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Nachgefragt bei: Dr. Moritz Meister
Twitter weiterempfehlen  04.07.2017

Meister: „Ich bin zuversichtlich, dass die Dekarbonisierung bis 2050 gelingt”

ESV-Redaktion Recht
Meister: „Systemdienstleistungen sichern den Handel mit Energy-Only-Produkten” (Foto: privat)
Die Energiewende ist mit zahlreichen rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen Veränderungen verbunden. Ob und bis wann die Wende gelingen kann und welche Rolle dabei die sogenannten Systemdienstleistungen spielen, erläutert Dr. Moritz Meister im Interview mit der ESV-Redaktion.


Herr Dr. Meister, die EU will bis 2050 eine weitgehende Dekarbonisierung des Elektrizitäts- und des Verkehrssektors, das heißt einen Verzicht auf Kohlestrom erreichen. Nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) sollen 80 Prozent des Strombedarfs durch nachhaltige Energieerzeugung gedeckt werden. Ist das technisch und wirtschaftlich realistisch?


Moritz Meister: Ja, eine Dekarbonisierung des Elektrizitäts- und Verkehrssektors ist technisch sogar bereits deutlich vor dem Jahr 2050 umsetzbar. Die erforderlichen Technologien sind im Grunde schon heute verfügbar. 

Sie sprechen von innovationsfördernder Regulierung. Berücksichtigt Ihre Einschätzung auch den Verkehrssektor einschließlich aller Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren? 

Moritz Meister: Ja! E-Fahrzeuge haben viele Vorteile über ihre Klimafreundlichkeit hinaus. Sie sind auch Teil einer Lösung der Feinstaubproblematik in Großstädten. Darüber hinaus bieten sie Fahrfreude durch gute Beschleunigungswerte und Rekuperation im Stadtverkehr. Die schon für nächstes Jahr in China geplante Quote für Elektroautos setzt die deutsche Autoindustrie dabei unter noch stärkeren Zugzwang als die jüngst in Betrieb genommene Gigafactory des amerikanischen Herstellers Tesla.

In den politischen Diskussionen trifft man zunehmend auf Forderungen, schon ab 2030 nur Neufahrzeuge mit Elektromotor zuzulassen. Dadurch würde der Strombedarf immens steigen. Würde dies den bisherigen Zeitplan für Dekarbonisierung bis 2050 gefährden?

Moritz Meister:  Selbstverständlich ist eine sektorenübergreifende Dekarbonisierung eine immense Herausforderung. In Anbetracht der Fortschritte und Lernerfahrungen, die mit innovationsfördernder Regulierung gemacht wurden, bin ich aber optimistisch, dass die Dekarbonisierung gerade auch durch die Nutzung internationaler Synergien gelingen wird. 

Das heißt konkret? Ihre Vision für 2050: Ist die Energiewende einschließlich des Verzichts auf Kohlestrom bis dahin komplett vollzogen? Fahren wir bis dahin alle nur noch E-Autos?

Moritz Meister: Wie gesagt, ich bin optimistisch. Ob eine restlose Elektrifizierung des Verkehrssektors im Sinne eines Einsatzes von Batterietechnologie erfolgen muss, kann ich aber nicht endgültig beantworten. In jedem Fall werden die Kosten für das Aufrechterhalten der veralteten Infrastruktur pro Verbrennungsmotor sehr hoch werden. Wenn jedoch ein Liebhaber seinen Oldtimer, trotz der hohen Kosten, weiterfahren möchte, so kann ihm dies nach meiner Meinung auch ihm Jahr 2050 noch erlaubt bleiben. 

Zur Person
Dr. Moritz Meister ist Jurist und Autor von Band 1 der Berliner Schriften zum Energierecht

Ein wichtiges Thema ist auch die Versorgungssicherheit: Für diese sind zum Großteil die Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber verantwortlich. Welche Rolle spielen dabei die Systemdienstleistungen?

Moritz Meister:
Die Systemdienstleistungen stellen als essentialia technica einer wettbewerblichen Energiewirtschaft sicher, dass ein Handel mit Energy-Only-Produkten überhaupt möglich ist.

Anlagenbetreiber tragen gegenwärtig zunehmend unentgeltlich zur Erbringung von Systemdienstleistungen bei, so Ihre These. Ist es nicht Sache des Marktes, zu steuern, wer gegenüber wem welche Leistungen zu welchen Konditionen erbringt?


Moritz Meister: Wenn die Betreiber von Erzeugungsanlagen und -speichern dazu gezwungen werden, ohne ein Entgelt zur Erbringung von Systemdienstleistungen beizutragen, so ist dies aus zwei Gründen problematisch. Zunächst ist die Liberalisierung der Energiewirtschaft durchgeführt worden, um trotz der bestehenden natürlichen Monopole der Netzbetreiber, wettbewerbliche Strukturen in die Energiewirtschaft einzuführen. Dieses in § 1 Absatz 2 EnWG reflektierte Ziel droht aus dem Blick zu geraten. Darüber hinaus verhindert der Einsatz von unentgeltlichen Instrumenten, dass eine effiziente Zuweisung von Gütern und Ressourcen. Eine Auswahl des tatsächlich günstigsten Kraftwerks ist dann nicht möglich. 

Da die aktuelle Regelungsstruktur jedoch sehr klare Vorgaben bezüglich der Bepreisung und Vergütung der energiewirtschaftlichen Akteure macht, ist ein bloßer Verweis auf „den Markt” nicht ausreichend. Vielmehr ist es an Gesetz- und Verordnungsgeber im Rahmen ihrer Regulatory Choice marktorientierte Instrumente zu wählen und so ein Umfeld zur adäquaten Bepreisung der erbrachten Dienstleistungen zu schaffen.

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Welche weiteren Herausforderungen kommen auf die Systemdienstleistungen zu?


Moritz Meister: Die künftigen Herausforderungen im Sachbereich der Systemdienstleistungen bestehen in der Kombination aus veränderten technischen Bedarfen einerseits und der Berücksichtigung ihrer ökonomischen Auswirkungen auf das Gesamtsystem andererseits. Dazu gehört - erstens - die Einführung einer besonders schnellen Wirkleistungsreserve (Momentanreserve), die geeignet ist die frequenzstabilisierende Trägheit der Schwungmassen konventioneller Großkraftwerke zu ersetzen. Zweitens: Ebenso bedarf es aufgrund der neuen europäischen Network Codes einer grundlegenden Überarbeitung der bestehenden Regelleistungsmärkte. Drittens: Eine weitere Herausforderung besteht in der Neuordnung der Blindleistungsbeschaffung. Dabei ist nicht nur zu klären welche Beiträge durch Netz- und welche durch Erzeugungsanlagen zu erbringen und wie diese zu bepreisen sind. Vielmehr muss darüber hinaus überlegt werden, wie eine Weiterleitung der Blindleistungsbeitrage aus den Verteilnetzen auf die Übertragungsnetzebene technisch und ökonomisch abgewickelt werden kann.
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Hier können Sie weiterlesen:

Zur Versorgungssicherheit, zum generellen Rechtsrahmen der Energiewende und zur Frage, ob die Energiewende mit effizienten Systemdienstleistungen eine grundlegende Änderungen des Rechtsrahmens erforderlich macht, äußert sich Dr. Moritz Meister ausführlich auf ER-Digital.

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Mit der Energiewend verbindet sich juristische, wirtschaftliche und technische Komplexität mit beispielloser Dynamik. Die neuen Berliner Schriften zum Energierecht bieten professionellen Rechtsanwendern jetzt ein konzentriertes Wissensforum. Den Auftakt macht Moritz Meister mit Band 1, SDL und Erneuerbare Energien, der die Systemdienstleistungen (SDL) im Kontext Erneuerbarer Energien juristisch beleuchtet. 

(ESV/bp)

Programmbereich: Energierecht

 
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