser Disziplinen mehr Schaden als Nutzen an, wenn man glaubt, damit auf Textanalyse verzichten zu können. Dann nämlich verlässt man sich bestenfalls auf das Urteil anderer, die die Texte gelesen haben und deren Deutung man übernimmt, schlimmstenfalls aber reduziert man literarische Texte auf den Status bloßer Dokumente, ohne sich um ihre ästhetische Dimension zu bekümmern, ohne sie in ihrer oft widersprüchlichen Komplexität, ihrer Uneindeutigkeit, ihrer Lückenhaftigkeit wahrzunehmen.“

Unabdingbar ist gründliches Lesen

„Erster Schritt des Studiums der Literaturwissenschaft ist es daher, die eigene Lektürefähigkeit zu verbessern und die Technik der Textanalyse zu erwerben. Trotz allem, was später oder auch schon gleichzeitig an historischem und kulturellem Wissen hinzukommen kann, ist und bleibt die Textanalyse das A und O der Literaturwissenschaft. Das bedeutet auch, dass man lernt, gründlich zu lesen, sich nicht mit einem ersten, intuitiven Verstehen zu begnügen, niemals dem bloßen Augenschein, dem vermeintlich Evidenten zu vertrauen.“


Zum Autor
Thomas Klinkert ist ordentlicher Professor für Französische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a.: Literatur und Wissen, Literaturtheorie, Tod und Gedächtnis in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Er hat Studien zu Marcel Proust, Samuel Beckett, Claude Simon, Jorge Semprún, Primo Levi, Paul Celan u.a. verfasst.
 

Einführung in die französische Literaturwissenschaft
 

Die  bewährte „Einführung in die französische Literaturwissenschaft“ ist bereits in 5. Auflage im Erich Schmidt Verlag erschienen.

Sie eignet sich sowohl zum Einstieg für Studienanfänger als auch begleitend für das gesamte Studium der Literaturwissenschaft.

Anhand von ausgewählten Beispielen wird die Entwicklung der französischen Literatur im Rahmen der Mediengeschichte erläutert.

Die Theorie der literarischen Gattungen erschließt sich über detaillierte Analysen narrativer, dramatischer und lyrischer Texte, deren einzelne Schritte gut nachvollziehbar dargestellt sind.

 


(ESV/vh)

Programmbereich: Romanistik

 
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