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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Volker Peemöller
Twitter weiterempfehlen  16.01.2017

Peemöller: „Kulturwandel in Unternehmen? Die Fälle sprechen eine andere Sprache”

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
Peemöller: „Bilanzskandale wird es immer geben” (Foto: privat)
Bilanzskandale sind ständige Wegbegleiter der Wirtschaft. Warum neue Gesetze daran nichts ändern, man bei medialer Aufbereitung von Skandalen achtsam sein sollte und wem die größten Verdienste bei der Entdeckung von Manipulationen gebühren, erklärt Professor Volker Peemöller im Interview mit der ESV-Redaktion.
Herr Professor Peemöller, Bilanzskandale lesen sich in der Nachbetrachtung wie Krimis, bieten also hinreichend Stoff für Wirtschaftskrimis. Bedauern Sie, dass diese Skandale nicht entsprechend medial, z.B. in Filmen, aufbereitet werden?

Volker Peemöller: Das Recherchieren und Zusammenstellen der Unterlagen und das Nachvollziehen des Werdegangs eines Bilanztäters und insbesondere die Aufdeckung seiner Vorgehensweise sind ausgesprochen spannend und entsprechen häufig detektivischer Kleinarbeit. Im Vordergrund steht dabei der Täter. Wie ja auch bei „The Wolf of Wall Street” mit DiCaprio zu sehen war, erfährt der Täter aufgrund der Raffinesse, der Coolness und des Umfangs seines Betrugs eine gewisse Verherrlichung. Aktionäre, Sparer und Schuldner, die ihr Geld verloren haben, werden bei den Fällen häufig ausgeblendet. Darin sehe ich eine Gefahr medialer Vermarktung von Bilanzskandalen.

Die Skandale um die Herstatt-Bank, um die Neue Heimat und auch den sogenannten Baulöwen Schneider oder Flowtex waren in den Medien jeweils sehr präsent. In der jüngeren Vergangenheit fällt es hingegen schwer, Bilanzskandale konkret namentlich zu benennen: Hat man sich zu sehr an Skandale gewöhnt, sind die Fälle weniger spektakulär – oder werden sie von Skandalen größeren Ausmaßes, wie z.B. Volkswagen, überlagert?

Volker Peemöller: Für diese Entwicklung mögen drei Gründe sprechen: Das Ausmaß der Skandale von VW, Deutscher Bank oder Siemens übersteigen die Beträge der Bilanzskandale zum Teil erheblich. Hier mag der Fall Gowex aus Spanien noch mithalten können, ist aber in der deutschen Presse wenig erwähnt worden.

Der zweite Grund besteht in der Art der wirtschaftskriminellen Handlung. Korruption ist für jeden augenscheinlich ein Vergehen mit erheblicher Größenordnung. Immer wieder stehen Akteure am Pranger, und die Auswirkungen der Korruption können jeden Einzelnen betreffen, wenn an das Zuckerkartell oder ähnliche Verstöße gedacht wird.

Drittens sind Bilanzskandale für die Allgemeinheit nicht ohne weiteres nachzuvollziehen. Dazu bedarf es schon gewisser Grundkenntnisse der Bilanzierung.

Wie kommt es, dass Träger der Skandale zumeist in der obersten Führungsetage anzutreffen sind: Chuzpe der Handelnden oder deren Gefühl der Unfehlbarkeit?

Volker Peemöller: Bilanzskandale werden begangen, um sich persönlich zu bereichern, das Unternehmen zu erhalten, Kredite zu erlangen oder günstig an Kapital zu kommen. Die Gewinner sind immer die Eigentümer oder die Geschäftsführer der Unternehmen. Sie können den Bilanzbetrug nicht allein begehen. Dazu benötigen sie einen Helfer, der letztlich die Bücher fälscht.

Einige Beispiele zeigen, dass Unternehmer mit einem guten Produkt auf dem Markt aufgetreten sind, in Schieflage gerieten und zur Abwehr die Betrügereien begingen. Dabei muss häufig ein immer größeres Rad gedreht werden. Wenn diese Machenschaften dann nicht erkannt werden, kann sich das Gefühl der Unfehlbarkeit einstellen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch genügend Beispiele, wo sich die Unternehmer massiv bereichert haben, mit teuren Eigentumswohnungen und Villen, Gemäldesammlungen im Wert von 100 Millionen Euro und mehr. In diesen Fällen kann Überheblichkeit und Kaltschnäuzigkeit unterstellt werden.

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Gibt es nationale Unterschiede bei den von Ihnen recherchierten und analysierten Fällen in Ausmaß, Begehungsweise und Auswirkungen?

Volker Peemöller: Bei allen Systemen der Rechnungslegung werden Bilanzmanipulationen begangen. Die Vorgehensweise unterscheidet sich nicht nach der Rechnungslegung. Jeder Fall ist ein Unikat für sich, auch wenn Leasing, Bewertung und Verbindlichkeiten bzw. Rückstellungen eine große Rolle spielen. Die Auswirkungen waren insofern in allen Ländern gleich, als bei jedem großen Bilanzbetrug die Rechnungslegungsvorschriften, Haftungsregeln und Strafen z.B. drakonisch verschärft wurden.

Nach welchen Kriterien haben Sie die neuen Fallstudien ausgewählt?

Volker Peemöller: Die neuen Fälle zeichnen sich dadurch aus, dass einmal erfolgreiche und prämierte Firmengründer, wie Zapf mit der ersten Puppe mit menschlichen Funktionen, NICI mit dem Plüschtier Goleo zur Fußball WM 2006, Schieder Möbel mit der ersten industriellen Serienfertigung in Deutschland, Hess mit Straßenbeleuchtungen und Beluga Shipping mit Schifffonds irgendwann anfingen, ihre Bilanzen zu manipulieren.

„Die Gründe für Bilanzbetrügereien sind vielfältig”

Aus dem Ausland wurden die Beispiele aufgrund ihrer Bedeutung in den Ländern gewählt, die in Deutschland selbst nicht immer die Beachtung fanden. Die Gründe, die zum Niedergang der Unternehmen und zu den Bilanzbetrügereien führten, sind vielfältig und sowohl auf externe als auch auf hausgemachte Gründe zurückzuführen.

Stehen die aufgeführten neueren Fallbeispiele am Ende einer Entwicklung, die sich so nicht fortsetzen wird, weil zunehmend Compliance- und Transparenzregeln in Unternehmen dem entgegenstehen?

Volker Peemöller: Bilanzmanipulationen gibt es, seitdem es Bilanzen gibt. Das wird auch so bleiben. Deshalb ist verstärkt auf red flags zu achten, um die Manipulationen frühzeitig zu entdecken. Es wird immer und überall über Compliance gesprochen, und dennoch lesen wir täglich von Compliance-Verstößen in der Zeitung. Im Zweifel entscheiden sich einzelne Manager nicht für Compliance, sondern für Rendite und Wettbewerbsvorteile.

Wem kommen eigentlich die größten Verdienste beim Aufdecken von Bilanzskandalen zu: Whistleblowern, Wirtschaftsjournalisten oder der Internen Revision?

Volker Peemöller: Alle drei haben zum Aufdecken von Bilanzskandalen beigetragen. An erster Stelle ist aber nach wie vor der Whistleblower zu nennen, der die internen Gegebenheiten kennt. Wirtschaftsjournalisten sind dann ins Spiel gekommen, wo ein Unternehmen deutlich besser abschneidet als die gesamte Konkurrenz und entgegen der wirtschaftlichen Entwicklung. In diesen Fällen waren spezielle Recherchen erforderlich, um Angaben aus dem Geschäftsbericht widerlegen zu können. Auch die Interne Revision war erfolgreich im Aufdecken von Manipulationen; ihr Berichtsempfänger ist aber der Vorstand, der üblicherweise für die Manipulationen verantwortlich ist.

Sie listen allein in Deutschland 27 Reform-Maßnahmen seit 1998 – vom KonTraG bis zum BilRUG – auf, die geeignet sind, Bilanzskandale zu verhindern. Welche davon haben sich am effektivsten herausgestellt?

Volker Peemöller: Eine Hitliste der erfolgreichsten Maßnahmen zur Verhinderung oder Aufdeckung von Bilanzskandalen gibt es nicht. Die schwarzen Schafe der Bilanzierung halten sich nicht an Regeln. Ich habe in einem Interview mit einer Tageszeitung 2002 bereits darauf hingewiesen, dass irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht ist, was die Maßnahmen gegen Manipulation betreffen. Was gefördert werden muss, ist die Redlichkeit der Vorstände. Die Unternehmen beteuern immer wieder, sie hätten den Kulturwandel vollzogen. Die geschilderten Fälle sprechen eine andere Sprache.

„Whistleblower müssen geschützt werden”


Alles in allem: Haben sich neue Gesetze und strengere Regeln als die wirksamsten Abwehrmaßnahmen gegen Bilanzskandale erwiesen – oder doch eher Mut und Zivilcourage einzelner?

Volker Peemöller: Durch Gesetze und Verordnungen ist ohne Zweifel der Bilanzbetrug schwieriger geworden. Nach wie vor stehen aber Mut und Zivilcourage der Whistleblower im Vordergrund der Aufdeckung. Wenn man sieht, mit welchen Folgen Whistleblower häufig zu kämpfen haben, dann müssen Gesetzgeber und Öffentlichkeit dafür sorgen, dass diese Personen wirksam gegen Verleumdung und wirtschaftliche Nachteile geschützt werden.


Zur Person
Prof. Dr. Volker H. Peemöller ist emeritierter Professor für Betriebswirtschaftslehre und ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Prüfungswesen, an der Universität Erlangen-Nürnberg und Geschäftsführer der Wirtschaftscampus GmbH, Zell, sowie Lehrbeauftragter, Dozent, Berater und Autor tätig. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Bereiche Bilanzanalyse und Controlling, Unternehmensbewertung, Internationale Rechnungslegung, Interne Revision und Wirtschaftsprüfung.

Zum Buch
Bilanzbetrug gibt es, seit es Bilanzen gibt. Zwar haben Gesetzgeber, Standardsetter und Regulierungsbehörden durch weitreichende Initiativen und Verordnungen vielseitig auf wirtschaftskriminelle Verwerfungen reagiert - doch wächst die Liste spektakulärer Bilanzskandale weiter ungebremst. Das zeigt die 2. neu bearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage, die auch als eBook erhältlich ist.

Wie Sie Methoden und Tricks von Bilanzbetrügern erkennen und Manipulationen rechtzeitig vorbeugen, zeigen Volker Peemöller, Harald Krehl und Stefan Hofmann anhand von 33 konkreten Einzelfallstudien. Erweitert um neun aktuelle Fälle, die jeweils strukturiert und noch ausführlicher vorgestellt werden, bietet die Neuauflage dieses Klassikers auch die Chance, bereits unternommene Gegenmaßnahmen neu zu bewerten.

(ESV/map)

Programmbereich: Management und Wirtschaft

 
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