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Relativismus in der Literaturwissenschaft
Twitter weiterempfehlen  09.08.2017

Relativistische Auffassungen und Theorien sind so alt wie das philosophische Denken selbst

ESV-Redaktion Philologie
Auch Shakespeare kann unterschiedlich interpretiert werden (Foto: antoinettew/Fotolia.com)
Was will der Autor uns damit sagen? Das fragt sich so mancher Leser bei der Lektüre von Texten. Aber ist das überhaupt wichtig? Kann man einen Text richtig oder falsch verstehen? Lesen Sie hier Gedanken dazu an einem Beispiel von Shakespeare.
Im zweiten Akt des Hamlet kommt es zu einem Gespräch zwischen Hamlet und seinen Freunden Rosencrantz und Guildenstern über den Zustand des dänischen Staates. Während Dänemark sich für Hamlet als einer der finstersten Plätze dieser Welt darstellt, als unerträglicher und beengender Ort der Gefangenschaft – „Denmark’s a prison.“ –, urteilen die Freunde anders: „We think not so, my lord.“ Konfrontiert mit diesem Widerspruch, lautet Hamlets Antwort: „Why, then ’tis none to you; for there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.“

Hamlets Worte lassen unterschiedliche Lesarten zu. Eine mögliche Lesart lautet, dass es sich bei dem Gedanken, der hier zum Ausdruck kommt, im Kern um einen relativistischen Gedanken handelt. Hamlet verabschiedet die Idee, dass etwas an und für sich gut oder schlecht sein kann.
Gut oder schlecht ist etwas, folgt man dieser Lesart, immer nur relativ zu dem, was Menschen darüber denken. Ein objektives, nicht an einen bestimmten Standpunkt gebundenes Urteil darüber, ob Dänemark tatsächlich ein moralisch verkommenes Gefängnis ist oder nicht, gibt es dieser Auffassung zufolge nicht.

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Lesen Sie auch unser Interview mit dem Autor Stefan Descher: Der Relativismus kommt in verschiedenen Farben, Formen und Größen daher.

Dieser Gedanke, der im Hamlet in aphoristischer Kürze und Prägnanz eindrucksvoll artikuliert wird, ist auch zu Shakespeares Zeiten alles andere als neu. Relativistische Auffassungen und Theorien sind so alt wie das philosophische Denken selbst (zumindest gilt dies für die westlich-europäische Philosophiegeschichte) und sie finden sich in so gut wie allen Bereichen menschlichen Denkens und Urteilens, am prominentesten wohl in den Bereichen der Moral und des Geschmacks.

Obwohl der Begriff des Relativismus nicht immer einheitlich verwendet wird [...] lassen sich relativistische Theorien vorläufig als solche Theorien kennzeichnen, denen zufolge Aussagen eines bestimmten Diskursbereichs (z. B. Aussagen über moralische Sachverhalte, Geschmacks- oder Werturteile usw.) keine objektive Geltung besitzen, sondern deren Richtigkeit oder Wahrheit stets relativ zu einem bestimmten Bezugsrahmen ist.

Den von Hamlet vertretenen Relativismus könnte man beispielsweise als Relativismus betrachten, der sich auf evaluative Aussagen bzw. Werturteile bezieht: Auf die Frage, ob Dänemark ein verkommenes Gefängnis („bad“) oder das Gegenteil („good“) ist, gibt es gemäß der von Hamlet formulierten Auffassung keine objektiv richtige Antwort. Die Antwort hängt vielmehr von einem bestimmten Bezugsrahmen ab – in Hamlets Fall etwa von der Person, die das Urteil fällt, und vor allem von dem, was diese Person denkt.

Sind Sie neugierig geworden? Lesen Sie hier weiter.
Das Buch
Das Buch Relativismus in der Literaturwissenschaft. Studien zu relativistischen Theorien der Interpretation literarischer Texte von Stefan Descher erscheint im August im Erich Schmidt Verlag als Print und eBook. Sie können es bequem hier bestellen.

Der Autor
Dr. Stefan Descher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie (Georg-August-Universität Göttingen). Seine Forschungsschwerpunkte liegen u. a. im Bereich der Literaturtheorie und der deutschsprachigen Literatur nach 1945.

(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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