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Nachgefragt bei: Beate Widlok (Goethe-Institut)
Twitter weiterempfehlen  08.02.2016

„Heute reicht es nicht mehr aus, nur die Muttersprache zu beherrschen“

ESV-Redaktion Philologie
Kinder wollen Spaß am Lernen (Foto: Monkey Business/Fotolia.com)
Kinder kommunizieren heute oft bereits über ihre Muttersprache hinaus und erleben früh neue Kulturen und fremde Sprachen. Teilweise ist das Fremde schon Heimat geworden, wenn sie aus fremden Ländern zu uns gekommen sind und hier Deutsch als neue Sprache lernen: Beate Widlok vom Goethe-Institut im Interview mit der ESV-Redaktion.
„Kinder brauchen Sprache“: Was bedeutet diese Aussage, vor allem in der heutigen Zeit? Sprache allgemein – oder die Sprache des aufnehmenden Landes?

Beate Widlok: Heute reicht es nicht mehr aus, nur die Muttersprache zu beherrschen, Kommunikation geht besonders wegen der digitalen Vernetzung über Ländergrenzen hinweg, kennt gar keine Grenzen mehr. Dabei ist Englisch die dominierende Sprache. Wenn wir uns allerdings auf das Erlernen des Englischen als Fremdsprache beschränken würden, würde die Sprachenvielfalt sehr schnell verloren gehen. Es ist deshalb wichtig, mindestens zwei moderne Fremdsprachen zu erlernen; dabei ist es für den Erhalt der Sprachenvielfalt egal, welche. Wichtig ist aber, möglichst früh mit dem Sprachenlernen zu beginnen, denn Kinder nehmen Sprachen leichter an, lernen die Aussprache besser als Erwachsene und sind fremden Kulturen und Sprachen aufgeschlossener gegenüber als Erwachsene. Wenn junge Lernende sich für etwas motivieren lassen, kann daraus ein stabiles und langfristiges Interesse werden.

Immer mehr auch sehr junge Kinder kommen nach Deutschland und wollen die deutsche Sprache lernen. Was sind die ersten sinnvollen Maßnahmen,  sie dabei zu unterstützen?

Beate Widlok: Man muss diesen Kindern viel sprachlichen Input ermöglichen, mit ihnen kommunizieren, auch, wenn es den Anschein haben mag, dass sie nicht so viel verstehen. Sie lernen zunächst über das Hören und orientieren sich an der Menge des Gehörten. Es wäre schön, wenn man dabei schnell herausfinden könnte, wofür sich die einzelnen Kinder genau interessieren, denn jedes Kind hat Vorlieben, möchte Hobbies entwickeln, sich bewegen, spielen. In diesem Kontext lernen Kinder auch am ehesten Sprache. Meiner Ansicht nach ist das strikte Unterrichten dann eher etwas, das beiläufig und zusätzlich passieren sollte. Der emotionale Faktor des Lernens ist entscheidend für den Erfolg.

Gibt es bestimmte Aspekte, in denen sich der Sprachunterricht mit Kindern von dem mit Erwachsenen unterscheidet?

Beate Widlok: Natürlich! Kinder haben ein ganz anderes Hintergrundwissen als Erwachsene. Daran muss man anknüpfen. Man kann sie nur in Dingen weiter entwickeln, die ansatzweise vorhanden sind. Und das muss auf jeden Fall handlungsorientiert und spielerisch geschehen. Auch lassen sich Kinder noch eher als Erwachsene durch Bildimpulse ansprechen. Kinder müssen sich sicher fühlen in dem, was von ihnen verlangt wird, ihrem natürlichen Drang nach Bewegung und Spiel folgen können, sonst verschließen sie sich. Nur mit einer positiven und offenen Haltung ist lernen überhaupt möglich.

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Die Digitalisierung macht auch vor der Sprachvermittlung nicht Halt: Hat sich der didaktische Ansatz zum Sprachunterricht mit Kindern in den letzten zehn Jahren stark gewandelt, und wenn ja, wie?

Beate Widlok: Ja, auch kleine Kinder haben ein großes Interesse an digitalen Medien. Dementsprechend entwickeln Verlage interessante mediengestützten Angebote, für die sich Kinder und Erwachsene leicht begeistern. Bücher werden mit Audiostiften oder in Verbindung mit Apps rezipiert, Smartboards haben Einzug schon in Grundschulklassen gehalten, und Lehrbücher werden daran angepasst. Aber ich habe oft beobachtet, dass die Beschäftigung mit digitalen Medien ziemlich eingleisig verläuft, die Kreativität der Kinder ist selten gefragt, Bewegung wird nicht gefördert, die direkte Auseinandersetzung mit anderen Kindern und somit die Entwicklung von sozialen Kompetenzen kommt oft zu kurz. Das heißt, ich würde besonders bei ganz jungen Lernenden versuchen, den Umgang mit digitalen Medien möglichst gering zu halten. Das Spiel in der Natur, der direkte Umgang mit Materialien, das Lernen in Bewegung und in Aktion, das sind Formen, die besonders für die ganzheitliche Entwicklung bei kleinen Kindern und somit auch für die sprachliche Entwicklung wichtig sind.

Die Beiträge des Bandes „So lernen Kinder erfolgreich Deutsch“ entstammen der Zeitschrift „Frühes Deutsch“. Worin sehen Sie das Besondere dieser Zeitschrift?

Beate Widlok: „Frühes Deutsch“ richtete sich an Lehrkräfte, die Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache in Kindergarten und Grundschule unterrichten. Sie enthielt zu jedem speziellen Thema kurze theoretische Einführungen, z. B. zu Projektarbeit, Literacy, Kunst im Unterricht, CLIL etc. Aber vor allem hatten erfahrene Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ausland hier eine Plattform für eigene gute Unterrichtsideen. Die Leserschaft konnte mit diesen wertvollen Praxistipps direkt in den Unterricht einsteigen. Viele best-practice-Beispiele haben wir nun in dem neuen Sammelband aufgenommen, da sie zeitlos aktuell sind.

Wie kam es gerade zu dieser Auswahl? Gibt es einen Beitrag, den Sie persönlich besonders hervorheben würden?

Beate Widlok: Wir wollten über die Auswahl ein möglichst breites Spektrum an geeigneten Methoden und aktuellen Trends aufgreifen und dabei sowohl Theoretiker als auch Praktiker zu Wort kommen lassen. Je nachdem, was gerade im Unterrichtsalltag von Interesse ist, kann man sich mit dem vorliegenden Material schnell informieren und gute Anregungen für den eigenen Unterricht finden. Ich würde keinen bestimmten Beitrag favorisieren. Man kann sich an Hand der Inhaltsübersicht überlegen, ob man z. B. eine Unterrichtsreihe zu Bewegung, zu Lernstrategien, zu Literacy oder zu Medieneinsatz machen möchte, oder man kann entscheiden, ob man mehr zu bestimmten Methoden wie Projektarbeit oder Differenzierung kundig erfahren möchte. Natürlich konnten wir in einem Buch nicht darstellen, was im Laufe von 25 Jahren repräsentativ für das Frühe Fremdsprachenlernen ist, – so lange hat die Zeitschrift existiert – aber z. B. für Lehrkräfte, die sich einen Überblick auch im Zusammenhang mit Sprachkursen für Geflüchtete verschaffen wollen, ist dieses Buch eine gute Hilfe.

(ESV/lp)

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Zum Band
Im Mitte Februar erscheinenden Band „So lernen Kinder erfolgreich Deutsch“, herausgegeben vom Goethe-Institut, können Sie eine Zusammenstellung von Artikeln aus der Zeitschrift „Frühes Deutsch“ des Goethe-Instituts lesen.

Zur Herausgeberin
Beate Widlok ist Slawistin und Romanistin und langjährige Mitarbeiterin des Goethe-Instituts. Seit 2006 ist sie in der Zentrale zuständig für das frühe Fremdsprachenlernen und in diesem Zusammenhang Autorin zahlreicher einschlägiger Publikationen, u. a. Schriftleiterin der Zeitschrift „Frühes Deutsch“.


Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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