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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Peter Klotz
Twitter weiterempfehlen  23.02.2017

Klotz: „Wir verändern Texte, um sie stimmiger zu gestalten“

ESV-Redaktion Philologie
Prof. Klotz möchte zu einer kommunikativen Bewusstheit anregen (Foto: privat)
In Gesprächen korrigieren wir uns oft selbst, um genauer auszudrücken, was wir sagen wollen. Was steckt dahinter? Der Sprachdidaktiker Peter Klotz im Interview mit der ESV-Redaktion über seinen Ansatz des Modifizierens.
In unserem Alltag verwenden wir öfter einschränkende Formulierungen wie „zwar“, „aber“, „genau besehen“ oder „mit anderen Worten“. Wir korrigieren uns dabei also selbst bzw. wir verändern das ursprünglich Gesagte, um näher an das eigentlich Gemeinte heranzukommen. Wie funktioniert dieses Modifizieren?

Peter Klotz: Diese kleinen Sprachelemente, also diese Partikel und diese idiomatisierten Ausdrücke, sind Steuerungszeichen, die darauf aufmerksam machen: jetzt kommt noch etwas Anderes hinzu, hier braucht es noch eine andere Perspektive. Ähnlich wie diese einfachen Zeichen und ähnlich den performativen, d. h. eine Handlung bezeichnenden Ausdrücken funktioniert etwa ein explizit kontrastierender Wortgebrauch - etwa: dieses Kind versus dieser Frechdachs -, ein deutlich markierter Modusgebrauch - etwa: ich ginge da nicht hin versus ich gehe da nicht hin -, eine konturierte Wortfolge und natürlich vieles andere mehr wie etwa auch eine markierte Abfolge der Textsegmente. Diese Sprach- und Textzeichen können zu Werkzeugen des Modifizierens werden, wenn sie entsprechend eingesetzt werden. Wichtig ist hier der Hinweis, dass mein Ansatz konsequent textorientiert ist und nicht nur satzbezogen.

Ihr Buch trägt den prägnanten Titel „Modifizieren“.  Können Sie unseren Lesern erläutern, was Sie darunter verstehen und in welchem Kontext Sie das Modifizieren in Ihrer Studie behandeln?

Peter Klotz: Modifizieren ist eine Möglichkeit, dem noch näher zu kommen, was wir verstehen oder sagen wollen. Im Blick ist unser aller Sprachhandeln, nicht nur, wie wir Texte verstehen und wie wir Texte verfassen, sondern vor allem auch jenes Gespür und jenes Wissen, dass ein Text zwar das, was wir herauszulesen und/oder was wir auszudrücken meinen, sagt, aber doch nicht so ganz stimmig und richtig.

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Und wenn uns der Text oder die Personen, mit denen wir kommunizieren, wichtig sind, dann modifizieren wir unser Textverständnis bzw. unsere Äußerungen. Das erfordert viel geistige Beweglichkeit und die Bereitschaft, in Alternativen zu denken oder auch zu fühlen. Wir verändern Texte, um sie stimmiger zu gestalten, wir führen etwa weitere Sachverhalte ein, weil sich das als sinnvoll erweist, oder wir nehmen Sachverhalte heraus, um klarer verstanden zu werden, oder wir handeln so, um z. B. kommunikativen Takt walten zu lassen. Wichtig ist, das zugrunde liegende Thema nicht aus dem Blick zu verlieren, selbst da, wo wir modifizierend ablehnen oder verneinen.

Sie beschreiben das Modifizieren in Ihrem Buch aus linguistischer Sicht als pragmatischen Akt bzw. als „Gestus“. Was ist damit gemeint?

Peter Klotz: Damit ist gemeint, dass Modifizieren vor allem unter der Perspektive des sprachlichen Handelns wie eine Geste gesehen wird und nicht zuerst unter einem grammatischen Blickwinkel. Eine Geste kann, muss aber nicht zu jeder Äußerung hinzukommen, sondern schlicht nur da, wo es notwendig und richtig erscheint. Solchermaßen ist Modifizieren ein Gestus, über den man verfügt, spätestens, wenn man sich ihn bewusst gemacht hat.

Modifizieren bedarf dann einer Sprachsuche, einer einlässigen sprachlichen Gestaltung, um dort anzukommen, wohin ein Text kommunikativ gelangen soll. Dieser engagierten Kommunikationsweise liegt eine mentale Haltung oder auch eine sachliche Notwendigkeit zu Grunde, die sich in pragmatischen Gesten ausdrückt und die sich die dafür geeigneten Mittel sucht. Die Schwierigkeit, die sich damit verbindet, ist wohl immer, die wirklich adäquate Sprach- und Handlungsform zu finden. Deshalb mag es zum Beispiel vernünftig und kommunikativ erfolgreich sein, etwas nicht immer noch komplizierter auszudrücken, um genauer zu sein, sondern ganz einfach.

Übrigens ist das einer der Gründe, warum ich vorhin von kommunikativem Takt gesprochen habe; sprachhandelnd behutsam oder auch einmal zupackend vorzugehen kann taktvoll sein. All das ist ein weites Feld, das viel soziale Kompetenz und sprachliches Wissen erfordert, aber es ist notwendig, es zu bearbeiten.

„Modifizieren ist seinem Wesen nach eine Arbeit am Text“, schreiben Sie. Das heißt also, wenn ich als Schreiber oder Sprecher modifiziere, mache ich meinen Text oder meine Rede besser als er/sie vorher war? Ist also das theoretische Wissen um diesen sprachlichen Akt wichtig für unsere Kommunikationsstrategie und für unseren kommunikativen Erfolg?

Peter Klotz: Ich beantworte zuerst die zweite Frage: Es gibt etliche Menschen, die, um zu modifizieren oder um kommunikativ gut zu sein, keine solche Theorie brauchen, wie überhaupt Menschen in gegebenen Situationen ganz sicher den Versuch machen, ihr Sprachhandeln zu modifizieren, anzupassen, stimmig zu machen. Man kann freilich im Zusammenhang mit sprachlichem Handeln den Wunsch haben oder die Haltung einnehmen, ein Bewusstsein darüber haben zu wollen, wie wir genau verstehen, wie wir sprechen oder schreiben müssen, um so verstanden zu werden, wie wir etwas eigentlich meinen oder wie es richtiger oder anständiger Weise zu formulieren ist. Eine im Ansatz theoretische Kompetenz hierfür kann sogar im Deutschunterricht schon nützen, denn dort gehört ja das Texte-Überarbeiten zum Standardrepertoire, wenn es denn angewendet wird. Ein bisschen Theorie kann da einen Anstoß geben und ein entsprechendes Bewusstsein allmählich schaffen, oder aber der Weg führt über die Praxis, die schließlich durch Theoretisches bestätigt und ergänzt wird.

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Zur ersten Frage ergibt sich die Antwort jetzt leichter: Mein Text oder meine Rede wird durch Modifizieren nicht unbedingt besser, manchmal ja auch schlechter – zumal recht unklar ist, was „besser“ alles sein könnte. Statt dessen kann durch die Arbeit am Text eine geeignete kommunikative Adäquatheit, ein stimmigerer Sachbezug dessen, was thematisiert wird, angestrebt werden. Das Schwierige ist und bleibt, dass die Sprechenden und Schreibenden eine vielfältige konkrete Sprachkompetenz brauchen. Vielleicht sensibilisieren da etliche der literarischen Texte in meiner Studie, weil endlich wieder einmal der Weg in einen Text über seine sprachliche und mentale Gestaltung gesucht wird. Das ist ganz handwerklich so gemeint.

Mir ist aber noch eine Anmerkung wichtig: Der von mir pragmatisch gebrauchte Begriff des Modifizierens hat die unvermeidliche und die letztlich mit gewollte Nähe zu den grammatischen Termini Modus, Modalwort, Modalverb, Modalpartikel, Modaladverbiale. Diese in der Grammatik so gefassten sprachlichen Erscheinungen werden in meinem Buch als Instrumente des Modifizierens neben anderen, den zuvor schon erwähnten, gesehen, sie dominieren aber nicht die Darstellung. Solchermaßen geht es mir auch, und da bin ich ja keineswegs allein, ein bisschen um eine mentale Befreiung aus einem zu engen Grammatikverständnis – hin zu einem pragmatischen und alltagstauglichen.

Was ist das Neue an Ihrer Studie und was möchten Sie mit dem Buch erreichen?

Peter Klotz: Neu an meiner Studie ist wohl das Aufgreifen dieses Themas in so strikter Text- und Pragmatikorientierung: am Anfang unserer Kommunikation, wenn sie nicht ganz und gar alltäglich und einfach ist, steht meist das sprachlich Handeln-Wollen, dem folgen die Sprachsuche und, wo es wichtig oder bedeutend wird, eine spezifische Textgestaltung.

Zum Schluss noch einmal: Ich möchte mit dem Buch kommunikative Bewusstheit anregen, die sich ganz konkret im sprachlichen Gestalten niederschlägt. Deshalb wendet sich das Buch auch nicht nur an Fachkollegen und Fachkolleginnen in Hochschule und Schule, sondern ebenso an jene, die an Sprache und Kommunikation interessiert sind. Und freilich, auch wenn es ein wenig pathetisch klingt: mir liegt an einer Verantwortung für den Sprachgebrauch, den je eigenen und eine kritische für den, der auf uns Tag für Tag zukommt. Dafür sind Bewusstheit und Wissen unverzichtbar.

Zum Buch
Das Buch Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung erscheint im Februar im Erich Schmidt Verlag.Wenn wir Sie neugierig gemacht haben mehr zu lesen, dann können Sie das Buch bequem hier bestellen.

Zum Autor
Peter Klotz war bis 2008 Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Bayreuth. Arbeitsschwerpunkte waren und sind Grammatik und Pragmatik, Schreibforschung, Textwissenschaft, Neuansätze zu einer Deskriptologie, sprachbezogene Literaturbetrachtung und Textsorten zur Kunstgeschichte.

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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