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Leseprobe: Karl Kraus im im Urteil literarischer und publizistischer Kritik II
Twitter weiterempfehlen  14.12.2017

Kraus: „Kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘“

ESV-Redaktion Philologie
Sorgte für Kontroversen: Karl Kraus (Foto: Photographie Atelier Joel Heinzelmann/Berlin, 1921)
Karl Kraus (1874–1936) gilt als multimediales „Ereignis“ der Wiener Moderne: Publizist, Satiriker, Lyriker, Dramatiker, Sprachrichter, scharfer Kritiker der Presse. Dietmar Goltschnigg hat zwei umfassende Bände über die Rezeption und Wirkung Karls Kraus’ herausgebracht.
Geprägt von Extremen wird seine Wirkung auf der Basis eines repräsentativen, mit ausführlichem Stellenkommentar versehenen Textkorpus dargestellt. Einer der Autoren, deren Texte im zweiten Band versammelt sind, ist Elias Canetti. Im November 1974 hat dieser in der Berliner Akademie der Künste einen Vortrag über Karl Kraus gehalten, der später in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde. Die folgende Leseprobe gibt einen Einblick.


Elias Canetti: Der Neue Karl Kraus [1974]

Die Volkszählung hat ergeben, daß Wien 2 030 834 Einwohner hat. Nämlich 2 030 833 Seelen und mich.“ – Es gibt keine Äußerung von Karl Kraus, die seine Stellung und sein Wesen besser bezeichnet als der karge einzige Satz dieser Glosse. Es geht um eine Bevölkerungszahl, um die Bevölkerungszahl Wiens, als so-und-soviel Seelen bezeichnet, wobei dieses Wort das Gegenteil dessen bedeutet, was ursprünglich und auch heute noch den Inhalt von ‚Seele‘ ausmacht. Der Plural rückt es in die Nähe der Toten Seelen Gogols, es sind Seelen, die eben keine mehr sind. In ihrer Vielzahl wird ihnen ihr Leben abgesprochen. Alle zusammen werden einem Einzigen entgegengestellt, der ‚Ich‘ heißt, und dieses Ich wiegt sie auf, das Gewicht und der Wert dieses Ich sind größer als die aller übrigen Bewohner zusammengenommen.

So nackt ist ein solcher Anspruch noch nie angemeldet worden, man möchte es als einen Glücksfall bezeichnen, daß es ihn in dieser knappsten aller Fassungen gibt. Er steht hinter den 30 000 Seiten der „Fackel“, denen es trotz ihrer gepanzerten Sprache an Leben nicht mangelt. Er bedeutet, daß der Eine es mit diesen Millionen aufnehmen kann, er enthält die mörderische Absicht dieses Einen, der sich der kompletten Bevölkerung einer Weltstadt stellt, allen und jedem einzelnen von ihnen, und es ist wichtig, daß diese Stadt bei Namen genannt ist: Wien.

Die „Fackel“, in der sich diese unscheinbare Glosse findet, trägt das Datum 26. Januar 1911. Es ist – nachträglich besehen – eine relativ harmlose Zeit, und man mag es als unangemessen empfinden, daß ich dem Schreiber dieses simplen Satzes eine mörderische Absicht unterschiebe. Auf den ersten Blick drückt er nicht mehr als einen Hang zur Absonderung aus. Es ist unerträglich, in einer Volkszählung als Nummer mitgezählt zu werden. Je größer die Zahl ist, um so unvergleichbarer fühlt sich der, der sie zur Kenntnis nimmt – der atmet, lebt, liest, urteilt, haßt –, denen, die in ihr bloß als Nummern mitgezählt sind. Mehr scheint in dieser Gegenüberstellung nicht ausgedrückt zu sein, und man muß schon in jahrelanger Vertrautheit mit seinem Werk von Karl Kraus selbst angesteckt sein, um mehr dahinter zu wittern. Mißtrauen galt ihm als oberste Tugend, als er die „Fackel“ zu schreiben begann, er war auf erbarmungsloses Durchschauen aus, und es ist ihm während der 36 Jahre ihres Bestandes wie keinem anderen gelungen, diese Tugend zu üben. Angesteckt hat er viele, und manche mögen durch ihn zu ihrer eigenen Art des Durchschauens gelangt sein und daran so lange festgehalten haben wie er an seiner.

Karl Kraus im Urteil literarischer und publizistischer Kritik

Herausgegeben von: Prof. Dr. Dietmar Goltschnigg

Karl Kraus ist ein multimediales „Ereignis“ der Wiener Moderne, dessen literarische, kulturelle und politische Wirkung weit über Österreich hinausstrahlt. Bislang fehlte ein wissenschaftliches Werk, das die breite, vielfältige Resonanz des wortmächtigen Satirikers, Sprach- und Kulturkritikers von den Anfängen bis zur unmittelbaren Gegenwart monographisch und editorisch anhand öffentlichkeitswirksamer Texte verschiedenster, bekannter und weniger bekannter Autoren dokumentiert. 

Dieses Desiderat erfüllt Dietmar Goltschnigg mit seinem großangelegten Projekt, dessen erster Band die Kraus-Rezeption im Zeitraum von 1892 bis 1945 erfasst.

 

 



So kann er davon nicht ausgenommen sein, durchschaut zu werden, und muß es sich gefallen lassen, zum Gegenstand derselben Übung zu werden, die er zeit seines Lebens mit unvergleichlicher Meisterschaft betrieb. So beharre ich darauf, in jener mageren Glosse eine mörderische Absicht zu wittern, die sich auf die gesamte statistisch erfaßte Bevölkerung Wiens richtet, und belege diese Behauptung durch einige von vielen Sätzen, die er im Jahre 1911 oder früher schon niederschrieb.

„Kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘“ hat sich die „Fackel“ in ihrer ersten Nummer als Leitwort gewählt. Das könnte man noch auf die Lust am Wortspiel zurückführen und müßte ihm keine allzu große Bedeutung beimessen. Aber beim Blättern in späteren Nummern der „Fackel“ stößt man auf Sätze folgender Art: „Wenn er vor meinen Augen krepiert, höhnt er mich ob der Winzigkeit meiner Trophäen.“ Eine Seite weiter: „Was gehen mich denn die Ereignisse an? Mag der Stein, der niederfällt, wie immer geformt sein: wie die österreichische Gehirnjauche aufspritzt, ist noch das einzige Schauspiel, dem zuliebe ich diesem Staat eine Erwerbssteuer bezahle.“ Das steht in der Revue des Sommers 1907.

(ESV/Philologie)


 

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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