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Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung
Twitter weiterempfehlen  09.02.2017

Modifizieren: Wenn das Gesagte nicht das Gemeinte ausdrückt

ESV-Redaktion Philologie
Texte werden ständig modifiziert (Foto: Roman Motizov/Fotolia.com)
Jeder, der professionell mit dem Schreiben zu tun hat oder auch im Alltag mit der Situation konfrontiert ist, vor anderen sprechen zu müssen, kennt es: Man schreibt oder äußert etwas und noch währenddessen bemerkt man, dass man nicht genau getroffen hat, was man ausdrücken wollte. Das ist der Zeitpunkt, den Text zu modifizieren.
Man fängt daher an, den Text oder die Rede nachträglich zu verändern, sie zu modifizieren. Das neu erschienene Buch von Peter Klotz: „Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung“ widmet sich diesem Phänomen.


„Was ich eigentlich damit sagen will”

Jemand äußert sich, aber schon beim Aussprechen oder beim Schreiben oder auch später stellt sich das Gespür ein, dass das Gesagte nicht wirklich das Gemeinte ausdrückt. Es werden dann mehr oder weniger bewusst und mehr oder weniger explizit Veränderungen vorgenommen, um das Gemeinte doch noch auszudrücken. Im Alltag sind es Formulierungen und Ausdrücke wie Was ich eigentlich damit sagen will …; freilich …; zwar … aber; genau besehen …; das stimmt keineswegs so, … und viele andere Ausdrucksweisen mehr, die ganz explizit auf die Absicht zu modifizieren hinweisen; oft erschließt sich eine solche Absicht erst bei genauerem Hinsehen, insbesondere bei längeren Texten.

Freilich wird nicht nur die Sprache, die „Ausdrucksweise“, verändert, wenn wir modifizieren, sondern vor allem der Inhalt, aber der hinwiederum nicht ganz: er wird verschoben, eingeengt, erweitert, eventuell sogar ganz oder partiell verneint: der Text wird neu und anders gestaltet. Denn schließlich ist es die Gestalt des Textes, die das Gemeinte zu tragen hat. Es sind Bewusstheit und Wissen, die das eigentlich Gemeinte in der Gestaltung suchen, beim Sprechen und Schreiben, beim Hören und Lesen. So geht es oft im Alltag.

Überdies geraten wir im Alltag an Themen, an Debatten und Diskurse, bei denen wir spüren oder gar wissen und denken, so stimmt es nicht oder so stimmt es nicht mehr, das muss anders formuliert werden, aber nicht nur dies, der Fokus muss verändert werden und mit ihm eventuell die Inhalte und die aufzurufenden Kontexte – mal nur ein wenig, mal sehr deutlich und stark.

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Eine modifizierende Gestaltung will das Bisherige nicht ganz einreißen, im Gegenteil, die Kerne bleiben auf die eine oder andere Weise bestehen; vielmehr wird das jetzt Stimmige, Angemessene, „Richtigere“ gesucht. Wir setzen sprachliche Mittel ein, um dieses Modifizieren pragmatisch und inhaltlich anzusteuern und um den Kommunikationspartner nach Möglichkeit dorthin mitzunehmen, denn natürlich geht es uns um die Wirkung unserer Gestaltung: unsere Sicht soll wahrgenommen und eventuell übernommen werden.

Um dieses Neu- und Anders-Sagen geht es hier, um das Modifizieren von Gesagtem und Geschriebenem, von unzulänglichen Formulierungen, von sogenannten „allgemeinen Meinungen“, vom Common Sense gelegentlich, von sachlichen Positionen und soziokulturellen Diskursen. Diese Sprachhandlungen des Neu- und/oder Anders-Sagens sind keine eigene Textsorte, es gibt allenfalls Affinitäten zu Textsorten, bei denen das Modifizieren besonders nahe liegt.

Es ist eine Haltung, eine Einstellung, die nicht in jeder Kommunikation zum Tragen kommt. Sie braucht einen Anlass, und sie soll einen Zweck erfüllen. Anlass und Zweck können sachlich und/oder soziokommunikativ begründet sein. Was dann pragmatisch und sprachlich geschieht, ist eine Binnenarbeit am Text, sei es beim Sagen oder Schreiben, sei es beim Zuhören oder beim Lesen. Es ist ein mentaler Gestus, der sich als sprachliches Handeln mit sowohl geistiger als auch kommunikativer Bewusstheit verbindet.

Es ist ein Gestus, der gleichermaßen aus absichtsvollem Sagen und absichtsvollem Verstehen besteht. Denn auch das Verstehen kann zu einem nicht spontanen, sondern zu einem intentionalen Akt werden, zumal wenn uns nur Teile oder nur einige Aspekte eines Textes interessieren oder „etwas angehen”, wie man sagt. Dann „hört”, dann „liest man etwas heraus”, ganz so wie es dieser Phraseologismus ausdrückt. Grundsätzlich bleibt offen, ob der modifizierende Gestus inhaltlich zum Guten oder Schlechten, für Kooperation oder für Destruktion, als Engagement oder als Distanz, als Takt oder als Verletzung eingesetzt wird. Absichten und Bewusstheit sind die Kennzeichen dieses pragmatischen Gestus, Sprach- und Kommunikationskompetenz sind seine Voraussetzungen ebenso wie Sachwissen und soziale Kompetenz.

Modifizieren – zwischen Festschreibung und tastendem Suchen

Modifizieren ist seinem Wesen nach eine Arbeit am Text, die sich im kommunikativen Dreieck von Sprechenden/Schreibenden, Adressaten und Sache/Prozess mit unterschiedlicher Orientierung entfaltet. Sie spannt sich auf zwischen intentionaler Genauigkeit und Vagheit, zwischen Festschreibung und tastendem Suchen, zwischen Geschlossenheit und Offenheit.

Modifizieren setzt bei Wortwahl und Register ein, erstreckt sich auf die Satzgestaltung und wirkt in der Textstruktur. Die Möglichkeiten des Modifizierens erscheinen zunächst unübersehbar, so dass es geradezu einer kategorialen Sicht bedarf, um Einsicht in diese differenzierende und um Adäquatheit, um Stimmigkeit bemühte Sprachhandlung zu gewinnen. Diese Einsicht dient der Bewusstheit sprachlichen Tuns, und sie zielt letztlich im positiven Sinne, denn der steht uns hier näher, auf einen verantworteten Sprachgebrauch.

Modifizieren ist ein Bemühen um genau(er)en Sprachgebrauch, wobei genau im pragmatischen Kontext auch bedeuten kann, absichtlich oder taktvoll oder respektierend im Vagen zu bleiben. Die hier gemeinte Genauigkeit gilt einer gleichermaßen kommunikativen wie sachlichen Stimmigkeit, und genau deshalb erscheint Bewusstheit so notwendig.

Die modifizierende Handlung wird im kommunikativen Alltag den Kommunizierenden sicherlich nur gelegentlich bewusst, vor allem wohl affektiv durch das eingesetzte Engagement, sie wird aber besonders wahrnehmbar und bewährt sich im Journalismus, in der Politik, in der Wissenschaftsprosa und in literarischen Texten.

Modifizieren – für den Empfänger eine Verstehenssteuerung

Modifizieren ist vom Sender aus gesehen eine Option, in Bezug auf die verhandelte Sache oder den Prozess eine Justierung der Perspektive oder der Aspekte, und für den Empfänger ist sie eine Verstehenssteuerung, die er anerkennen, verändern oder auch übergehen kann. Modifizieren wird hier gesehen als die differenzierende Veränderung einer Grundaussage. Diese Veränderung kann sich ebenso auf einen vorhandenen wie auf einen entstehenden Text beziehen, sie kann sich auch auf eine opinio communis, auf einen scheinbar abgeschlossenen Diskurs beziehen, auf Konventionen und Normen. Dafür steht eine Fülle sprachlicher Mittel zur Verfügung,
  • sei es durch die konkurrierende Verwendung der grammatischen Modi, die gewissermaßen von Anfang an eine differenzierende Entscheidung erfordern, ob mit Wirklichkeitsbezug oder von Denkmöglichkeiten oder von Optionen gesprochen wird,
  • sei es durch eine modalisierende Stellungnahme (vermutlich etc.),
  • sei es durch Einschränkungen in Bezug auf einen Sachzusammenhang bzw. auf eine Äußerung darüber (aber etc.),
  • seien es inhaltliche Erweiterungen (zu ergänzen ist freilich etc.),
  • sei es durch Verdeutlichung (etwa durch Wortwahl bzw. deren markierte Variation),
  • sei es durch Herausstellung (etwa mit Hilfe der Wortordnung im Sinne einer besonders expliziten Thematisierung und/oder Rhematisierung),
  • sei es durch Veränderung der Sprachhandlung (Inquit-Formeln in markierter Variation),
  • sei es durch abwägende Textsegmente bei explizitem oder auch impliziertem Bezug zueinander,
  • sei es durch Textstrukturen in ihrer Abfolge von Thematisierungen und Subthematisierungen, im Abruf von Kontexten, in ihrer Explizitheit oder Implizitheit in Bezug auf Differenzierung, auf Wissbares und Nicht-Wissensmögliches.
Zum Buch
Das Buch Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung erscheint im Februar im Erich Schmidt Verlag.Wenn wir Sie neugierig gemacht haben mehr zu lesen, dann können Sie das Buch bequem hier bestellen.

Zum Autor
Peter Klotz war bis 2008 Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Bayreuth. Arbeitsschwerpunkte waren und sind Grammatik und Pragmatik, Schreibforschung, Textwissenschaft, Neuansätze zu einer Deskriptologie, sprachbezogene Literaturbetrachtung und Textsorten zur Kunstgeschichte.

(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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