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Demografischer Wandel
Twitter weiterempfehlen  16.03.2017

Plötzlich alt: Verhaltensprävention durch Alterssimulation

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Im Alterssimulationsanzug (Foto: Autoren)
Steigendes Renteneintrittsalter, längere Lebensarbeitszeit – wie kann dies in körperlich anspruchsvollen Berufen realisiert werden? Wie Verhaltensprävention durch Alterssimulation ein frühzeitiges und vorausschauendes Sensibilisieren von Mitarbeitern ermöglicht, um eine gesunde Erwerbsbiografie zu gestalten.
„In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben, in der zweiten Hälfte opfern wir unser Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen. Und während dieser Zeit gehen Gesundheit und Leben von dannen.“ (Voltaire)

Gerade die Abnahme der konditionellen Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit können in Berufen mit vergleichsweisen hohen körperlichen Anforderungen durch Lastenhandhabung und Arbeit in Zwangshaltungen zu Problemen führen.

Demografische Entwicklung und steigende Bedeutung der Verhaltensprävention

Die Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland führen zu einem höheren Durchschnittsalter der Bevölkerung und einem Anstieg des Anteils älterer Menschen. Diese Entwicklung in der Gesamtbevölkerung ist ebenso in der Gruppe der Menschen im erwerbsfähigen Alter zu verzeichnen und hat somit Auswirkungen auf die Unternehmen und Mitarbeiter.

Insgesamt ist in den letzten Jahren die Erwerbsquote der älteren Mitarbeiter in Deutschland angestiegen und wird besonders in den Altersgruppen über 55 Jahren deutlich. Der Anteil der 60 bis 64-jährigen lag 2012 bei 49,6 Prozent (2002: 25,1 Prozent) und in der Gruppe der 65 bis 69-jährigen bei 11,2 Prozent (2002: 5,6 Prozent) (Abbildung 1). Damit hat sich die Erwerbsquote in den Altersgruppen 60-64 Jahre und 65-69 Jahre verdoppelt.    

Themenschwerpunkt Arbeitsschutz
Mehr Informationen zum Arbeitsschutz finden Sie auf ARBEITSSCHUTZdigital.de, dem eJournal sicher ist sicher oder der Betrieblichen Prävention.

Die Zunahme des Anteils älterer Mitarbeiter erfordert weitreichende Veränderungen, wie zum Beispiel alters- und alternsgerechtes Arbeiten, sowie den Abbau von Arbeitsbelastungen. Denn nur unter optimalen organisationalen, technischen und menschlichen Bedingungen kann eine möglichst lange und gesunde Erwerbstätigkeit erreicht werden.

Optimale Bedingungen sind allerdings längst nicht überall zu finden. Während in größeren Produktionsbetrieben das Thema Ergonomie bereits als sehr wichtig identifiziert wurde, eröffnen sich im Gesundheits- und Dienstleistungsbereich oftmals große Lücken. Durch den demografischen Wandel erhöht sich zum einen der Bedarf an Dienstleistungen und zum anderen steigt gleichzeitig das Durchschnittsalter der Dienstleister.

Besonders in den Pflegeberufen ist dieser Trend zu beobachten: von 1999 bis 2013 stieg die Zahl der pflegebedürftigen Menschen von zwei auf 2,7 Millionen. Prognosen gehen von 4,7 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2060 aus, das entspricht etwa sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Demgegenüber sind aktuell bereits 36 Prozent der ambulanten Pflegekräfte 50 Jahre und älter. Im weitesten Sinne kann dieser Zusammenhang auch als Dilemma bezeichnet werden. Denn wie soll der steigende Bedarf an gesundheitlichen Dienstleistungen mit immer älter werdenden Personal in den nächsten Jahren gedeckt werden? Schon jetzt zeigt sich, dass viele professionelle Pflegekräfte sich nicht vorstellen können, bis zum geforderten Renteneintrittsalter ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen.

Belastungen im Pflegebereich

Die Ergebnisse der NEXT-Studie (nurses early exit study), einer Befragung in zehn europäischen Ländern, zeigen, dass sich durchschnittlich jede fünfte Pflegekraft nicht vorstellen kann, weitere zwei Jahre den Beruf auszuüben. Das Personal der Pflegebranche ist überdurchschnittlich hohen physischen und psychischen Anforderungen ausgesetzt. Neben der zeitlichen Belastung stehen vor allem Heben und Tragen von Lasten oder Arbeit in Zwangshaltungen im Vordergrund, die zu Berufskrankheiten und dem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führen können. Diese Problematik ist auch in den Statistiken der Krankenkassen zu finden. Dabei führen Muskel-Skelett-Erkrankungen noch immer die Rangfolge an. Betroffen sind vor allem die Strukturen des Stütz- und Bewegungssystems mit Bestandteilen wie Muskeln, Knochen, Sehnen, Bändern bis hin zu den Knorpelgeweben einzelner Gelenke.

Zu beobachten ist weiterhin, dass trotz ergonomischer Grundkenntnisse und der Verwendung von technischen Hilfsmitteln eine stetige Zunahme an Muskel-Skelett-Erkrankungen auftritt. Paradiso et. al sprechen in dem Zusammenhang sogar von einem Paradoxon.

Doch welche Möglichkeiten bestehen, um Muskel-Skelett-Erkrankungen und übermäßige Belastungen der Mitarbeiter zu verhindern? Die Ursachen hierfür sind sehr komplex. Dazu schreibt die DGUV „Übergewicht und eine untrainierte Muskulatur können genauso am Anfang eines Rückenleidens stehen wie ein Unfall oder Belastungen am Arbeitsplatz“.

Gerade leichtes Übergewicht und eine weniger trainierte Muskulatur sind Faktoren, die bei älteren Berufstätigen häufig vorzufinden sind. Sportmedizinische Studien belegen, dass der menschliche Körper sein Leistungsmaximum zwischen 20- und 30 Jahren erreicht hat. Mit zunehmendem Alter nimmt die Leistungsfähigkeit kontinuierlich ab. Durch den Abbau von Muskelmasse und bei gleichbleibender Ernährung und damit Energieaufnahme, kommt es zu einer oftmals unbemerkten Gewichtszunahme. Gleichzeitig verschlechtert sich auch die Beweglichkeit und Flexibilität, welche Voraussetzungen für die optimale Körperhaltung und -bewegung sind.

Nachhaltige Verhaltensprävention durch Alterssimulation

Werden präventive Maßnahmen näher betrachtet, so unterscheidet die Arbeitswissenschaft zwischen verhältnisorientierter Prävention und verhaltensorientierter Prävention. Verhältnisprävention bezieht sich auf Gesundheitsrisiken, die sich aus der Arbeitsumwelt ergeben. Beispiele wären hier die Gestaltung von Arbeitsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeiten.

Im Gegensatz dazu werden unter Verhaltensprävention Maßnahmen verstanden, die auf das einzelne Individuum abzielen und damit die Vermeidung und Minimierung von Gesundheitsrisiken bzw. Förderung von Gesundheitskompetenz und gesundheitsgerechten Verhalten. Sandrock beschreibt Verhältnisprävention als Veränderung von Bedingungen und Verhaltensprävention als eine Veränderung des Verhaltens von Gruppen oder Einzelpersonen. Die Verhältnisprävention sollte stets der erste Schritt sein, jedoch stellt für die ganzheitliche Prävention auch die Verhaltensprävention eine nicht zu vernachlässigende Größe dar.

Methoden der Verhaltensprävention können Schulungen, Workshops oder Trainings sein. Eine hohe Wirksamkeit lassen sich mit Kombinationen der einzelnen Maßnahmen erreichen. So kann ein theoretischer Teil innerhalb einer Schulung und ein praktischer Teil mit einem Training abgedeckt werden. Ein wichtiger Punkt ist, dass den Teilnehmern die Notwendigkeit gewisser Maßnahmen bewusst gemacht wird. Gerade in Bezug auf Alterserscheinungen ist dies ein essenzieller Punkt.

Alterserscheinungen simulieren

Eine Möglichkeit um altersbedingte Veränderungen zu verdeutlichen ist die sogenannte Alterssimulation. Dazu wurde in den Jahren 2007-2010 an der Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement der Technischen Universität Chemnitz in Zusammenarbeit mit einem großen Automobilkonzern der Alterssimulationsanzug MAX entwickelt. Hintergrund waren die stets älter werdende Belegschaft und der Einsatz im Zuge der Verhältnisprävention, also der Anpassung von Arbeitsmitteln und Arbeitstätigkeiten, so dass Arbeitsplätze bewertet und gestaltet werden konnten.

Der Anzug beruht auf mehr als 200 verschiedenen wissenschaftlichen Studien aus den Bereichen Arbeitswissenschaft, Medizin, Sportwissenschaft und Gerontologie. Durch die Einschränkung der Systeme der Informationsaufnahme und Informationsumsetzung können junge Personen innerhalb kurzer Zeit um etwa 30 Jahre altern.

Alterssimulationsanzug MAX: Eigeschränktes Sehen, Hören, Fühlen

Mit dem Alterssimulationsanzug MAX lassen sich im Bereich der Informationsaufnahme Sehen, Hören und Fühlen einschränken. Bei der Seheinschränkung werden speziell entwickelte Brillen verwendet, die das Gesichtsfeld und die Sehschärfe (Visus) verringern und eine Linsentrübung mit Farbfilterung hervorrufen.

Bei der Einschränkung des Hörens werden Kapselgehörschützer genutzt, die im gewünschten Frequenzbereich die Geräuschaufnahme dämpfen. Die verringerte Fähigkeit der haptischen Wahrnehmung wird mittels dünner Handschuhe simuliert. Zur Einschränkung der Informationsumsetzung und damit der konditionellen Fähigkeiten kommen spezielle Gelenkmanschetten und Gewichte zum Einsatz. Zu dem beeinflusst die Passform des Anzuges die Flexibilität der Wirbelsäule. Gerade im Bereich der Lendenwirbelsäule kommt es zu einer hohen Reduzierung der normalen Bewegungsamplitude eines gesunden jungen Menschen.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Alterssimulationsanzuges MAX ist die Möglichkeit, die einzelnen altersbedingten Veränderungen in drei Einschränkungsgraden individuell und unabhängig voneinander abzubilden. Somit kann ein großes Spektrum von Einschränkungen abgedeckt werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Ansatz einer möglichst realistischen Simulation. Dementsprechend ist es erforderlich die Inter- und Intraindividualität des Alterns aufzuzeigen. Altern ist kein standardisierter Vorgang und verläuft von Individuum zu Individuum unterschiedlich.

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Weiterhin altert der Körper nicht insgesamt gleich, d.h. die einzelnen Systeme, wie zum Beispiel der Bewegungsapparat oder die auditive Wahrnehmung, können von unterschiedlich starken Einschränkungen betroffen sein. Die modulare Gestaltung des Anzuges trägt diesem Aspekt Rechnung und ermöglicht eine differenzierte Alterung der Teilnehmer und ihres Körpers. Die Anwendungsgebiete des Alterssimulationsanzuges MAX lassen sich in drei Sparten unterteilen. Darunter fallen die Sensibilisierung, die Gestaltung und die Bewertung. Die Gestaltung und Bewertung umfassen Arbeitsplätze, Arbeitsabläufe, Arbeitstätigkeiten aber auch Produkte verschiedener Art von ergonomischen Hilfsmittel bis hin zu spezifischen Produkten für ältere Menschen. Diese Kategorien fallen unter den Aspekt der Verhältnisprävention.

Die Sensibilisierung von Menschen zum Thema Alter und damit verbundenen altersbedingten Veränderungen gehört zum Themenbereich der Verhaltensprävention. Durch das Bewusstwerden und Erleben der verschiedenen Fähigkeitsänderung sowie dem Aufzeigen möglicher Ursachen kann eine Verhaltensänderung gelingen. Der Grund für eine Schwerhörigkeit kann beispielsweise durchaus eine nicht genutzte persönliche Schutzausrüstung sein. Im Zuge der Prävention sollte diese bei gegebenen Anlass (ab 80 dB) getragen werden.

Etwas anders stellen sich die Veränderungen der konditionellen Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit dar. Diese können nicht direkt mit einer persönlichen Schutzausrüstung geschützt werden. Viel mehr liegt der Schutz in der eigenen Hand und zeigt starke Abhängigkeit vom Lebensstil. Menschen, die einen relativ gesunden Lebensstil pflegen, zum Beispiel durch eine gesunde Ernährung, sportliche Aktivität und einen Verzicht auf Nikotin, können den altersbedingten körperlichen Abbau im optimalen Fall verzögern.

Altersbedingter Wandel: Nur 20 bis 30 Prozent genetische Vorbelastung

In gewissem Maße hat der Mensch seinen altersbedingten Wandel selber in der Hand. Studien zeigen, dass nur ca. 20 - 30 Prozent aus genetischer Vorbelastung resultieren. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die arbeitsbedingten Belastungen. Jahrelanges Arbeiten unter weniger optimalen ergonomischen Bedingungen kann zu pathologischen Veränderungen der Körperstrukturen führen. Im schlimmsten Fall kann dies einen erzwungenen Ausstieg aus dem Berufsleben zur Folge haben.

Gerade Berufe mit hohen Lastenhandhabungen und Arbeit in Zwangshaltung sind prädestiniert für nachhaltige Schäden am Muskel-Skelett-System. Dabei sollte der Fokus nicht nur auf augenscheinlich schweren Berufen wie in der Baubranche liegen, Spitzenlasten sind auch beim Umgang mit pflegebedürftigen Menschen oder im Einzelhandel alltäglich.

Lesen Sie den kompletten Beitrag hier in der Betrieblichen Prävention.


Zu den Personen
Kerstin Börner und Danny Rüffert sind wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement der TU Chemnitz. 

(ESV/Danny Rüffert und Kerstin Börner)

Programmbereich: Arbeitsschutz

 
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