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Nachgefragt bei: Dr. Júlio Matias
Twitter weiterempfehlen  19.06.2017

Matias: „Die wichtigsten Faktoren beim wissenschaftlichen Schreiben sind Übung, Praxis und Geduld“

ESV-Redaktion Philologie
Erfahren im wissenschaftlichem Schreiben: Dr. Júlio Matias (Foto: Privat)
Wissenschaftliches Schreiben will geübt sein, erst recht, wenn es in einer Fremdsprache geschieht. Doch was unterscheidet das Schreiben in der Erstsprache vom Schreiben in der Fremdsprache? Darüber sprach die ESV-Redaktion mit Dr. Júlio Matias, der eine aufschlussreiche Studie zu diesem Thema verfasst hat.
Lieber Herr Matias, Sie haben sich in Ihrer Untersuchung mit den Schreibprozessen von akademischen Texten auseinandergesetzt. Dabei ging es in empirischen Studien um den Unterschied zwischen dem Schreiben einerseits in der Fremdsprache Deutsch, also L2, Zweitsprache. Andererseits ging es um das Schreiben in der Erstsprache, in diesem Fall Portugiesisch - L1, Erstsprache.
Welche kognitiven Prozesse sind entscheidend für die schriftliche Produktion eines wissenschaftlichen Textes?

Júlio Matias: Im Grunde genommen sind alle kognitiven Prozesse wichtig. Die Makroprozesse sind Planen, Formulieren und Revidieren. Für die schriftliche Produktion ist das Formulieren der einzige unerlässliche Prozess. Er umfasst weitere Subprozesse, wie die Löschung und Ersetzung von Wörtern, Teilsätzen und Sätzen, Paraphrasieren, Lösung von lexikalischen Schwierigkeiten usw. Das Entscheidende ist die effektive Orchestrierung dieser Prozesse und Subprozesse, damit die Schreibenden effektiv zu einem erfolgreichen Ergebnis kommen.

„Onlinewörterbücher müssen reflektiert benutzt werden”

Besonders in der Fremdsprache ist die Metareflexion sehr wichtig, vor allem in Bezug auf die Anwendung von Onlineressourcen. Heutzutage verfügen wir über unzählige Apps und Onlinewörterbücher, die nur effektiv Anwendung finden, wenn sie kritisch und reflektiert benutzt werden. Vor allem Übersetzungen, die gar keine oder nur wenige Gebrauchszusammenhänge präsentieren, können irreführend sein.

Ist eine hohe Textkompetenz in der Erstsprache der wichtigste Faktor für entsprechende Fähigkeiten in der L2? Und wenn selbst ein fortgeschrittenes L2-Sprachniveau nicht garantiert, dass wissenschaftliche Texte qualitativ ansprechend verfasst werden können, was dann?

Júlio Matias:
Der wichtigste Faktor ist es nicht, weil der Aufbau der Textstruktur und der Argumentation sowie die sprachlichen Mittel zum Ausdruck von Metaphern und Textroutinen zwischen Kulturen unterschiedlich sind. Die wichtigsten Faktoren sind Übung, Praxis und Geduld: wissenschaftliche Texte in der Fremdsprache lesen, schreiben und revidieren lassen.

Schreibstrategien der L1 werden auf die schriftliche Produktion in der L2 übertragen. Man bringt zur fremdsprachlichen Sprachsituation gewisse Fähigkeiten mit, die man in der Erstsprache bereits erworben und geübt hat, z. B. stringent zu argumentieren, einen kohärenten strukturierten Text zu verfassen, Gedanken auf den Punkt zu bringen, den Text diskursiv-pragmatisch angemessen zu gestalten.Die Schreibkompetenz in der L2 baut sich auf der Schreibkompetenz in der L1 auf.

Was Lernende mit mangelnden Sprachkenntnissen, aber mit erstsprachlicher Textkompetenz, häufig quält, ist, dass sie ihre Gedanken in der L2 nicht so komplex formulieren können, wie sie sich das wünschen. Trotzdem versuchen sie auf der Grundlage ihrer L1-Textkompetenz, die diskursiv-pragmatischen Anforderungen des fremdsprachlichen Textes zu erfüllen. Unter Schreibenden mit fortgeschrittenem Sprachniveau ist es auffällig, dass sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen. Sie versuchen übermäßig komplexe Sätze zu produzieren, die häufig misslingen. In dieser Hinsicht wäre es noch interessant zu untersuchen, wie Erstsprachler(innen) die produzierten Texte revidieren würden.

Beim Verbalisierungs- und Schreibprozess scheinen große individuelle Unterschiede vorzuherrschen. Dies erschwert die Datenerhebung natürlich. Ist es auf dieser Grundlage überhaupt möglich, allgemeine Aussagen zu treffen?

Júlio Matias: Als qualitative Studie weist meine Arbeit auf Tendenzen hin, die die Praxis orientieren können. Die Beobachtung des Schreibprozesses ermöglicht Lehrenden, Fehler und Probleme im Text durch Einsicht in die Denkprozesse der Lernenden nachzuvollziehen. Häufig kennen die Lernenden zwar die Regeln, aber sie setzen diese Regeln nicht bewusst ein, benutzen Onlineressourcen irreführend oder versuchen übermäßig komplex in der Fremdsprache zu schreiben. Diese Aussagen können als allgemein gelten, wenn sie sich z. B. im Kontext eines Schreibunterrichts beobachten lassen. Auf der Grundlage dieser Beobachtungen können Lehrende gezielt auf Probleme und Schwierigkeiten der Lernenden eingehen. 

Sie schreiben, dass einfache Textsorten zwar formelhafter und flüssiger produziert würden, dafür aber fehleranfälliger seien. Wie kommt dieses Verhältnis zustande?

Júlio Matias: In wissenschaftlichen Textsorten gehen die Schreibenden analytischer vor. Konsequent achten sie mehr auf Morphologie und Syntax. Die sprachliche Richtigkeit des wissenschaftlichen Textes ist sehr wichtig. Rechtschreib- und Grammatikfehler werden grundsätzlich nicht toleriert und beeinträchtigen die Qualität der Arbeit. Die mündliche Kommunikation ist demgegenüber toleranter in Hinblick auf Fehler und Normabweichungen.

In sozialen Medien verwenden wir eine Schriftsprache, die sehr nah an der Mündlichkeit steht. Deswegen sind wir toleranter bei Fehlern und Normabweichungen. In informellen, beratenden Texten benutzt man Floskeln der mündlichen Kommunikation, ohne über die dahinterstehenden grammatischen Regeln nachzudenken. Selbst wenn der Text wieder gelesen wird, können Probleme übersehen werden. Zwar beherrscht man z. B. die Deklinationsregeln des Deutschen, aber sie werden beim Schreiben nicht automatisch eingesetzt.

„Philosophieren sei nur auf Deutsch möglich, so der brasilianische Sänger Caetano Veloso”

Sie kommen in Ihrem Buch zu der Schlussfolgerung, das Formulieren in deutscher Sprache erfordere eine spürbare Steigerung beim Einsatz kognitiver Fähigkeiten seitens der Brasilianer(innen). Ist das Leben also doch zu kurz, um Deutsch zu lernen?

Júlio Matias: Definitiv! Und wenn es um das Schreiben geht, dann ist das Leben noch kürzer! Aber ein Leben reicht sicherlich aus, um sehr viel Deutsch zu lernen. Diese Studie und meine persönliche Erfahrung als Lehrer für Deutsch und Portugiesisch als Fremdsprache zeigen, dass Brasilianer, die im Unterrichtskontext Deutsch lernen, sich weniger in der Sprache trauen, als Deutsche, die Portugiesisch im Unterrichtskontext lernen. Selbst wenn die Deutschen die Artikel im Portugiesischen falsch benutzen, große Schwierigkeiten mit dem Konjunktiv haben und Einflüsse des spanischen nicht meiden können, verlassen sie sich auf ihre Kenntnisse und benutzen die Sprache so gut (oder schlecht) wie sie das können.

Die Brasilianer(innen) hingegen – so wie Lernende anderer Nationalitäten und Kulturen – und selbst Deutsche finden es sehr schwer, Deutsch perfekt zu lernen – und zwar vor allem wegen der bestimmten Artikel oder der Kasusmarkierungen. Tatsächlich weisen die Studienergebnisse darauf hin, dass es für Deutsche leichter ist, auf Portugiesisch zu schreiben, als für die Brasilianer auf Deutsch. Jedenfalls stolpert man bei jeder Fremdsprache über Steine, aber man stößt auch auf viele Edelsteine! Die Fremdsprache so gut wie möglich und nötig zu können, ist in vielerlei Hinsicht vorteilhaft. Eine bekannte Zeile aus einem Lied von Caetano Veloso, einem berühmten brasilianischen Sänger, besagt, dass Philosophieren nur auf Deutsch möglich sei. Und das schafft man bestimmt auch – oder vielleicht sogar wegen – einiger Deklinationsfehler. Die Hauptsache ist ein gutes Lektorat zum Schluss!

Zum Buch
Das Buch Schreibprozesse im Kontrast. Eine Fallstudie zur L1- und L2-Textproduktion brasilianischer und deutscher Studierender erscheint im Juli im Erich Schmidt Verlag in Print und als eBook. Sie können es bequem hier bestellen.

Der Autor
Júlio C.M. Matias promovierte an der Universität Leipzig im Fach Deutsch als Fremdsprache. Er ist Lektor und Koordinator der Sprachpraxis (Portugiesisch) am Institut für Romanistik der Universität Hamburg. Zuvor war er als Lektor für Portugiesisch im Auftrag des brasilianischen Außenministeriums an der Universität zu Köln tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die vergleichende Schreibforschung, Wissenschaftssprache und Fremdsprachendidaktik.

(ESV/Ln)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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