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Nachgefragt bei: Dr. Richard Brütting
Twitter weiterempfehlen  25.11.2015

„Die große Politik ist meist weit vom italienischen Alltag entfernt”

ESV-Redaktion Philologie
Italien-Kenner in Italien: Richard Brütting (Foto: privat)
Über italienische Verhaltensweisen, die Lega Nord und Tomasi di Lampedusa: So vielfältig das Land ist, so vielfältig sind auch die Artikel im Italien-Lexikon. Der Herausgeber Richard Brütting gibt uns einen Einblick in „sein“ Italien.

Was brachte Sie auf die Idee, ein Lexikon zu Italien herauszugeben?

Richard Brütting: Als langjähriger Italien-Reisender habe ich vielfältige Erfahrungen mit den Sitten und Gewohnheiten dieses Landes. Dabei erstaunte mich immer wieder die geringe Kenntnis meiner deutschen Landsleute vom italienischen Alltag. Ausschlaggebend für mein Engagement war allerdings meine Situation als Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Zeitverträgen: Als in den 1980er Jahren der schulische Französisch-Unterricht zurückging, wurde damals auch die universitäre Didaktik dieses Fachs eingeschränkt, und dies bewog mich zu einer Neuorientierung und Aktivierung langjähriger Erfahrungen mit der italienischen Kultur. Da ich bereits einige Artikel zum Frankreich-Lexikon beigesteuert hatte, bestanden Kontakte zum Erich Schmidt Verlag, und so nahm alles seinen Lauf.

Woher kommt Ihre Verbundenheit zu Italien?

Richard Brütting: Schon als Halbwüchsiger war ich 1956 und 1957 mit Onkel und Tante in Italien unterwegs; 1961 machte ich mit Lehrern meines Gymnasiums eine dreiwöchige Klassenfahrt nach Italien, wobei wir u. a. die Vulkaninsel Stromboli besuchten. Später hatten wir mehrere Monate lang für unsere Kinder zwei italienische Au-Pair-Mädchen, die bei uns zu Hause wohnten und mich anschließend in ihre Familien nach Palermo und Recanati einluden. Neben einmonatigen Aufenthalten in Tarent, Florenz und Perugia war ich jahrelang mit Projekten beschäftigt, durch die ich enge Kontakte mit italienischen Kolleginnen und Kollegen hatte: Zum einen als Mitorganisator mehrerer Seminare mit Teilnehmern aus Deutschland, Italien und Russland sowie als Mitherausgeber der Tagungsakten in vier Bänden; zum anderen mit Dutzenden journalistischer Reisen von Südtirol bis Sizilien für die Internet-Zeitschrift www.terra-italia.net; weiterhin durch eine vieljährige Verbindung mit der Universität Pisa im Bereich der literarischen Onomastik.

Mit großer Genugtuung betone ich die verlässliche Freundschaft und die gute, unprätentiöse Zusammenarbeit, die ich bei diesen Gelegenheiten erleben durfte – wenngleich nicht alle der oft spontan angekündigten Aktivitäten ganz nach Plan verliefen. Selbstverständlich beruhen auch die beiden Auflagen des Italien-Lexikons auf einem freundschaftlichen deutsch-italienischen Teamwork, allen voran mit meiner italienischen Mitherausgeberin, Frau Dr. Birgid Rauen.

Was sind für Sie typisch italienische Verhaltensweisen?

Richard Brütting: Drei Beobachtungen haben sich immer wieder bewahrheitet: Persönliche Beziehungen spielen auch in Bereichen, in denen hierzulande fast nur formelle Verbindungen bestehen, z. B. beim Einkauf oder auf einem Amt, eine überaus große Rolle, im Süden Italiens mehr als im Norden. Dabei hat das Wort „Amico“ seine besondere Bedeutung: Für einen Italiener ist der Unbekannte, auf den er trifft, nie belanglos, er könnte ja ein „Furbo“, ein Schlaumeier sein, der einen hereinlegen will. Deswegen muss sofort entschieden werden, ob der Fremde einem wohlgesonnen ist oder nicht. Sofern er als wohlgesonnen eingestuft wird, gilt er schnell als „Amico“ und wird als solcher entsprechend „gepflegt“, nach der Trennung freilich oft genauso schnell vergessen.

Erstaunlich für einen Deutschen ist auch die überragende Bedeutung der Familie einschließlich des von der Mamma gekochten Essens. Der schöne Titel eines Buchs von Jan Weiler „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!” zeigt die ganze ‚Problematik‘, wenn ein Deutscher per Heirat in eine italienische Familie gerät.

Und schließlich erscheint es mir als amüsant, dass sowohl eine enge Freundin als auch eine Geliebte in der Öffentlichkeit als „Fidanzata”, als Verlobte ausgegeben wird.

Haben Sie eigene Lieblingsbeiträge, und wenn ja, was macht sie dazu?

Richard Brütting: Zwei Artikel, die mich besonders beschäftigt haben, möchte ich an dieser Stelle erwähnen: „Lega Nord” und „Tomasi di Lampedusa”. Die Lega Nord beobachte ich seit Beginn der 90er Jahre, als sie die bedeutsame Forderung nach einer bundesstaatlichen Gliederung Italiens erhob. Ich verfolge aber auch die fremden-, islam- und europafeindlichen Tendenzen dieser Partei, der es gelungen ist, Menschen mit Ängsten vor dem ‚Neuen‘ sowie auf ihren Vorteil bedachte norditalienische Wutbürger um sich zu scharen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Gattopardo” faszinierte mich durch seine liebevolle, aber auch sarkastische Darstellung der Mentalität seiner sizilianischen Zeitgenossen.

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Wohin reisen Sie am liebsten in Italien?

Richard Brütting: Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Italien ist überall ein lohnendes Reiseziel, sofern man Orte meidet, die von Touristen überlaufen sind - wie Florenz und Venedig im Sommer - oder in denen die Umwelt durch Schwarzbauten, Zersiedlung und Giftmüll verschandelt ist. Fast überall sind Naturschönheiten und der außerordentliche kulturelle und künstlerische Reichtum des Landes zu bewundern.

Wie schaffen Sie es als Herausgeber des Italien-Lexikons, den Überblick über die politische Situation zu behalten, die sich wie in keinem anderen europäischen Land nahezu täglich ändert?

Richard Brütting: Zahlreiche Programme italienischer Sender bieten einen aktuellen Einblick in die tatsächlich sehr unbeständigen politischen Konstellationen des Landes zwischen Alpen und Mittelmeer, was übrigens eine der großen Herausforderungen bei der Konzeption des Italien-Lexikons war. Im deutschen Fernsehen werden die politischen Entwicklungen Italiens dagegen recht stiefmütterlich behandelt.

Einige seriöse italienische Tageszeitungen, deren Kauf in Deutschland leider nur in Großstädten möglich ist, sowie deutsche Tageszeitungen liefern zeitnahe Hintergrundartikel. Vor wichtigen Abstimmungen sind die Fernsehübertragen der Debatten in den beiden Kammern des italienischen Parlaments für mich von großer Wichtigkeit,– und nicht zu vergessen die Talkshows, selbst wenn infolge lautstarken Durcheinanderredens der Diskussionsverlauf nicht immer verständlich ist.

Wie sehen Sie die Zukunft Italiens?

Richard Brütting: Darf ich einen Blick in die ‚Glaskugel‘ wagen? Wenn man die populistische Durchtriebenheit und die Korruptheit zahlreicher Repräsentanten des öffentlichen Lebens betrachtet, ist man zu Recht besorgt, wohin Italien abdriften wird. Eine große Gefahr besteht m.E. in den institutionellen Änderungen der Regierung Renzi. Die Auswirkungen der bevorstehenden Entmachtung des Senats und des neuen Wahlgesetzes „Italicum“ mit seiner hohen Wahlprämie sind noch kaum abzusehen. Andererseits hat Italien immer wieder bedrohliche, im Italien-Lexikon ausführlich beschriebene Krisen überstanden, und die große Politik ist meist weit vom italienischen Alltag entfernt, in dem es sich doch recht gut leben lässt. 

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(ESV/vh)

Zu den Herausgebern

Dr. Richard Brütting ist Begründer des Italien-Lexikons (1. Auflage 1995). Er gilt als vorzüglicher Kenner Italiens, nicht nur, weil er sich seit Mitte der 1950er Jahre häufig dort aufhält. Der Romanist hat zahlreiche Publikationen und Vorträge zu sozialen und politischen Fragen Italiens (u.a. Familienstrukturen; Lega Nord; deutsch-italienische Kulturbeziehungen) sowie zu Werken italienischer Autoren vorgelegt. Zudem ist er Mitarbeiter der Internetzeitschrift www.terra-italia.net (Kulturtourismus in Italien) und kann auf eine langjährige Lehrtätigkeit an Universitäten und Schulen zurückblicken. Er war Mitveranstalter von sechs interdisziplinären Seminaren Deutschland/Italien/Russland und Mitherausgeber der Tagungsakten in vier Bänden.

Die Medienfachjournalistin Dr. Birgid Rauen ist in Italien geboren und arbeitet dort als deutsche Muttersprachlerin mit italienischem Universitätsabschluss. Seit 1975 publiziert sie u.a. für deutschsprachige Rundfunkanstalten und Printmedien. Sie war acht Jahre Mitarbeiterin in der Redaktion einer italienischen Filmzeitschrift für Programmkinos und hat schon für die 1. Auflage des Italien-Lexikons zahlreiche Beiträge zum Thema „Fernsehen, Hörfunk und Presse in Italien“ verfasst.


Programmbereich: Romanistik

 
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