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L'Abricot
Twitter weiterempfehlen  11.04.2016

Warum die Analyse von Gedichten kein Selbstzweck ist

ESV-Redaktion Philologie
„Une chose petite, ronde“ (Foto: privat)
„Ich wage zu behaupten, dass man nach der Lektüre dieses Gedichts eine Aprikose mit anderen Augen ansieht, anfasst und mit größerem Genuss verspeist als zuvor“, so Professor Hermann Wetzel über das Gedicht „L'Abricot”.
Die besondere Leistung von Lyrik und damit auch ihr Reiz liegen in dem charakteristischen Gebrauch, den sie von Sprache macht. Ein kurzer Auszug aus der „Lyrikanalyse für Romanisten“ soll einen Eindruck davon geben, wie das Prosa-Gedicht L’Abricot von Francis Ponge es schafft, die Sinne, besonders Geschmack und Gehör, zu schärfen:


L’Abricot


La couleur abricot, qui d’abord nous contacte, après s’être massée en abondance heureuse et bouclée dans la forme du fruit, s’y trouve par miracle en tout point de la pulpe aussi fort que la saveur soutenue.

Si ce n’est donc jamais qu’une chose petite, ronde, sous la portée presque sans pédoncule, durant au tympanon pendant plusieurs mesures dans la gamme des orangés,
Toutefois, il s’agit d’une note insistante, majeure.
Mais cette lune, dans son halo, ne s’entend qu’à mots couverts, à feu doux, et comme sous l’effet de la pédale de feutre.
Ses rayons les plus vifs sont dardés vers son centre. Son rinforzando lui est intérieur.

Nulle autre division n’y est d’ailleurs préparée, qu’en deux : c’est un cul d’ange à la renverse, ou d’enfant-jésus sur la nappe,
Et le bran vénitien qui s’amasse en son centre, s’y montre sous le doigt dans la fente ébauchée.

On voit déjà par là ce qui, l’éloignant de l’orange, le rapprocherait de l’amande verte, par exemple.
Mais le feutre dont je parlais ne dissimule ici aucun bâti de bois blanc, aucune déception, aucun leurre : aucun échafaudage pour le studio.
Non. Sous un tégument des plus fins : moins qu’une peau de pêche : une buée, un rien de matité duveteuse – et qui n’a nul besoin d’être ôté, car ce n’est que le simple retournement par pudeur de la dernière tunique – nous mordons ici en pleine réalité, acceuillante et fraîche.
Pour les dimensions, une sorte de prune en somme, mais d’une toute autre farine, et qui, loin de se fondre en liquide bientôt, tournerait plutôt à la confiture.
Oui, il en est comme de deux cuillerées de confiture accolées.

Et voici donc la palourde des vergers, par quoi nous est confiée aussitôt, au lieu de l’humeur de la mer, celle de la terre ferme et de l’espace des oiseaux, dans une région d’ailleurs favorisée par le soleil.
Son climat, moins marmoréen, moins glacial que celui de la poire, rappellerait plutôt celui de la tuile ronde, méditerranéenne ou chinoise.

Voici, n’en doutons pas, un fruit pour la main droite, fait pour être porté à la bouche aussitôt.
On n’en ferait qu’une bouchée, n’était ce noyau fort dur et relativement importun qu’il y a, si bien qu’on en fait plutôt deux, et au maximum quatre. C’est alors, en effet, qu’il vient à nos lèvres, ce noyau, d’un merveilleux blond auburn très foncé.
Comme un soleil vu sous l’éclipse à travers un verre fumé, il jette feux et flammes.
Oui, souvent adorné encore d’oripeaux de pulpe, un vrai soleil more-de-Venise, d’un caractère renfermé, sombre et jaloux,
Pource qu’il porte avec colère – contre les risques d’avorter – et fronçant un sourcil dur voudrait enfouir au sol la responsabilité entière de l’arbre, qui fleurit au printemps.

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Sinneseindrücke

Ponges Beschreibung arbeitet mit Sinneseindrücken, die sich nicht nur auf den visuellen Bereich beziehen, wenn auch die charakteristische Farbe der Aprikose das Erste ist, was ins Auge sticht. Sie überträgt sich in ihrer Intensität sofort auf den Geschmack und überraschenderweise auf das Gehör.

Dabei gleitet Ponge im zweiten Absatz mit Hilfe mehrdeutiger Wörter von einem Bedeutungsbereich zum anderen (hier von der Aprikose zur Musik): Das Adjektiv ‚rund‘ („chose ronde“, rundes Ding) für die Form der Aprikose leitet zu der musikalischen Bedeutung des französischen Substantivs ‚la ronde‘ über (entsprechend der Taktvorgabe eine ganze Note, im Gegensatz zur halben, ‚blanche‘, und viertel Note, ‚noire‘).

So wie diese (relativ) lange Musiknote ohne Notenhals auf der Notenlinie („portée“ von frz. ‚porter‘ tragen) sitzt, so sitzt die Aprikose (fast) ohne Stil („pédoncule“ auch ‚queue‘) auf dem tragenden Ast. Die Aprikose wird mit Hilfe des französischen Sprachmaterials und des daran anschließenden metaphorischen Prozesses so in eine lange, eindringliche, betonte Musiknote („note insistante“; „rinforzando“) verwandelt, die sich im Ohr festsetzt; „majeure“ ist ebenfalls doppeldeutig: Neben der allgemeinen Bedeutung ‚größer‘ (man spricht ja auch im Deutschen von einem ‚großen‘ Ton), bezeichnet es im Französischen die Dur-Tonarten.

Musikalischer Bildbereich

Das im Text stehende Wort „tympanon“ (gr. ‚Trommel‘) ist der medizinische Fachterminus für die ‚Paukenhöhle‘, das u. a. vom Trommelfell begrenzte Mittelohr, und bezeichnet heute im Französischen ein Musikinstrument, das ‚Hackbrett‘, dessen Ton durch seine auf Metallsaiten schlagenden Hämmerchen charakterisiert ist. Diese Assoziation aus dem musikalischen Bildbereich wird im nächsten Abschnitt als Reihenmetapher präzisierend weitergesponnen, und zwar mit dem Toneindruck, der durch einen ‚Lautenzug‘ („pédale de feutre“) auf dem Cembalo hervorgerufen wird.

Mit Hilfe eines Lautenzugs werden die gezupften Saiten durch einen Filz (‚feutre‘) gedämpft, damit der Ton weich wie auf einer Laute klingt. Die Dämpfung wird noch in zwei weiteren Registern, dem sprachlichen („à mots couverts“, halblaut) und dem kulinarischen („à feu doux“, auf kleiner Flamme) wiederholt, und damit wird der sinnliche Horizont synästhetisch noch einmal erweitert.

Von der runden Frucht gleitet die Bedeutung zur runden Musik-Note und weiter zum Mond (auf die populäre Nebenbedeutung von „lune“ gleich ‚derrière‘, Hintern, werden wir gleich noch kommen) mit seinem Hof, der nochmals eine Art der Dämpfung, diesmal des Lichts, vor unser inneres Auge führt. Damit sind wir über die Farbe, Form und Ton in den Bildbereich des Lichts und des Strahlens eingeführt, wenn auch die Aprikose keine Strahlen auszusenden, sondern nach innen zu schicken scheint.

Die Form der Aprikose assoziiert (wie wir schon bei „lune“ gesehen haben) mit ihrer charakteristischen Furche den entsprechenden, hier verniedlichten menschlichen Körperteil („cul d’ange ou d’enfant-jésus“) und verweist auf sein Inneres. Wobei sich „vénitien“ (rotblond, tizianrot) vermutlich (neben „blond auburn“) auf die Farbe des Kerns bezieht und die intertextuelle Assoziation zu Othello und seiner psychischen Disposition auslöst. Aber nicht nur die Farbe des Kerns bietet Anlass zu assoziieren, sondern auch der charakteristische geschwungene Grat dieses Kerns, der mit einer Augenbraue identifiziert wird.
 

Detaillierte Beschreibung, um imaginierend nachzukosten

Ponge liefert keine naturwissenschaftliche, dennoch aber eine äußerst detaillierte Beschreibung, die die sinnlichen Qualitäten des beschriebenen Objekts hervorhebt und es dem Leser erlaubt, sie imaginierend nachzukosten. Mit Hilfe ganz verschiedener Wortfelder (und Seinsbereiche) wird nicht etwa unsere Weltvorstellung fragmentiert, sondern ein harmonisches Ganzes geschaffen, das unseren Blick, aber auch unsere anderen Sinne, besonders Geschmack und Gehör, schärft für neuartige Sinneseindrücke, die uns die Welt (der Aprikose) neu erschließen. Ich wage zu behaupten, dass man nach der Lektüre dieses Gedichts eine Aprikose mit anderen Augen ansieht, anfasst und mit größerem Genuss verspeist als zuvor.

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(ESV/vh)
 
Zum Autor
Hermann Wetzel ist emeritierter Professor für Romanische Philologie. Nach einem Studium der Romanistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen, Wien und Florenz lehrte er viele Jahre an den Universitäten von Mannheim, Passau und Regensburg Romanische Philologie. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die moderne Lyrik in Frankreich und Italien.

Zum Buch
Hermann Wetzels Buch „Lyrikanalyse für Romanisten. Eine Einführung“ ist im Erich Schmidt Verlag in der Reihe „Grundlage der Romanistik“ erschienen. Sie können es hier bequem über unsere Homepage bestellen.

Programmbereich: Romanistik

 
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