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Luther und die deutsche Sprache
Twitter weiterempfehlen  06.12.2016

Martin Luther: ‚Vater deutscher Sprach‘

ESV-Redaktion Philologie
Martin Luther 1528, aus der Cranachschen Werkstatt (Foto: ESV/Stiftung Luthergedänkstätten in Sachsen-Anhalt)
Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Der Beginn der Reformation wird im kommenden Jahr mit einem bundesweiten Feiertag gebührend gewürdigt. Doch Martin Luther ist nicht nur für seine 95 Thesen bekannt, sondern hat sich auch um die deutsche Sprache verdient gemacht, indem er, unter Mitarbeit weiterer Theologen, die Bibel neu übersetzte.
Luthers Übersetzungswerk besitzt Qualitäten, die frühere Werke nicht in diesem Maße hatten. So gelang es ihm, die Bibel in eine Sprachform zu bringen, die der gesprochenen Sprache näher kam, dennoch aber an Eleganz nichts einbüßte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Luthersprache“.

Werner Besch hat sich in seinem Band Luther und die deutsche Sprache mit der Bedeutung Luthers für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache auseinandergesetzt und zeigt, dass das Bibeldeutsch Luthers ein wichtiger Steuerungsfaktor für deren Ausbildung war.

Lesen Sie im Folgenden einen Auszug und stimmen Sie sich schon einmal ein auf das Lutherjahr 2017.

Die Reformation ist auch ein Wirkfaktor in und für die deutsche Sprachgeschichte

„Von der evangelischen Kirche in Deutschland und weltweit wird 2017 das Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“ gefeiert. Es erinnert an Luthers Veröffentlichung seiner 95 Thesen 1517 in Wittenberg. „Sie sind nichts als ein Thesenpapier, aber ein solches, das Weltgeschichte gemacht hat.“[...] Insofern steht dieses Datum für den Beginn der Reformation.

Die Reformation ist auch ein Wirkfaktor in und für die deutsche Sprachgeschichte. Das bezieht sich vor allem auf die verdeutschte Bibel und deren erstaunliche ‚nationale Aneignung‘ im Laufe der Zeit. Schon zu Luthers Zeit werden seine Verdienste um die deutsche Sprache hervorgehoben. Justus Jonas formuliert es in seiner Eislebener Rede (19. Februar 1546) am Sarge Luthers vor der Überführung nach Wittenberg so: „[...] er hat die Deutsche sprach wider recht hervür gebracht, das man nu wider kan recht deudsch reden und schreiben [...].“[...]  

In den Jahrzehnten nach Luthers Tod wird er dann ‚Vater deutscher Sprach‘ genannt, in späterer Zeit sogar ‚Schöpfer‘ der neuzeitlichen deutschen Schriftsprache. Das ‚Schöpfer‘-Prädikat geht weit über alle Möglichkeiten eines einzelnen Menschen hinaus und ist Ausdruck protestantischer Hypostasierung. Konfessionelle Minderungen der Sprach- und Übersetzungsleistung Luthers gehen entsprechend von der katholischen Seite aus. Über beide Extreme der Luthereinschätzung in der konfessionellen Auseinandersetzung ist – im Lichte der neueren Forschung – noch einmal zu sprechen. [...]“

Die Rezeption der Bibelsprache wurde richtungsweisend für die neue Schriftsprache

„1522 erscheint zusammenhängend das NT (als September- und Dezembertestament) unter abschließender Mithilfe des Gräzisten Melanchthon. Die Luther-Übersetzung entstand innerhalb von drei Monaten während des Wartburg-Aufenthalts 1521/22. Die Übersetzung des AT zieht sich über die Jahre 1523-1534 hin, erarbeitet zusammen mit einem kleinen Helferkreis in regelmäßigen Arbeitssitzungen mit Beteiligung u. a. des Hebraisten Matthäus Aurogallus. 1534 erschien die erste Vollbibel Luthers, 1541 Auffs New zugerichtet; 1545 als letzte Wittenberger Bibelausgabe zu Luthers Lebzeiten.

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Die Übersetzungen sind aus den Grundsprachen (Hebräisch, Griechisch) erarbeitet; für das NT kam der griechische Urtext nach Erasmus und auch dessen lateinische Übersetzung hinzu, für das AT und das NT hilfsweise auch der Vulgata-Text. Der Bibeldruck in Wittenberg gewann bis zu der Ausgabe von 1545 an Systematik und Konstanz in der Sprachgestalt. Diese Ausgabe wurde für spätere Nachdrucke bis zu Beginn des 18. Jhs zur Kontrolle beigezogen. Änderungen wurden am ehesten im graphematischen Bereich vorgenommen. Sie unterblieben weitgehend bezüglich Syntax und Wortschatz. Hier sind Eingriffe erst bei den kirchenamtlichen Revisionen von 1892, 1912 und 1984 erfolgt.

Die Deutsche Bibel ist millionenfach gedruckt, gelesen, in den Schulen benutzt worden und hat erstmals in der deutschen Sprachgeschichte auch die breiten Volksschichten erreicht. Die Rezeption der Bibelsprache erfolgte zeitlich gestaffelt in den Sprachregionen. Sie wurde richtungsweisend für die neue Schriftsprache. [...]“

Übersetzungsprinzip: sensum de sensu, ‚Sinn-für-Sinn‘

„Luthers Übersetzungsprinzip bezüglich der Bibel erweist sich als Wirkungsfaktor ersten Ranges für die rasche und breite Akzeptanz seines deutschen Textes. Der evangelische Theologe Gerhard Ebeling spricht von Luther als einem „Sprachereignis“. „Denn worum sonst war es ihm überhaupt zu tun, als um das rechte Zur-Sprache-Bringen des Wortes.“ 

Zur Sprache bringen in der Zielsprache Deutsch, d. h. die Grundsprachen der Bibel mit aller Sorgfalt aber auch Entschiedenheit zu überführen in die Eigenstruktur deutscher Sprache. Luther steht mit dieser konsequent zielsprachlichen Ausrichtung des Übersetzens an erster Stelle in der frühen Neuzeit. Sein Übersetzungsprinzip ist das ‚Sinnprinzip‘, sensum de sensu, ‚Sinn-für-Sinn‘, nicht ‚Wort-für-Wort‘, verbum e verbo. Der Unterschied der beiden Prinzipien ist tief verwurzelt in einer unterschiedlichen Geisteshaltung.“

Jede Übersetzung birgt die Gefahr der Interpretation

„Das Mittelalter bis in den Anfang der Neuzeit hinein fühlt sich nicht autorisiert, das Wort Gottes zu übersetzen, schon gar nicht in (ungenormte) Volkssprachen, denn jede Übersetzung birgt die Gefahr der Interpretation und damit auch der möglichen Verfälschung der Heiligen Schrift. Es ergaben sich Verbote, und noch das Konzil von Trient im Jahre 1546 erklärte die lateinische Vulgata des Hieronymus (um 347-419/420) als für die Kirche allein authentischen Text, wiewohl auch schon die Vulgata ein Übersetzungstext ist.  So hilft man sich in altdeutscher Zeit bei Bibeltexten mit interlinear klein übergeschriebenen Wort-für-Wort, oder Form-für-Form Übersetzungen. Es gibt ansatzweise auch Teilübersetzungen, Armenbibeln/ Bilderbibeln und anderes mehr, aber die jeweilige Vertextung hat keinen Eigenanspruch, sie vermittelt nur Hilfe zur Annäherung an den lateinischen Bibeltext. Das ist nicht Unvermögen, sondern Dienstbarkeit, bezogen auf den authentischen Text. Das gilt in gewisser Weise auch noch für die zwischen 1466 und 1522 gedruckten 14 hochdeutschen und vier niederdeutschen Bibeln vor Luther. [...]“


Zum Autor
Prof. Dr. Werner Besch hatte von 1970 bis 1993 den Lehrstuhl für deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur an der Universität Bonn inne. Er ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie und der Heidelberger Akademie. Von 2004 bis 2010 war er Vertreter der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften im „Rat für deutsche Rechtschreibung“.

Zum Buch
Werner Beschs Buch, das auch als eBook erhältlich ist, Luther und die deutsche Sprache. 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung, ist im Erich Schmidt Verlag erschienen. Sie können den Band bequem hier bestellen.

(ESV/vh)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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