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Italien-Lexikon
Twitter weiterempfehlen  06.11.2015

L'Aquila: Aufbau nach schweren Erdbeben von 2009 dauert an

Renzo Brizzi
Baukräne in L’Aquila: Die Arbeiten sind auch 2015 noch nicht abgeschlossen. (Foto: Francesca Pivato)
Die Folgen des Bebens von L’Aquila in den Abruzzen 2009 waren verheerend. Verschlimmert wurden sie aber durch die Schwäche des Staates und der lokalen Verwaltungen. Sie waren korrupt und arbeiteten ineffizient. Ein Beitrag aus dem aktuellen Italien-Lexikon.
L’Aquila/Terremoto L’Aquila: Am 6.4.2009 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben der Stärke 6,3 R der Richter-Skala weite Gebiete der Abruzzen; es war noch in Rom und weiten Teilen der mittleren Adriaküste bemerkbar. Das Epizentrum lag 5 km von L’A, der Hauptstadt der Region Abruzzen, entfernt. Dem Hauptbeben ging seit Ende 2008 eine Serie kleinerer Beben im Gebiet von L’A und in anderen Abruzzen-Städten, wie Sulmona, voraus.

Am 6. April 2009 wurden das historische Stadtzentrum von L’A sowie 54 Gemeinden im Umkreis zerstört. 309 Personen fanden den Tod, etwa 2.000 wurden verletzt; am urbanistischen und architektonischen Fundus entstand ein Sachschaden in Höhe von schätzungsweise 10 Mrd. Euro. Der Einsatz des Zivilschutzes (Protezione Civile) und staatlicher Stellen erfolgte rascher als bei den Erdbeben im Belice-Tal (1968) und in der Irpinia (1980). Relativ rasch wurden die über 50.000 Obdachlosen in Zeltstädten, Hotels und Privatquartieren untergebracht.

Welle der Solidarität

Das Drama von L’A fand besondere Beachtung sowohl seitens der Medien wie der Politik. Es wurde zwar unvermeidbar aufgebauscht und instrumentalisiert, förderte aber in Italien und im Ausland eine Welle der Solidarität mit der geschädigten Bevölkerung. Auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi wurde das 35. G8-Gipfeltreffen, das auf der Insel Maddalena stattfinden sollte, vom 8.–10.7.2009 in dem noch verwüsteten und zum Notstandsgebiet erklärten L’A abgehalten, um „ein starkes Signal für den Wiederaufbau der so sehr vom Erdbeben getroffenen Gebiete zu geben“. Die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, Japan und Kanada engagierten sich für die Renovierung und den Wiederaufbau der zerstörten Monumente. Deutschland, vertreten durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, übernahm den Wiederaufbau der Kirche San Pietro e Paolo des Städtchens Onna, das im 2. Weltkrieg Schauplatz eines Nazi-Massakers war.

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Schleppender Wiederaufbau

Trotz dieser Prämissen und umfangreicher Gelder ging der Wiederaufbau nur schleppend voran und führte oft zu Protesten der Bürger. 3 Jahre nach dem Erdbeben war der Schutt im historischen Stadtzentrum von L’A größtenteils immer noch nicht geräumt. Kritik erfuhr die dem Ministerpräsidenten-Amt unterstellte Zivilschutzabteilung wegen ihrer Verwaltung der für den Wiederaufbau vorgesehenen Subventionen, so v. a. für das Projekt C.A.S.E./Complessi Antisismici Sostenibili Ecocompatibili (Bezirke mit nachhaltiger und umweltverträglicher Erdbebensicherheit), in dessen Rahmen für die Bevölkerung von L’A und anderer erdbebengeschädigter Zentren 20 neue Ansiedlungen errichtet wurden (sog. New Towns); bemängelt wurden auch die Behelfsbehausungen (Holzbaracken), die der Bevölkerung unmittelbar nach dem Beben zur Verfügung gestellt worden waren. Die Kritik betrifft die unverhältnismäßig hohen Kosten der Schlichtwohnungen und die gesellschaftliche Zersplitterung, wofür die New Towns verantwortlich gemacht werden.

Drei Jahre nach den Erdstößen lebten immer noch 20.000 Personen in Behelfsbehausungen, die Mehrheit davon in den New Towns. Die Schäden an den historischen und künstlerischen Monumenten sowie am wirtschaftlichen und sozialen Gefüge sind immer noch gewaltig. Sofort nach dem Beben entzündete sich eine scharfe Polemik bezüglich der Vorhersehbarkeit der Erdstöße vom 6.4.2009. Die für die Koordination von Zivilschutz und Wissenschaft verantwortliche Kommission für Gefahrenabschätzung (Commissione Grandi Rischi) hatte am 31.3.2009, also eine Woche vor dem großen Beben und nach 4 Monaten ununterbrochener Erdstöße in den Abruzzen, bei einer Tagung in L’A keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen, sondern beruhigende Erklärungen verbreitet.

Wurden die Vorbeben verharmlost?

Im Okt. 2012 verurteilte das Amtsgericht (Tribunale ordinario) von L’A die 7 Spitzenbeamten der Commissione Grandi Rischi wegen schuldhafter Tötung und schuldhafter Körperverletzung zu 6 Jahren Gefängnis. Sie wurden beschuldigt, die zahlreichen Vorbeben verharmlost zu haben, „was einige der Opfer veranlasste, auch nach dem ersten Erdstoß zu Hause zu bleiben“. Die gleiche Anklage wurde im Jan. 2012 auch gegen den ehemaligen Leiter der Zivilschutzabteilung, Guido Bertolaso, erhoben. Das Urteil wurde allerdings im Nov. 2014 weitgehend aufgehoben. Die Begünstigungen, die einige Firmen bei den Ausschreibungen (Appalto) zum Wiederaufbau von Gebäuden, Schulen und Einrichtungen erhielten, sind ebenfalls Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen. Justizpersonen, Journalisten, Lokalpolitiker und Vertreter der Zivilgesellschaft der Abruzzen wiesen mehrfach auf die Gefahr von Infiltrationen des organisierten Verbrechens (Criminalità organizzata) hin, das von den Geldströmen nach dem Beben angezogen wurde. (ESV/vh)

Quelle: Italien-Lexikon (Vorabdruck aus dem Italien-Lexikon)

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Literaturhinweis

Die 2. Auflage des Italien-Lexikons erscheint am 11. Dezember 2015. Sie können es jederzeit über den Buchhandel oder unsere Homepage vorbestellen.

Programmbereich: Romanistik

 
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