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Reiseliteratur
Twitter weiterempfehlen  17.02.2017

Michael Roes: Breakdance in China

ESV-Redaktion Philologie
Auch in China: Breakdance (Foto:konradbak/ Fotolia.com)
Der Berliner Autor Michael Roes verbrachte drei Monate in Nanjing, China, und traf dabei unter anderem auf junge Breakdancer und chinesische Karaoke. Dies beschrieb er und schuf damit ein Stück Reiseliteratur der Moderne.
„Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ war eine dreijährige Veranstaltungsreihe unter gemeinsamer Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler und des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao. Bis 2010 präsentierte sich Deutschland in ausgewählten chinesischen Großstädten unter dem Generalthema „Städte in Bewegung“ als modernes, kreatives und zukunftsorientiertes Land.

Ziel war es, der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit auf breiter Basis zusätzliche Impulse zu geben. Die kulturellen Projekte in Nanjing umfassten unter anderem ein Gastspiel des Stuttgarter Staatsballetts mit Romeo und Julia, eine Ausstellung mit Bildern von Markus Lüpertz und der Neuen Leipziger Schule und einen Schriftstelleraustausch mit dem chinesischen Autor Su Tong, der drei Monate in Leipzig verbringen sollte, und dem Berliner Autor Michael Roes, der ebenso lange in Nanjing leben durfte. Beide Autoren sollten ihre Aufenthalte in einem Blog dokumentieren und mit ihren Beiträgen möglichst der beiderseitigen Völkerverständigung dienen.

Der Blog von Michael Roes ist, vor allem seiner ironischen Distanz wegen, auf Seiten der Veranstalter auf wenig Gegenliebe gestoßen und nach kontroverser Diskussion auf der offiziellen Website von „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ eingestellt worden. In unserem Buch „Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne“ erscheint ein Auszug aus Michael Roes China-Blog. Lesen Sie hier die ersten Seiten:

Chang Qing

Nun hat sie mich endlich erwischt, die fiebrige Erkältung, bis tief in alle Nebenhöhlen hinein. Kein Wunder bei Außentemperaturen von vierzig Grad Celsius und hundert Prozent Luftfeuchtigkeit und auf Gefrierschranktemperaturen herabklimatisierten Innenräumen mit ständigem Gebläsezug. Der steife Nacken war nur ein eher wortkarger Vorbote. Nun erst beginnt das intensive Erleiden dieses Ortes, die Entwicklung einer tieferen Passion für diese Stadt, über den Zusammenbruch der körperlichen Abwehr, den schmerzhaften Umbau der Konstitution, bis die physische Präsenz ihren Herzschlag und ihre Atmung dem Rhythmus der Stadt angepaßt hat. Und kaum zufällig folgt dieser Aufgabe letzter Widerstände die Begegnung mit Chang Qing, einem jungen Breakdancer, der mit seiner Gang jede Nacht vor dem Eingang des Kaufhauses Irdische Harmonie herumlungert und unter seinen Kameraden die merkwürdigste Mischung aus Schüchternheit und Selbstdarstellungsdrang ausstrahlt.

Er ist zwanzig Jahre alt, arbeitslos, lebt noch bei den Eltern, verschläft den größten Teil des Tages und sucht sich hin und wieder einen Job, wenn er dringend mal Geld braucht. Jeden Abend trifft er sich mit seinen Freunden hier, um Musik zu hören, zu trainieren, sich fortzuträumen.

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Im nächsten Monat wollen sie an einem nationalen Breakdance-Wettbewerb in Peking teilnehmen. Aber sie haben noch immer nicht mit der Ausarbeitung einer präsentablen Choreographie begonnen. Bisher simulieren sie diese Ghetto-Attitüde aus den Siebzigern eines anderen Kontinents eher, als sie wirklich zu verkörpern. Alle tragen Ohrringe und haben sich Tätowierungen auf Brust und Oberarme stechen lassen. Sie tragen ihre Haare länger als ihre Altersgenossen, haben Baseballkappen oder Wollmützen über die langen, strähnigen Fransen gestülpt und gleichen eher alten, von Sozialhilfe abhängigen Indianern in den Reservaten nördlich von New York als jungen chinesischen Rebellen. Nur ihre Kleidung ist haargenau den afro-amerikanischen Hiphop-Kids abgeschaut.

Die zwei, drei Groupies, die stumm und eine Zigarette nach der anderen rauchend dabeisitzen und die Sporttaschen und Wasserflaschen bewachen, tragen so gut wie gar nichts auf ihrer leichenblassen Haut. Auf die Frage, ob eine davon seine Freundin sei, antwortet Chang Qing verlegen, es seien seine Schwestern. Doch all dieser Zitate zum Trotz besitzt Chang Qing etwas, was ich bei den unzähligen Menschen, die meine Beobachtungsposten inzwischen passierten, bisher vermißt habe und das ich in Ermangelung besserer Worte eine ausgesprochen melancholische und zugleich erotische Aura nennen möchte, die mehr noch auf seiner ihm eigentümlichen Schüchternheit als auf seiner performativen Kraft beruht.

Jedesmal, wenn er meinen Blick auf sich gerichtet spürt, bricht er seinen Tanz ab, zündet sich verlegen eine Zigarette an oder wechselt die Kassette im eindrucksvollen Ghettoblaster. Trotzdem oder gerade deshalb frage ich ihn, ob ich ihm nicht ein Stück weit in seinen Alltag folgen dürfe, scheint er mir doch mehr als seine Kameraden der Repräsentant eines anderen, verzweifelteren Chinas zu sein.

Chang Qing II

Am nächsten Abend bleibe ich so lange, bis das Kaufhaus Irdische Harmonie seine Lichter löscht. Die anderen fahren nach Hause, solange noch öffentliche Verkehrsmittel sie in ihre Vororte zurückbringen. Doch Chang Qing ist noch nicht müde. Er führt mich, ich weiß nicht, ob aus Bosheit oder aus Gefälligkeit, zu einer versteckt in einem Hinterhof gelegenen Karaoke-Bar in der Shengzou-Straße, die ich allein, zwischen Wäscheleinen, rostenden Fahrrädern und den Küchenabfällen eines Restaurants, nie gefunden hätte. Sie heißt B&B (Bed and Breakfast?) und wird überwiegend von jungen Schwulen und Transvestiten besucht.

Chang Qing spricht nur mangelhaft englisch. Überhaupt ist das Sprechen seine Sache nicht. Vielleicht mag ich deshalb seine Gesellschaft so sehr, hin und wieder ein fragender Blick, ob alles in Ordnung sei, und als Antwort nur ein stummes bestätigendes Nicken.

Karaoke-Bars kenne ich bisher ausschließlich aus Illustrierten und Filmen. Nicht im Traum wäre mir je eingefallen, alleine oder aus reiner Neugier einen derart obskuren Ort aufzusuchen. Nun aber bin ich vollkommen überrascht, ja angerührt von der unglaublichen Inbrunst, mit der sich die unscheinbaren jungen Männer für drei Minuten in ein anderes Wesen verwandeln und ihren Welt- und Liebesschmerz ohne jede ironische Distanz in die montagsleere Bar hineinschluchzen, auch wenn die Worte und Gesten nur geliehene sind. Woher stammt diese fernöstliche Fähigkeit, sich mit einer derartigen Leichtigkeit und Vollkommenheit dem Anderen, dem Fremden anzuverwandeln? So etwas wie Karaoke hätte im originalitätsbesessenen Westen nicht erfunden werden können.

Sie benutzen die fremden Verse, die fremden Melodien, ja die fremden Identitäten, um unter dieser Maske der Fremdheit etwas vollkommen Authentisches auszudrücken. Breakdance, Modezitate, Karaoke, Raubkopien, die rasante Übernahme westlicher Lebens- und Arbeitsweisen – gehören alle diese Tugenden und Untugenden zum selben Komplex einer dem Westen fremden Assimilationsgabe?

Ich würde gerne mit meinem Montagsgefährten darüber sprechen. Mit gutmütiger Skepsis schaut er den Darbietungen zu. Nein, singende Stewardessen sind sein Fall nicht.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Den gesamten Auszug aus Michael Roes Blog „Breakdance in China“ können Sie in dem Band Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne lesen.

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Der Band Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne ist Ende Januar im Erich Schmidt Verlag erschienen. Sie können ihn hier bequem bestellen.

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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