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Nachgefragt bei: Dr. Frauke Mörike
Twitter weiterempfehlen  06.12.2017

Mörike: „Unterschiedliche Positionen im Betrieb wertschätzend integrieren“

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Dr. Frauke Mörike über Arbeitssysteme (Foto: Julian Beekmann)
Im Interview mit der ESV-Redaktion berichtet die Wissenschaftlerin Dr. Frauke Mörike, was „gute“ Arbeitssysteme ausmacht und wie darin das Arbeitsleben von Menschen nachhaltig verbessert werden kann.
Sie lehren an der TU Berlin am Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft. Was genau forschen und lehren Sie?

Frauke Mörike: Unser Ziel im Fachgebiet Arbeitswissenschaft ist zu verstehen, was „gute“ Arbeitssysteme ausmacht und wie darin das Arbeitsleben von Menschen nachhaltig verbessert werden kann. Ich bin Teil eines interdisziplinären Teams um Prof. Dr. Markus Feufel, mit breitgefächerter Expertise u.a. in Psychologie, Ethnologie oder Ingenieurswissenschaft, sowie zum Teil langjähriger Arbeitserfahrung in Wirtschaftsunternehmen. Als Fachgebiet lehren wir vorwiegend im Masterstudiengang „Human Factors“. Dieses Studium vermittelt grundlegende Kenntnisse rund um die Interaktion zwischen Mensch und Technik, vor allem im Arbeitskontext.

In unseren Forschungsprojekten möchten wir Herausforderungen im Arbeitsalltag aus Sicht der direkt beteiligten Akteure verstehen, also der Mitarbeiterschaft, Lieferanten und Kundschaft. Dazu gehen wir nicht in ein Versuchslabor, sondern sind direkt vor Ort in den Organisationen. Dort können wir ergebnisoffene, systematische Beobachtungen sozialer Interaktion durchführen, sogenannte Feldforschung.

Mehrdimensionales Bild der Behandlungspraxis


Eines unserer aktuellen Projekte dreht sich z.B. um die Behandlungspraxis in einer Zahnmedizinischen Klinik. Um diese besser zu verstehen, begleite ich Helferende und Zahnmediziner jeweils durch ihren kompletten Arbeitsalltag: vom ersten Morgenkaffee bis zum Speichern der letzten Patientenakte am Abend. Durch den Vergleich der verschiedenen Perspektiven der Gesundheitsexperten ergibt sich ein mehrdimensionales Bild der gelebten Behandlungspraxis. Solche Bilder können – oft unartikulierte und manchmal selbst für die Mitarbeitenden überraschende – Herausforderungen im Arbeitssystem sichtbar machen. Diese Ergebnisse melden wir in das Feld zurück und können auf deren Basis, falls notwendig, gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Ein Seminar, das Sie anbieten, handelt laut Titel von Beratungsritualen und Schreibtisch-Artefakten. Was kann man sich darunter vorstellen und was lässt sich daraus für das betriebliche Gesundheitsmanagement nutzen?

Frauke Mörike: Es geht in dem Seminar um Arbeitssysteme aus einer ethnologischen Perspektive. Ethnologie? Das ist die Wissenschaft vom kulturell Fremden, was aber nicht typischerweise nur in der Ferne zu finden ist. Nicht von ungefähr erlebt mancher schon einen Firmenwechsel wie den Einstieg in eine neue, unbekannte Welt, denn: Organisationen „ticken“ unterschiedlich, haben eigene, verborgene Spielregeln, die erstmal erkannt und erlernt werden müssen.

Besteht eine ironische Distanz zur Firmenphilosophie?

Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht ist die ethnologische Perspektive hervorragend geeignet, das „Fremde“ und Verborgene in Arbeitssystemen zu entdecken und dessen Bedeutung aus der Sicht der „Insider“, also der Mitarbeiterschaft, zu verstehen. Im Seminar spreche ich zum Beispiel darüber, welche Informationen ein scheinbar nebensächliches Objekt wie eine Kaffeetasse auf dem Schreibtisch unserer Gesprächspartner liefern kann. Denn oft ist es kein Zufall, ob eine von der Firma als Geschenk vergebene Tasse dort steht oder eine private Tasse mit dem Spruch „Das schönste an meinem Job ist, dass sich der Stuhl dreht“. Hieraus lässt sich u.a. ableiten, inwiefern die Firmenphilosophie von der Mitarbeiterschaft angenommen wird, oder ob eher eine ironische Distanz besteht. Diesen Tendenzen können wir dann weiter nachgehen.  

Für das betriebliche Gesundheitsmanagement kann die ethnologische Perspektive genutzt werden, um Informationen über die Menschen in Arbeitssystemen zu erschließen, die durch herkömmliche Erhebungsinstrumente kaum zugänglich sind. Aus unserer Sicht ist die menschenzentrierte Perspektive ideale Voraussetzung, um notwendige Änderungen im Betrieb zu identifizieren und menschengerecht umzusetzen.

Sie haben für Ihre Promotion Feldforschung in einem multinationalen Unternehmen in Mumbai betrieben. Dabei ging es um Missverständnisse bei der Projektzusammenarbeit über Abteilungs-, Büro- und Landesgrenzen hinweg. Welche Erkenntnisse lassen sich auf unsere zentraleuropäischen Arbeitsorganisationen übertragen?

Frauke Mörike: Ich habe über ein knappes Jahr die Mitarbeiterschaft eines Beratungsunternehmens durch ihren Arbeitstag begleitet und konnte so einen tiefen Einblick in deren Arbeitssystem erhalten. Übertragbar ist erstens die Erkenntnis, dass Missverständnisse bei der Projektzusammenarbeit entlang intern gezogener Grenzlinien zwischen Teams oder Abteilungen auftreten und zweitens, dass sie nicht immer zwangsläufig negativ sind.

In dem konkreten Fall wurden Informationen über ein Projekt von den Abteilungen jeweils unterschiedlich kommuniziert, wie zum Beispiel die Bewertung des Projektfortschritts im Hinblick auf die Abgabe beim Kunden. Jedoch haben diese Missverständnisse den Projektablauf kaum gestört; im Gegenteil schien eine gewisse Intransparenz zwischen den Unterabteilungen für das Funktionieren des Arbeitssystems in seiner Gesamtheit eher zuträglich. Wer nun ungläubig den Kopf schüttelt, darf sich selbst fragen, ob er oder sie nicht vielleicht auch mal eine Deadline an eine zuarbeitende Kollegin oder Abteilung stillschweigend etwas „verkürzt“ hat, damit die eigene, „wahre“ Deadline auch wirklich eingehalten wird.

Welche Faktoren schaffen aus Ihrer Sicht eine optimale Kollaborationskultur, wie muss das Unternehmensklima sein?

Frauke Mörike: Ich halte es gerade bei der Kollaboration für wichtig, dass die unterschiedlichen Vorstellungen von Zusammenarbeit zwischen Abteilungen und Niederlassungen mit den gelebten, oft unter der Oberfläche verborgenen, Spielregeln übereinstimmen. So mag ein Team, welches gewohnt ist, Konflikte offen und proaktiv anzusprechen, kaum mit einem Team erfolgreich zusammenarbeiten, in welchem Unstimmigkeiten eher indirekt verhandelt werden. Werden solche Unterschiede jedoch erkannt, transparent gemacht, und die unterschiedlichen Positionen wertschätzend integriert, kann eine gute Basis für die Zusammenarbeit entstehen. Indem wir Menschen direkt in ihrem Arbeitsumfeld zuhören und begleiten, ist unsere methodische Herangehensweise sehr gut geeignet, solche Unterschiede sichtbar und für die Verbesserung betrieblicher Prozesse fruchtbar zu machen.

Zur Person
Dr. Frauke Mörike ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Berlin.  

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(ESV/ck)

Programmbereich: Arbeitsschutz

 
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