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Prof. Dr. Peter Fissenewert über den Compliance Standard ISO 19600 (Foto: jochenrolfes.de)
Nachgefragt bei: Prof. Dr. Peter Fissenewert

„Compliance nicht um der Compliance willen implementieren“

ESV-Redaktion COMPLIANCEdigital
15.12.2015
Der ISO 19600 ist ein Meilenstein für die Compliance. Die ESV-Redaktion sprach mit Prof. Dr. Peter Fissenewert über die mit dem neuen Standard verbundenen Erwartungen, Möglichkeiten und Herausforderungen der Implementation.
Der ISO 19600 Standard ist ein Meilenstein für die Compliance. Wird er der Compliance in Deutschland und weltweit zum Durchbruch verhelfen?

Peter Fissenewert: Davon gehe ich aus. Auch ich war zunächst skeptisch den ISO 19600 gegenüber, wenn man bedenkt, wie sperrig sich das Thema Compliance nach wie vor in Deutschland darstellt. Und dann kommt auch noch eine Norm, die höchst technischer Art ist. Bei näherer Betrachtung muss man aber konstatieren, dass viele Nationen sich hier auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt haben, der in einigen Bereichen sogar über das hinausgeht, was wir bislang in Deutschland kannten. Und dies ist wirklich bemerkenswert. Es ist erstmals möglich, mit ISO 19600 ein maßgeschneidertes auf das Unternehmen individuell abgestimmtes Compliance-Management-System zu implementieren und dies auch noch zu zertifizieren. So viele Unternehmen haben mittlerweile internationale Berührung. Die international anerkannte Zertifizierung stellt hier einen deutlichen Image- und Wettbewerbsvorteil dar, von der Schutzfunktion des CMS einmal ganz abgesehen.

Aus Ihrer Perspektive: Wo bleibt der ISO 19600 hinter Ihren Erwartungen zurück, wo geht er vielleicht auch zu weit?

Peter Fissenewert: Ich hätte mir gewünscht, dass man von Beginn an ISO 19600 nicht nur mit einem Empfehlungscharakter versieht, sondern gleich mit ganz klaren Vorgaben. Nun kann man aus dieser B-Norm natürlich auch klare Vorgaben machen. Die Ansage wäre von vornherein aber klarer gewesen. Ich finde es großartig, dass das Thema „Kultur“ einen erheblichen Raum bei ISO 19600 einnimmt, denn nur über die Vermittlung von Werten eben durch eine Unternehmenskultur wird es gelingen, alle Mitarbeiter von der Sinnhaftigkeit eines CMS zu überzeugen. In diesem Zusammenhang hätte ich mir gewünscht, dass ISO 19600 vielleicht einen etwas modernen Ansatz verfolgt. Nach wie vor wird das Thema „Tone from the Top“ sehr ausführlich und tatsächlich auch sehr gut dargestellt.

Bei einer funktionierenden Unternehmenskultur kann das Thema „Tone from the Top“ allerdings nur taktgebend sein. Im Ergebnis einer funktionierenden Unternehmenskultur gibt es kein alleiniges „Tone from the Top“, sondern ein „Tone from all Stakeholders“. Nicht gelungen und wahrscheinlich auch nicht machbar ist bei ISO 19600, dass internationale Herausforderungen, wie etwa die Kunst, in einem global agierenden Mittelstandsunternehmen eine einheitliche Compliance-Kultur unter Berücksichtigung unterschiedlicher Rechts- und Gesellschaftskulturen zu etablieren.

Auch Methoden, die einen sogenannten  „Conflict of Laws“ oder gar „Clash of Culture“s lösen, bietet ISO 19600 nicht. Immerhin bietet ein CMS nach ISO 19600 eine Art „Compliance-Klammer“ für Unternehmen mit internationalen Beziehungen, also etwa Auslandsniederlassungen. Dort kann man tatsächlich einen gemeinsamen Nenner etablieren unter individueller Berücksichtigung nationaler Gesetze und Kulturen. Dies haben wir auch bereits mehrfach so bei Unternehmen implementiert.

Viele Mittelständer scheuen noch den Aufwand, ein CMS einzurichten. Kann der ISO 19600 den kleinen und mittleren Unternehmen die Bedenken nehmen?

Peter Fissenewert: Ja, es stimmt, die Einrichtung eines CMS ist mit Aufwand verbunden. Dieser Aufwand lohnt sich aber in jedem Fall. Und ISO 19600 ist hierfür ein ideales Tool. Flexibilität und Angemessenheit sind wesentliche Grundsätze von ISO 19600 und es wird mehrfach klargestellt und darauf hingewiesen, dass man nicht Compliance um der Compliance willen implementieren solle, sondern angemessen und flexibel auf das jeweilige Unternehmen abgestellt. Ein Unternehmen braucht nur so viel Compliance wie nötig, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

In ihrem Buch gehen Sie auch auf die Herausforderung der Internationalität ein: Compliance ist im hohen Maße von den lokalen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern/Regionen abhängig. Wie realistisch ist ein allgemein gültiger und vor allem auch praktizierter Standard überhaupt?

Peter Fissenewert: Jedes CMS kann und sollte auf nationale und lokale Besonderheiten Rücksicht nehmen. ISO 19600 bietet hier genügend Spielraum. Bei aller Berücksichtigung der Nationalität und Lokalität ist aber völlig klar, dass ein international geltender Standard die Beachtung der Gesetze und insbesondere die Vermeidung von Korruption oder anderen strafbaren Handlungen zum Ziel hat.

Herausforderung Unternehmenskultur. Nicht zuletzt der VW-Skandal hat gezeigt, dass das ausgefeilteste CMS wenig hilft, wenn die Unternehmenskultur nicht compliant ist: Wie kann eine Unternehmenskultur compliant gestaltet werden?

Peter Fissenewert: Compliance und eine gute Unternehmenskultur werden dazu beitragen, dass Compliance-Verstöße seltener werden. Ganz ausschließen kann man dies nicht. Wer es drauf anlegt, wird aber Wege finden, Richtlinien und Gesetze zu umgehen. Es wird aber schwieriger.

Braucht es hierfür andere Kompetenzen in den Compliance-Abteilungen? Mehr Verhaltens- und Sozialwissenschaftler und weniger Juristen?

Peter Fissenewert: Auch dies ist eine sehr gute Frage. Compliance ist kein reines Juristen-Thema. Juristische Kenntnisse helfen zwar außerordentlich. Die Vermittlung von Werten und Kultur bedarf aber eines erheblichen Fingerspitzengefühls. Das ist überhaupt die große Kunst. Man kann den Mitarbeitern Compliance nur nahebringen, indem man ihnen die Vorteile von Compliance vermittelt und vielleicht sogar die Lust auf Compliance. Da kenne ich auch den einen oder anderen Juristen, dem ich nicht eine solche Schulung anvertrauen würde …

 
Autor und Buch

Prof. Dr. Peter Fissenewert ist Rechtsanwalt und Partner der internationalen Kanzlei hww hermann wienberg wilhelm Rechtsanwälte Partnerschaft. Seit 2005 hat er eine Professur für Wirtschaftsrecht inne. Als Mittelstands-Experte hat er sich intensiv mit der Entwicklung und Implementierung von Compliance-Management-Systemen auseinandergesetzt.

Soeben ist im Erich Schmidt Verlag das "Praxishandbuch internationale Compliance-Management-Systeme: Grundsätze - Checklisten - Zertifizierung gemäß ISO 19600“ erschienen. Das eBook steht Abonnenten von COMPLIANCEdigital kostenfrei zur Verfügung.

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