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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Gerd Eversberg
Twitter weiterempfehlen  03.03.2017

Eversberg: „Es ist die Qualität, die Theodor Storm aus der Masse heraushebt“

ESV-Redaktion Philologie
Erzählt von den Geistern, die Storm rief: Prof. Dr. Gerd Eversberg (Foto: privat)
Hat Storm an unerklärliche Erscheinungen geglaubt, die in unsere Erfahrungswelt eindringen können? Diese Frage beantwortet Prof. Dr. Gerd Eversberg im Interview mit der ESV-Redaktion.
Für Gespenstergeschichten begeisterte sich Theodor Storm schon in seiner Jugend: Er dachte sich nicht nur selber gerne unheimliche Erzählungen aus, später begann er außerdem, schauerliche Geschichten und Sagen zu sammeln. Woher bekam er das entsprechende Material?

Gerd Eversberg: Storm suchte in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden, in denen er Berichte über Spukerscheinungen und eine Fülle von unheimlichen Geschichten fand. Die eigentliche Gespenstergeschichte ist ein literarisches Phänomen, das zunächst in Romanen erschien und mit der Literatur der Romantik zur eigenständigen Form reifte. Außerdem erzählte man sich damals auf dem Land gerne von unheimlichen Erscheinungen und auch im Familienkreis waren solche Stoffe beliebt.

Ein Teil dieser Geschichten erschien 1845 in Karl Müllenhoffs Buch „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg“. Die übrigen Erzählungen fasste Storm zu einem druckreifen Konvolut namens „Neues Gespensterbuch“ zusammen – veröffentlichte es jedoch nie. Was hielt ihn davon ab?

Gerd Eversberg: Als Storm und seine Freunde Märchen, Sagen und Lieder aus den Herzogtümern Schleswig und Holstein sammelten, gab es noch keine klaren Unterscheidungen zwischen solchen Erzählgattungen. Mit „Sage“ bezeichnete man eine volksläufige Erzählung, die auch etwas Unheimliches thematisieren konnte wie eine Spukerscheinung. Storm wollte seine Sammlung von Gespenstergeschichten Anfang der 1850er Jahre veröffentlichen. Wegen der politischen Konflikte zwischen den Herzogtümern und Dänemark kam es aber nicht dazu.

Sämtliche der von Storm gesammelten bzw. verfassten Spukgeschichten liegen mit Ihrem Werk nun vor. Haben Sie einen persönlichen Favoriten? Warum gefällt Ihnen gerade diese Geschichte?

Gerd Eversberg: Mir gefällt am besten die Erzählung „Das Thurmgemach“, die von einem Spuk im Schloss vor Husum erzählt. Sie gehört zu einer Gruppe von 14 Texten, die nach einer Notiz Storms „hier zum ersten Mal nach mündlicher Ueberlieferung aufgezeichnet“ wurde. Die Storm-Forschung hat bisher angenommen, diese Erzählungen stammten von fremden Erzählern und seien als eine Art Protokolle von Storm nur niedergeschrieben worden. Meine Untersuchungen haben aber gezeigt, dass es sich dabei um eigenständige Erzählungen des Husumer Dichters handelt, die er nach Motiven frei gestaltete, die ihm von anderen zugetragen wurden. Es handelt sich bei diesen Geschichten also um frühe Erzähltexte Storms, die bisher nicht zu seinen Werken gezählt wurden.

Der Band „Spuk- und Gespenstergeschichten“ ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil werden die Gespenstergeschichten ediert, im zweiten Teil folgt der Kommentar zu den einzelnen Erzählungen. Bitte erläutern Sie unseren Lesern, was der Gewinn dieses Kommentars ist.

Gerd Eversberg: Der Kommentar erläutert zunächst die Quellen, die Storm bei der Konzeption seines geplanten Gespensterbuchs benutzt hat. Darüber hinaus wird erkennbar, warum er diese Geschichten ausgewählt hat und mit welcher Absicht er sein Buch herausbringen wollte. Es ging ihm dabei um eine Bestandsaufnahme einer bestimmten Gruppe von Spukerscheinungen.

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In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es bis in die späten 30er Jahre hinein Versuche, Geistererscheinungen natürlich zu erklären. Dazu erschien eine Reihe von wissenschaftlichen Abhandlungen, die sich mit der Frage beschäftigten, inwieweit Ahnungen, Träume, Kontakte zu weit entfernten Menschen oder zu Toten sowie das zweiten Gesicht ernst zu nehmen seien. Man fragte in der Tradition der Philosophie der Aufklärung, ob es neben der Welt der realen Erscheinungen noch eine weitere Region des Geistigen gibt, und ob aus dieser Geisteswelt Einwirkungen in unsere Erfahrungswelt möglich sind.

Auch Theodor Storm scheint Anfang der 1840er Jahre noch an die Möglichkeit zu glauben, dass aus einer anderen Welt in bisher unerklärlicher Weise etwas in unsere Erfahrungswelt eindringen kann. Dabei vertrat er die von Kant formulierte Ansicht, die Seele sei ein immaterielles Geistwesen mit Bewusstsein und Verstand, das mit anderen Seelen kommunizieren und auch ohne materiellen Körper als reiner Geist existieren kann.

Mit seinem „Neuen Gespensterbuch“ wollte er Berichte von Ereignissen solcher parapsychologischen Kommunikation vorlegen, also der jenseits des normalen Wachbewusstseins liegenden psychischen Fähigkeiten, die das normale Erkenntnisvermögen überschreiten. Das können Traumwahrnehmungen sein, die mit gegenwärtigen, aber räumlich entfernten Ereignissen verbunden sind, solche, in denen räumlich getrennte Menschen miteinander kommunizieren, oder Visionen, in denen ein zukünftiges Geschehen sensiblen oder medial veranlagten Menschen offenbart wird.

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Lieber Herr Eversberg, Sie waren 22 Jahre lang Direktor des Theodor-Storm-Zentrums in Husum und Sekretär der Theodor-Storm-Gesellschaft und haben zahlreiche Bücher zu Theodor Storm veröffentlicht. Woher rührt Ihre große Faszination an diesem Schriftsteller und seinem Schaffen?

Gerd Eversberg: Je länger ich mich mit den Gedichten und den Erzählungen von Storm beschäftige, desto mehr erkenne ich, wie der Autor seine Texte in Kenntnis der europäischen Dichtungstradition auf einer soliden sprachlichen und handwerklichen Basis konzipieren und ihnen allmählich einen immer deutlicheren Kunstcharakter verleihen konnte. Und ich frage mich, wieso er bis heute eine große Leserschaft gefunden hat.

Ich glaube, dass es diese Qualität ist, die ihn aus der Masse der zeitgleich publizierenden Kollegen heraushebt. Mich interessieren also die Gründe für diese Meisterschaft und die Quellen, aus denen Storm seine Stoffe geschöpft hat.

Am 14. September 2017 jährt sich der Storms Geburtstag zum 200. Mal – wie werden Sie diesen Tag begehen?

Gerd Eversberg: Da ich keine Verpflichtungen in literarischen Institutionen mehr wahrnehmen muss, werde ich mit meiner Frau in die Alpenregion reisen: Am Abend des 14. September werden wir – nicht weit entfernt von einem Ort bei Salzburg, den Theodor Storm auch einmal besucht hat – bei einem guten Essen an die Werke des Husumer Dichters denken.

Zum Buch
Das Buch Theodor Storm: Spuk- und Gespenstergeschichten erscheint im März im Erich Schmidt Verlag. Wenn wir Sie neugierig gemacht haben mehr zu lesen, dann können Sie das Buch bequem hier bestellen. Einen Blick vorab haben wir in einer Leseprobe für Sie zusammengestellt.

Zum Autor
Gerd Eversberg
war 22 Jahre Direktor des Theodor-Storm-Zentrums in Husum und Sekretär der Theodor-Storm-Gesellschaft. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Köln promovierte er über den Fauststoff vor Goethe und war als Studiendirektor an verschiedenen Gymnasien und in der Lehrerausbildung tätig. Neben seinen Arbeiten zur Fachdidaktik Deutsch und Philosophie hat er zahlreiche Veröffentlichungen zu Theodor Storm und anderen Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegt, darunter eine historisch-kritische Edition der „Schimmelreiter“-Novelle im Erich Schmidt Verlag. Seit 2011 lehrt er als Honorarprofessor am Seminar für deutsche Philologie an der Georg-August-Universität in Göttingen.


(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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