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Nachgefragt bei: Prof. Ekkehard König und Prof. Manfred Pfister
Twitter weiterempfehlen  11.01.2017

„Sprachliche Äußerungen gleichen eher einer Skizze als einem Gemälde“

ESV-Redaktion Philologie
Zusammenspiel von Literatur und Linguistik: Manfred Pfister und Ekkehard König (Fotos: privat)
Viele Menschen lesen gerne, beschäftigen sich aber wenig mit Linguistik. Helfen linguistische Mittel beim Verständnis von Literatur, versteht man Texte anders und vielleicht sogar besser? Der Literaturwissenschaftler Prof. Manfred Pfister und der Sprachwissenschaftler Prof. Ekkehard König (re.) im Interview mit der ESV-Redaktion.
Herr König, Herr Pfister, worin besteht der Zusammenhang zwischen Sprache und Inhalt?

Ekkehard König: Sprachliche Einheiten, insbesondere größere Einheiten wie Sätze und Texte, drücken Inhalte aus. Diese Inhalte sind jedoch durch die gewählten sprachlichen Formen nicht vollständig bestimmt und konturiert. Viele Einzelheiten des Inhalts sind durch Adressaten bzw. Lesende noch interpretativ aufzufüllen. Insofern gleichen sprachliche Äußerungen eher einer Skizze als einem Gemälde. Dies gilt für die Kommunikation im Alltag und im besonderen Maße für literarische Texte, in denen eine Fülle von Leerstellen interpretativ aufzufüllen sind. Für diese Interpretation sind die sprachliche Form und eine Einordnung in relevante Kontexte von besonderer Bedeutung.

Muss ich, um ein Gedicht zu verstehen, alle rhetorischen Mittel kennen und erkennen?

Manfred Pfister: Für ein erstes, grobes Verständnis eines Gedichts sind Kenntnis und Analyse der verwendeten rhetorischen Mittel nicht unbedingte Voraussetzung. Eine Beschäftigung mit den verwendeten sprachlichen und stilistischen Formen ermöglicht jedoch ein tieferes, differenzierteres und genussreicheres Verständnis von Literatur.

Hilft die Linguistik mehr der Literatur, oder andersherum?

Ekkehard König: Literaturwissenschaft und Linguistik sind nicht auf wechselseitige Hilfestellung angewiesen und haben im universitären Alltag jeweils ihre eigene Agenda, ihre eigenen Fragestellungen, Theorien und Erkenntnisse. Dennoch besteht die weitverbreitete, wenn auch wenig praktizierte Auffassung, dass eine Zusammenarbeit zu einem wesentlichen Mehrwert bei der Explikation von Grundbegriffen und bei der Erweiterungen des Horizonts durch neue Fragestellungen führt und die weitere Entwicklung von Theorien fördert. So profitieren z. B. neuere sprachwissenschaftliche Untersuchungen zur Perspektivierung in Alltagsgesprächen von dem reichen Vorrat an Erkenntnis und Wissen, das in der Literaturwissenschaft über die Koordinaten von Erzählungen und ihrer Interaktion akkumuliert wurde.

Manfred Pfister: Gleichzeitig kann die Linguistik bei der Charakterisierung von literarischen Phänomenen und ihren alltagsprachlichen Gegenstücken sowie bei der präzisen Explikation von literarischen Grundbegriffen wertvolle Beiträge leisten, die sich dem wissenschaftlichen Ziel einer Falsifizierbarkeit zumindest annähern.

Werden Linguistik und Literatur oft in einem so engen Zusammenhang untersucht wie in Ihrem Buch?

Manfred Pfister: Wie in der Einleitung zu unserem Buch näher ausgeführt, sind hoffnungsvolle Ansätze einer engen Zusammenarbeit der 1980er Jahre aus verschiedenen Gründen nicht weiterverfolgt worden. Die Thematik des vorliegenden Buches wird allenfalls durch eine kleine Gruppe von anglistischen Kollegen (besonders im UK seit Geoffrey Leech’s Lingustic Guide to English Poetry, 1968) vertreten, die jeweils für sich allein den Grenzbereich zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik bearbeiten. Zu einer wirklichen Zusammenarbeit zwischen Literaturwissenschaftlern und Linguisten kommt es kaum.

Wie ist es zu diesem Buch gekommen?

Ekkehard König: Ausgangspunkt zu diesem Buch waren mehrere gemeinsame Seminare, in denen uns deutlich wurde, wie weit sich Erkenntnisinteressen und Fragestellungen von Linguistik und Literaturwissenschaft überlappen und sich wechselseitig inspirieren und sensibilisieren können.

Wie haben Sie die Texte ausgewählt, die in diesem Buch genauer untersucht werden?

Manfred Pfister: Unsere Suche nach möglichst ansprechenden und prägnanten Bespieltexten hält sich, vom deutlichen Schwerpunkt in der englischen und amerikanischen Literatur abgesehen, an keine Grenzen von Gattungen oder Perioden und fasst etablierte Klassiker ebenso in den Blick wie populäre oder experimentelle Texte der Vergangenheit und Gegenwart.

Sie kommen beide aus verschiedenen Disziplinen. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit? Sollten diese Disziplinen so stark getrennt sein?

Ekkehard König: Auf der Basis von gegenseitigem Respekt für die Interessen und Fragestellungen des anderen gestaltete sich die Zusammenarbeit äußerst angenehm und fruchtbar. Um einen gewissen Verfremdungseffekt, d. h. einen eigenen Zugang zu den ausgewählten Themenkomplexen zu erreichen, wählten wir für jedes Kapitel den Einstieg über linguistische Grundlagen und Herangehensweisen. Dadurch wird ein neuer Kontext für die sich anschließende literaturwissenschaftliche Analyse geschaffen.

An wen richtet sich das Buch?

Manfred Pfister: Das Buch richtet sich vor allem an Studierende der Anglistik und ist in allen Ländern für diese Zweckbestimmung einsetzbar, da es auf Exemplifizierungen durch andere Sprachen fast völlig verzichtet. Zudem passt unser Buch auch gut in eine Zeit, in der ein Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik (Frankfurt a. M.) gegründet wurde mit der Zielsetzung, durch interdisziplinäre empirische Forschung Fragen nach den kontextuellen (und anderen) Bedingungen von ästhetischen Urteilen zu untersuchen. Aber auch der nicht-akademische Literaturliebhaber vermag darin neue Nahrung für seine Leselust finden.

Wie kamen Sie beide zu Ihren Disziplinen?

Ekkehard König: Ausgangspunkt für meinen Weg zur Linguistik war die Faszination durch fremdsprachliche Lieder und Texte, die ich schon in meiner Schulzeit erlebte. Daraus ergab sich der Wunsch, später möglichst viel über möglichst viele Sprachen zu erfahren. Zudem hatte ich mich nie so sehr für das Individuelle, sondern immer mehr für Verallgemeinerungen interessiert.

Manfred Pfister: Mit der Arbeit an diesem Buch kehre ich zu meinen anglistischen Anfängen in den sechziger Jahren zurück, die im Zeichen von Semiotik und Strukturalismus schon danach strebten, die Kunst der Interpretation und des Lesens auf eine tragfähigere Grundlage zu stellen, als sie die werkimmanenten Lektüren meiner Lehrer boten.  

Zum Buch
Der Band Literary Analysis and Linguistics erscheint Ende Januar im Erich Schmidt Verlag. Sie können ihn bequem hier bestellen.

Die Autoren

Ekkehard König ist Sprachwissenschaftler und Anglist, war von 1973 bis 1988 Professor an der Universität Hannover, von 1988 bis 2009 Professor an der FU Berlin und Gastprofessor an verschieden amerikanischen Universitäten. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Analyse der germanischen Sprachen, die Semantik und die Sprachtypologie. Die Analyse literaturwissenschaftlichen Grundbegriffe beruht vor allem auf seiner Expertise für semantische Fragen.

Manfred Pfister ist anglistischer Literaturwissenschaftler, seit den sechziger Jahren, zuletzt an der FU Berlin, dem Dartmouth College in New Hampshire und an den Universitäten von Wien und Danzig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Renaissance und die Moderne, wobei er immer schon die Nähe zur Systematik linguistischer Theoriebildung suchte. Darauf basiert auch sein viel beachtetes Buch über „Das Drama. Theorie und Analyse“ (1977, 11. Auflage, 2002).

(ESV/lp)

Programmbereich: Anglistik und Amerikanistik

 
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