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Was ist das Besondere der Kunstprosa im NS-Exil?
Twitter weiterempfehlen  27.07.2017

Kunstprosa im Exil: Zum Beispiel Kurt Tucholskys Q-Tagebücher

ESV-Redaktion Philologie
Auch Briefe und Tagebücher gehören zur Gattung der Kunstprosa. (Foto: stockpics/Fotolia.com)
Was ist literarisch? Was ist Literatur? Klaus Weissenbergers Buch „Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa im NS-Exil“ nimmt auch Grundfragen der Literaturwissenschaft in den Blick. Er leistet einen Beitrag zum Verständnis von Exilliteratur und etabliert die Kunstprosa als autonome literarische Gattung.
Als Kunstprosa sind Texte wie Tagebucheinträge, Briefe, Essays und Aphorismen zu verstehen. Weissenbergers Studie enthält zahlreiche Analysen zu exilierten Schriftstellern wie Thomas Mann, Paul Celan, Else Lasker-Schüler oder Kurt Tucholsky. Lesen Sie hier einen Auszug über Kurt Tucholskys literarische Tagebücher, die Q-Tagebücher:

Der Sinn des Q: „Ich quatsche“

Tucholsky hat diese Tagebücher als politische, wirtschaftliche und kulturelle Beilagen zu seinen Briefen an „Nuuna“ – das war der Name, den er der mit ihm befreundeten Schweizer Ärztin Dr. Hedwig Müller verliehen hatte – mitgeschickt und jede dieser Beilagen der Empfängerin auf sprachspielerische Weise, ganz im Sinne des Q als „ich quatsche“, gewidmet. Dagegen spricht für Tucholskys eigene Klassifikation dieser Beilagen als Tagebücher nicht nur die deutlich ausgesprochene Absicht – „Das Politische habe ich anliegend, damit es nicht den Brief kapott macht“ (7) –, sondern auch die Spontaneität der Niederschrift, die Tucholsky zusammen mit deren „Müdigkeits- und Krankheits-Koeffizienten“ (9.11.35; 309) als ausdrückliches Argument gegen ihre Veröffentlichung angeführt hat (307). Die Gesprächspartnerin der Briefe ist in den Q-Tagebüchern in den Bereich der Selbstaussprache des Seelenjournals miteinbezogen, so dass Tucholsky sagen kann: „Ich schreibe dieses hier hauptsächlich, um sozusagen jeistig bei Dir zu kuscheln“ (24.4.35; 253).

Q-Tagebücher: Zwischen Selbstaussprache und mitteilendem Bekenntnis

Genau dieser ambivalente Adressatscharakter der Q-Tagebücher, der zwischen Selbstaussprache und mitteilendem Bekenntnis schwankt, muss als Ausdruck von Tucholskys gefährdetem dichterischem Selbstverständnis im Exil angesehen werden. Er, der in der Weimarer Republik als satirischer Aufklärer gewirkt und sowohl die gesellschaftlichen und politischen Rückstände als auch die utopischen Irrationalismen von links und rechts mit schneidender Schärfe entlarvt und angeprangert hatte, hatte bereits 1929 aus politischen und gesundheitlichen Gründen seinen ständigen Wohnsitz nach Schweden verlegt, wurde am 10. Mai ein Opfer der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen und am 23. August 1933 durch seine offizielle Ausbürgerung staatenlos; damit hatte er durch die Nazis nicht nur den Großteil seines Vermögens, sondern auch den für sein Schaffen lebensnotwendigen Publikumsbezug verloren.

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Umgekehrt weigerte er sich ab November 1932, überhaupt etwas zu veröffentlichen, und die Unbedingtheit seiner Urteilskraft ließ ihn außer seiner Freundschaft zu Walter Hasenclever jegliche Beziehung zu den Emigrantenkreisen vermeiden und sogar seine Abneigung gegenüber der jüdischen Ghetto-Mentalität noch verstärken. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Q-Tagebücher die Bedeutung von einer Absteckung und Selbstvergewisserung des eigenen Standpunkts, von ganz persönlichen geistigen Akten also, an denen die Adressatin jedoch aufgrund ihres bevorzugten Einverständnisses mit dem Autor teilnehmen konnte.

Einzelschilderung als Stilmittel

Obwohl Tucholsky in den Q-Tagebüchern zu den unterschiedlichsten tagespolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignissen oder seiner Lektüre von hauptsächlich französischen Zeitungen und Zeitschriften Stellung nimmt, lässt sich doch ein grundsätzliches Auswahl- und Darstellungsprinzip erkennen; wie in seinen Satiren und Polemiken der Weimarer Zeit dient die Einzelschilderung dazu, nicht nur die allgemeine Situation zu veranschaulichen, sondern auch ihr Ausmaß und dementsprechend die Ansatzpunkte für Gegenmaßnahmen eklatant herauszustellen, wobei eine aphoristische oder aperçuhafte Schlusspointe die genuine Zwangsläufigkeit der Ausführungen von formaler Seite her bestätigt.

So läuft Tucholskys Kritik an der Appeasement-Politik Frankreichs und Englands auf die Pointe hinaus: „Das Jahr 1935 wird Deutschland einen großen außenpolitischen Aufschwung bringen, wirtschaftlich nicht, aber in Genf gewiß. Und nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg. Und gegen Schwächlinge hat der Starke tausendmal recht“ (15.11.34; 71). Mit beißender Ironie muss Tucholsky in diesem Zusammenhang Hitlers Kriegspolitik gegenüber der Appeasement-Politik „für gut“ erklären:

„Man muss nur die Frechheit haben“

„Kurz, ich glaube an eine Kette von lokalisierten Kriegen, bei denen die umliegenden Dörfer verdienen oder zum mindesten nicht leiden, und daran gewöhnt sich der Kontinent. ›Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen …‹ Alle sehen friedlich zu, und heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’ andre an. Opernfinales gibt es nur bei Emil Ludwig, die Geschichte ist viel pointenloser. Eben darin liegt die Siegeschance Deutschlands  – es siegt ein kleines Mal nach dem andern. Gedeiht die Sache bis zum ersten Krieg, so wird das Land die vorherrschende  Macht Europas und verpestet den ganzen Erdteil. Denn d a s imponiert allen Kaufleuten. Ich halte ihre Außenpolitik für gut – à la longue für gut. Die Klugheit Hitlers besteht darin, daß er – im Gegensatz zu den doktringebundenen Gegnern – sieht, was man sich erlauben kann. Was? Wie immer: alles. Man muß nur die Frechheit haben.“ (2.12.34; 98)

Der Band

Der Band Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa im NS-Exil. Verkannte Formen literarischer Identitätsbestätigung ist im Juli im Erich Schmidt Verlag als Print und eBook erschienen. Sie können ihn bequem hier bestellen.

Der Autor

Klaus Weissenberger, PhD, geboren 1939 in Sydney, absolvierte 1965 das Staatsexamen in Deutsch und Geschichte in Hamburg und promovierte 1976 über „Formen der Elegie von Goethe bis Celan“ an der University of Southern California in Los Angeles. Von 1967–1971 war er als Assistant Professor an der University of Southern California tätig, anschließend als Associate Professor an der Rice University in Houston. 1976 wurde er zum Full Professor sowie zum Leiter des Deutschen Seminars (Chair of the German Department). Er ist Herausgeber des Sammelbandes „Prosakunst ohne Erzählen. Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa“ (1985).

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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