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Nachgefragt bei: Dr. Birgit Zacke
Twitter weiterempfehlen  31.03.2016

Text-Bild-Beziehungen im „Brüsseler Tristan“

ESV-Redaktion Philologie
Abbildung aus dem „Brüsseler Tristan“ (Foto: Bibilothèque royale de Belgique, Ms. 14697, fol. 546v-547r)
Der „Brüsseler Tristan” wurde von der Forschung bisher kontrovers diskutiert. Er präsentiert eine Textkompilation aus Gottfrieds „Tristan”-Fragment, dem „Tristan als Mönch” und 810 Versen aus Ulrichs „Tristan”-Schluss. Hinzu treten 91 ganzseitige Federzeichnungen, die den Text illustrieren, kommentieren und kontextualisieren.
Frau Dr. Zacke, Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit mit der Handschrift des „Brüsseler Tristan“. Wie entstand die Idee zu dieser Beschäftigung und welche Hürden waren bei der Realisierung des Unterfangens zu nehmen?

Birgit Zacke: Der „Brüsseler Tristan” gehört zu den jüngsten Handschriften, die den berühmten Roman Gottfrieds von Straßburg im Zusammenspiel von Text und Bild überliefern. Er zeugt von dem regen Interesse an diesem Text, das auch noch in der Mitte des 15. Jahrhunderts bestand – mehr als 200 Jahre nach Gottfrieds Schaffen. Ich wollte herausfinden, was das 15. Jahrhundert aus dieser ‚alten Geschichte’ macht. Welche Ereignisse aus dem Leben des wohl bekanntesten Liebespaares der deutschen Literatur finden den Weg ins Bild und wie wird die unvollendet gebliebene Geschichte in dieser Handschrift zu Ende erzählt?

Die Handschrift, über die wir hier sprechen, zählt in der Forschung nicht gerade zu den ‚Prachtexemplaren’ und so ergaben sich für mich zwei große Herausforderungen: 1. Mit dem schlechten Ruf fertig zu werden, den der „Brüsseler Tristan“ in den Forschung seit Anbeginn der Beschäftigung mit den Handschriften von Gottfrieds „Tristan“ genießt. Um ehrlich zu sein, eine Herausforderung, der ich mich nur zu gern stellte. 2. Die Handschrift selbst: Knapp 1200 Textseiten, 91 Federzeichnungen und die Stimme im Hinterkopf, die darauf drängte, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Besondere an der prachtvollen und umfangreichen Tristan-Handschrift sind die vielen Bilder bzw. Federzeichnungen. Genau auf dieses Zusammenspiel von Text und Bild konzentriert sich auch Ihre Untersuchung. Bitte fassen Sie für unsere Leser zusammen, zu welchem Ergebnis Sie dabei gekommen sind.

Birgit Zacke: Bisher sah man im Bildprogramm des „Brüsseler Tristan“ stets nur eine bloße Darstellung höfisch-adligen Lebens aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es hieß, die Bilder hätten nichts mit der Tristangeschichte gemein und die Handschrift selbst tauge kaum zur genaueren Analyse des Zusammenwirkens von Text und Bild. Ich konnte aber zeigen, dass wir es hier mit einem sehr ausgeklügelten und modernen Illustrationsprogramm zu tun haben. Der Maler der Bilder kann sich darauf verlassen, dass der Bildbetrachter stets auch den Text der Geschichte präsent hat; er steht ja vor, über und hinter den Bildseiten. Dass sich der Maler auf den Text verlässt, zeigt sich daran, dass Bildfiguren immer wieder durch ihre Gesten und Blicke die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Text lenken. Die Bildfiguren interagieren also wortwörtlich mit dem Text und stellen den Kontext zwischen Bild- und Textgeschehen her.

Spätestens wenn man den Text der Handschrift liest, wird einem also ins Gedächtnis gerufen, dass es sich um Bilder zum „Tristan-Stoff“ handelt. Aber selbst wenn man die Gesten der Bildfiguren ignoriert und den Text ausdrücklich nicht liest, hat man seine Freude an den Bildern. Dann erzählen die Federzeichnungen einem nämlich aus dem Leben einer adligen Familie: vom Kennenlernen der Eltern, der Geburt/Taufe eines Kindes, der Bewährung dieses Kindes in der Welt des Adels, von Herrschaft, Liebe, Kampf; auch vom Sterben und der Begräbniskultur der Zeit. Dass die Federzeichnungen eine wichtige Rolle für die Benutzung der Handschrift spielen, sieht man nicht zuletzt daran, dass sie bereits durch die Werkstatt vor der Auslieferung an den Kunden besonders markiert wurden: Man brachte Blattweiser an ihnen an. Eine Art Post-it der mittelalterlichen Handschriftenkultur. Dadurch konnte man bereits von außen am Buch ausmachen, wo sich Bilder befinden und diese gezielt aufschlagen. Was man mit diesen dann machte, richtete sich nach dem Interesse und dem Wissensstand des Betrachters.

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Der „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg ist einem größeren Publikum bekannt. Worin unterscheidet sich die Kompilation der drei verschiedenen Tristan-Erzählungen im „Brüsseler-Tristan“ von diesem Stoff?

Birgit Zacke: Gottfried hat seinen „Tristan“ nicht mehr vollenden können und so mussten andere das für ihn übernehmen. Natürlich muss eine „Tristan“-Erzählung mit dem tragischen Tod des Liebespaares enden. Nur der Weg, der dorthin führt, kann je nach Handschrift ein anderer sein. Der „Brüsseler Tristan“ weist hier eine Besonderheit auf, die er sich nur noch mit einer heute nicht mehr erhaltenen Schwesterhandschrift teilt: er erzählt von einem Tristan, der seine geliebte Isolde auf eine harte, unmenschlich anmutende Probe stellt. Tristan inszeniert seinen eigenen Tod. Er will herausfinden, ob Isolde ihn noch liebt, was in ihrer Klage um ihn offenbar werden soll. Diese durchaus komisch erzählte Episode hat ihren unbestreitbaren Nutzen: Tristan wird ausgiebig betrauert, nicht nur von Isolde, sondern auch von seinem Onkel Marke und – wohl noch wichtiger – König Artus und seinem Hof.

Und doch lässt diese Episode auch ein durchaus fragwürdiges Bild von unserem strahlenden Helden entstehen, der sich verkleidet, betrügt und seine Herzensdame hinters Licht führt, nur um am Ende der Episode erneut mit ihr den Ehebruch zu vollstrecken. Das Ende des „Brüsseler Tristan“ ist konventionell: beide sterben den Liebestod. Er, weil er denkt, seine Geliebte käme nicht zu seiner Rettung; sie, weil sie ihn nicht mehr retten konnte und ohne ihn nicht leben will.

Sicher haben Sie im Rahmen Ihrer Arbeit viel Zeit in Bibliotheken verbracht. Können Sie unseren Lesern anschaulich beschreiben, was es bedeutet, sich mit einer mittelalterlichen Handschrift auseinanderzusetzen?

Birgit Zacke: Es ist eigentlich wie immer, wenn man sich mit historischen Objekten konfrontiert sieht. Da ist Ehrfurcht; plötzlich sitzt man vor einem mehr als 500 Jahre alten Buch und kann ein kleines bisschen den Menschen nachspüren, die es hergestellt, die es benutzt, darin geblättert und gelesen haben. Da ist der Schock: dachte ich doch, ich wüsste, was mich erwartet. Und dann liegt da dieser dicke Wälzer, von einer Person kaum zu bändigen und er scheint sich heute gegen eine Benutzung zu sperren. Die Struktur des Papiers ist eine ganz andere als unsere moderne: Da das Papier im Mittelalter aus Lumpen hergestellt wird, hat man eher das Gefühl, man würde Stoff umblättern. Und natürlich gibt es jede Menge Regeln und Vorsichtsmaßnahmen, an die man sich halten muss – nicht zuletzt natürlich die Handschuhe, die es zu tragen gilt.

Aber auch das Arbeiten in den Bibliotheken und Archiven selbst ist beeindruckend. In allen Bibliotheken habe ich die Mitarbeiteri und Mitarbeiterinnen vor Ort als äußerst zuvorkommend und hilfsbereit erlebt. Nicht zuletzt im Historischen Archiv der Stadt Köln, in dem zwei „Tristan“-Handschriften und ein „Tristan“-Fragment aufbewahrt werden. Das Archiv besuchte ich mehrfach vor seinem Einsturz im März 2009 und auch in seinem neuen Domizil. Eine solche Katastrophe, wie sie in Köln passiert ist, geht einem umso näher, wenn man die Sorgfalt erlebt hat, mit der sich alle Beteiligten den historischen Objekten näherten und nähern. Diese Handschriften sind Unikate, durch nichts anderes zu ersetzen, die alle ihre ganz eigene Geschichte von Tristan und Isolde erzählen. Zum Glück haben beide „Tristan“-Handschriften und das -Fragment den Einsturz überstanden.


(ESV/ln)

Zur Autorin
Birgit Zacke lehrt und forscht seit 2007 in der Germanistischen Mediävistik. Ihre Forschung ist kultur- und mediengeschichtlich ausgerichtet und hat einen Schwerpunkt in der Überlieferungsgeschichte und Manuskriptkultur des Tristan Gottfrieds von Straßburg und seiner Fortsetzungen in Text und Bild.

Zum Band
Das Buch „Wie Tristan sich einmal in eine Wildnis verirrte. Bild-Text-Beziehungen im ‚Brüsseler Tristan’“ erscheint im April 2016 in der Reihe „Philologische Studien und Quellen“ im Erich Schmidt Verlag. Sie können es hier bequem vorbestellen.



Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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