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Gibt Denkanstöße auch zu Coronazeiten: Prof. Dr. Thomas Deelmann. (Foto: privat und Coloures-Pic/stock.adobe.com)

Deelmanns Denkanstoß: Consulting & Corona

ESV-Redaktion/ConsultingBay
24.03.2020
Professor Thomas Deelmann berichtet in seiner Kolumne regelmäßig aus und über die Welt der Berater.
Vor wenigen Tagen hat der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. seine jährliche Studie zum Beratungsmarkt vorgestellt (auch interessant: Info-Grafik) und unter anderem das Marktvolumen des Jahres 2019 präsentiert (Berichterstattung und Kommentierungen z.B. auch in der FAZ, im Handelsblatt und auf Twitter). Der Consulting-Markt in Deutschland ist 2019 um 5,7 Prozent auf 35,7 Mrd. Euro gewachsen. Das ist der geringste Anstieg seit 2009. Zum Erhebungszeitpunkt haben die Umfrageteilnehmer recht positiv auf das Jahr 2020 geschaut. Sie erwarteten ein weiteres Plus von 5,8 Prozent auf 37,8 Mrd. Euro. Zusätzlich hat der BDU (zeitlich rund um das Wochenende vom 7./8. März) eine Blitzbefragung zu den erwarteten Auswirkungen des Coronavirus durchgeführt. Hier sehen zwar 72 Prozent noch keine Auswirkungen und 1 Prozent erhofft sich einen Umsatzanstieg. Allerdings erwarten auch 27 Prozent einen Umsatzrückgang. Die noch kurz davor artikulierten positiven Marktprognosen scheinen sich einzutrüben.

Die Situation hat sich seither weiter verändert. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und weitere Politiker haben wiederholt an die Bevölkerung appelliert und zu Verhaltensänderungen aufgerufen, ein so genanntes Kontaktverbot wurde von Bund und Ländern kommuniziert, Schulen, Kindergärten und Kitas haben ihr Angebot fast komplett eingestellt und viele Unternehmen haben das Leistungsangebot reduziert und ihre Mitarbeiter (soweit möglich) ins Homeoffice geschickt.

Es ist wohl noch viel zu früh, um exakt zu beschreiben, welche Auswirkungen die Corona-Krise für die Beratung haben wird – sei es für die gesamte Branche, sei es für einzelne Berater oder einzelne Beratungsunternehmen. Auch über die Dauer und den Verlauf der weiteren (gesundheitlichen, gesellschaftlichen, gesamtwirtschaftlichen) Entwicklungen in Deutschland gibt es noch keine verlässlichen Prognosen.

Blick auf vergangene Krisen und deren Auswirkungen auf den Beratermarkt

Allerdings kann man an dieser Stelle einen Blick auf vergangene Krisen werfen und dabei schauen, welche Auswirkungen diese auf den Beratungsmarkt hatten. Ein Rückblick bietet sich an für die Jahre 1993, 2002 und 2003 sowie 2009. In diesen Jahren hat der Beratungsmarkt einen Rückgang in Bezug auf sein Volumen hinnehmen müssen:
  • Die Wirtschaftskrise 1993 wird allgemein als Nachwendekrise bezeichnet. Wachsende Staatsschulden, eine hohe Arbeitslosigkeit und eine Flaute im Exportgeschäft führten zu einem Rückgang des BIP um knapp 1 Prozent. Das Beratungsmarktvolumen ging in 1993 gegenüber dem Vorjahr um 11,1 Prozent zurück. Die Differenz zwischen Gesamt- und Beratungswirtschaft betrug 10,1 Prozentpunkte zu Lasten der Beratung.
  • Das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und die Folgen der Terrorakte vom 11. September 2001 führten in der Folge zu einer Stagnation des BIP in 2002 und zu einem Rückgang in 2003 um 0,7 Prozent. Der Beratungsmarkt ist 2002 um 4,5 Prozent geschrumpft und 2003 nochmal um 0,5 Prozent. Im Jahr 2002 hat sich also der Beratungsmarkt um 4,5 Prozentpunkte schlechter entwickelt als die Gesamtwirtschaft; im Jahr 2003 allerdings sogar um 0,2 Prozentpunkte besser.
  • Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 ist das BIP in 2009 um 5,6 Prozent gesunken. Der deutsche Beratungsmarkt hat in 2009 einen Rückgang von 3,3 Prozent hinnehmen müssen. Er hat sich in diesem Jahr also um 2,3 Prozentpunkte besser entwickelt als die Gesamtwirtschaft.

Beratungsmarkt entwickelte sich auch in Krisenzeiten positiver als Gesamtwirtschaft

Bei allen drei Krisen zeigt sich, dass sie von relativ kurzer Dauer waren und dass das Beratungsmarktvolumen nach einem Rückgang das Vorkrisenniveau schnell wieder erreicht oder sogar überschritten hat (die Daten habe ich einem Aufsatz von mir aus dem Jahr 2018 entnommen). Es fällt auf, dass sich der Abstand zwischen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Beratungsmarktentwicklung zu Gunsten der Berater fortgeschrieben hat: Von minus 10,1 über minus 4,5 zu plus 0,2 und plus 2,3 Prozentpunkten. Schön wäre es natürlich, diese Reihe einfach weiterführen zu können – aber wohl auch deutlich zu einfach. Wenn man aber unterstellt, dass Beratungsunternehmen im Umgang mit Krisen hinzugelernt haben, dann kann man vielleicht die Aussage wagen, dass der Beratungsmarkt zwar auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung reagiert, aber etwas positiver, selbst in Krisenzeiten. (Randbemerkung: Im langjährigen Mittel ist der Beratungsmarkt pro Jahr um durchschnittlich 7,2 Prozentpunkte stärker als das BIP gewachsen.)

Mit diesem aktuell erreichten „Lernstand“ als einen groben ersten Indikator kann man nun weiterarbeiten. Einen Ansatzpunkt für einen zweiten groben Indikator hat die EZB für die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise geliefert. Dort wird kalkuliert, dass ein einmonatiger Lockdown das Wachstum um 2,1 Prozentpunkte verringere. Bei einem dreimonatigen Lockdown, was realistisch sei, wird von 5,8 Prozentpunkten ausgegangen. Die bisherige Wachstumserwartung von 0,8 Prozent wird auf dann minus 5 Prozent reduziert.

Zur Einordnung: Das BMWi spricht in seiner Jahresprojektion im Januar 2020 noch von einem BIP-Wachstum von 1,1 Prozent in Deutschland. Diesen leichten Aufwärtstrend sieht es in seiner Betrachtung der wirtschaftlichen Lage im März (siehe hier) jedoch als gestoppt an.

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel wird hier konkreter. Dort wurde der Frühjahrsbericht, der noch am 12. März ein corona-bedingtes Schrumpfen des BIP von 0,1 Prozent für 2020 angenommen hat, am 19. März überarbeitet. In zwei Szenarien wird mit einem Einbruch des BIP in Deutschland um 4,5 Prozent (V-Szenario) und um bis zu 9 Prozent (U-Szenario) gerechnet, wobei die tatsächliche Entwicklung näher am V- als am U-Szenario gesehen wird. Legt man die Einschätzung des IfW zu Grunde, dann könnte man einen BIP-Rückgang von 6 Prozent annehmen. Die EZB-Prognose stützt dieses bzw. widerspricht hier nicht.

Sollte die Beratungsbranche auch diese Krise besser durchstehen als die Gesamtwirtschaft und sollte die Branchenentwicklung wieder 2,3 Prozentpunkte über der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung liegen, dann würde dies zu einem Rückgang des Beratungsvolumens um 3,7 Prozent, also von 35,7 Mrd. Euro in 2019 auf dann 34,4 Mrd. Euro in 2020 führen. (Zur Erinnerung: Dieser Wert wäre noch oberhalb des Marktvolumens von 2018: 33,8 Mrd. Euro.)

Obige Berechnung ist, es sei nochmal wiederholt, spekulativ. Aber die Kalkulation kann helfen, um die Größenordnung der Auswirkungen für die Branche abzuschätzen und nicht lediglich auf Basis von eher hemdsärmeligen Aussagen à la „Beratungs- und Marketingausgaben sind ja die ersten, die reduziert werden. 20 Prozent gehen hier immer!“ zu argumentieren.

Verschwiegen werden soll aber nicht, dass es auch deutlich pessimistischere Stimmen zur Entwicklung des deutschen Beratungsmarktes gibt. So gehen die aus London stammenden Marktforscher von Source Global Research davon aus, dass der globale Beratungsmarkt von 160 Mrd. US-Dollar in 2019 um 19 Prozent auf 130 Mrd. US-Dollar in 2020 schrumpfen wird (Stand 20. März). Für Europa und Russland sehen sie einen Rückgang um 28 Prozent (45 Mrd. US-Dollar in 2019; 32,2 Mrd. US-Dollar in 2020), wobei der deutsche Markt noch stärker zurückgehen könnte auf Grund des starken Umsatzanteils in der Fertigungsindustrie, die wiederum von unterbrochenen Lieferketten getroffen werden kann. (Notiz: Source definiert den Consulting-Markt anders, als es z.B. der BDU macht, dessen Daten den Ausgangspunkt gebildet haben. Die einzelnen Datenpunkte können also nicht ohne Weiteres miteinander verglichen werden.)

Offen bleiben an dieser Stelle dabei natürlich die Auswirkungen auf individuelle Berater beziehungsweise Beratungsmitarbeiter, einzelne Beratungsunternehmen oder auch Teilsegmente der Branche. Hier kann – vielleicht in einem nächsten Denkanstoß – eine Einlassung dahingehend erfolgen, ob Personalberater die Krise stärker spüren als klassische Unternehmensberater, ob ein Berater für die Logistikbranche anders tangiert wird als einer für die Touristikbranche, ob sich noch Interessenten für Stellen in der Beratung interessieren oder ob sich Berater auf Stellen außerhalb der Branche bewerben und welche Auswirkungen eine solche erhöhte oder reduzierte Fluktuation und ein verändertes Beauftragungsverhalten der Kunden auf einzelne Beratungsgeschäftsmodelle haben kann.

Bitte denken Sie mit: Wie wird die Branche reagieren? Welche Auswirkungen erwarten Sie? Welche Hilfen brauchen Berater jetzt, um weiter beraten zu können?

Fragen, Anmerkungen und Anregungen sind gerne gesehen! Bitte schreiben Sie an Redaktion.Consultingbay@esvmedien.de oder auf Twitter: @Ueber_Beratung

Programmbereich: Management und Wirtschaft