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Ständige Erreichbarkeit
Twitter weiterempfehlen  03.02.2016

Stressfaktor Smartphone

Prof. Dr. Volker Nürnberg
Ständige Erreichbarkeit kann krank machen (Foto: Alejandro Escamilla)
Informations- und Kommunikationstechniken wie etwa das Smartphone prägen heute den Arbeitsalltag. Trotz zahlreicher Vorteile sind die Schattenseiten dieser Entwicklung nicht zu unterschätzen. Professor Volker Nürnberg zeigt ihre Auswirkungen auf.
Wer möchte, ist rund um die Uhr nahezu überall auf der Welt online und für jeden erreichbar – auch für den Chef und Kunden. Die Ausdehnung der Erreichbarkeitszeiten auf die Freizeit führt zur Vermischung von Privat- und Berufsleben. Somit ist der klassische Feierabend nicht mehr vorhanden. Dies kann, wie es Studien bestätigen, gesundheitliche Schäden wie Bluthochdruck oder psychische Beschwerden in Form von Burnout oder Depression zur Folge haben.

Die Smartphone-Nutzung ist immer noch zu neu, um schon explizit im Arbeitsrecht erfasst zu sein. Dadurch befindet sich die Erreichbarkeit durch das Smartphone noch in einer gesetzlichen Grauzone. Laut einer DGB-Untersuchung müssen 60 Prozent der Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit erreichbar sein. Davon 33 Prozent sogar oft oder sehr oft. Der Berufsverband „Die Führungskräfte” veröffentlichte eine Studie, bei der fast 90 Prozent der Führungskräfte angaben, dass sie unter der Woche regelmäßig außerhalb der Dienstzeiten direkt für ihr Unternehmen erreichbar sind. Davon sogar 70 Prozent regelmäßig am Wochenende und 58 Prozent im Urlaub. Diese Entwicklungen führen dazu, dass eindeutige gesetzliche Regelungen zum Thema Erreichbarkeit gefordert werden, um die Beschäftigten vor Smartphone-Stress zu schützen. Durch eine „Anti-Stress-Verordnung“ soll die Erreichbarkeit nach Dienstschluss gesetzlich eingeschränkt werden. Die IG-Metall hat hierfür bereits einen Entwurf vorgelegt.
Bislang existiert keine allgemeingültige wissenschaftliche Definition von permanenter Erreichbarkeit. Allerdings wird diese oft als die ständige Verfügbarkeit von Beschäftigten außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit für dienstliche Angelegenheiten definiert.

Differenzierung der Erreichbarkeit im Arbeitszeitgesetz

Im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) ist die die Rechtslage für die permanente Erreichbarkeit grundsätzlich festgelegt. Die Arbeitszeit wird hierbei als Synonym für Erreichbarkeit verwendet. Laut § 2 Abs. 1 ArbZG gilt als Arbeitszeit die Zeit von Beginn bis zum Ende der Arbeit abzüglich der Ruhepausen. Dabei unterscheidet das Arbeitszeitgesetz den Begriff der Erreichbarkeit unter anderem in drei verschiedene Dimensionen. Hier wird zwischen der Arbeitsbereitschaft, dem Bereitschaftsdienst und der Rufbereitschaft unterschieden. Sie sind vertraglich mit dem Arbeitgeber festgelegt. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt eine 48-Stunden-Woche (Montag bis Samstag), wobei die maximale durchschnittliche tägliche Arbeitszeit 9,6 Stunden bei einer 5-Tage-Woche beträgt. Das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen ist nur in Ausnahmefällen zulässig. Eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 11 Stunden nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit sowie eine Ruhepause von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von 6 bis 9 Stunden bzw. eine Ruhepause von mindestens 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als 9 Stunden sind vorgegeben.


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Rechtsfolgen bei Missachtung der Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes

Hält sich der Arbeitgeber nicht an die Vorschriften und sind keine weiteren Vereinbarungen bezüglich der Erreichbarkeit des Arbeitnehmers vertraglich festgelegt, so begeht er nach § 22 ArbZG eine Ordnungswidrigkeit. Diese liegt vor, wenn der Arbeitgeber seine Angestellten über die Grenzen der zulässigen Arbeitszeit hinaus beschäftigt, die Mindestruhezeit nicht einhält, seine Angestellten an Sonn- und Feiertagen ohne Ersatzruhetage arbeiten lässt und gegen die Aufzeichnungs- und Aufbewahrungspflicht verstößt. Dabei kann die Ordnungswidrigkeit mit bis zu 15.000 Euro geahndet werden. Auch das Dulden der Bearbeitung außerhalb der Arbeitszeit oder bei Nichteinhalten der Ruhezeit stellt bereits eine Ordnungswidrigkeit durch den Arbeitgeber dar, da er dem Arbeitnehmer außerhalb der regulären Arbeitszeit keine Arbeit weitergeben darf. Der § 23 im ArbZG geht noch einen Schritt weiter und legt es als Begehen einer Straftat fest, wenn vom Arbeitgeber vorsätzlich gehandelt wird und so vorsätzlich oder fahrlässig die Gesundheit oder die Arbeitskraft des Mitarbeiters gefährdet oder der Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz beharrlich wiederholt wird.

Ursachen für die Zunahme permanenter Erreichbarkeit

Die ständige Erreichbarkeit hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Verantwortlich für dieses Phänomen sind unterschiedliche Faktoren wie der technische Fortschritt, die Arbeitsverdichtung, Beschleunigung der Arbeitswelt, Internationalisierung sowie Flexibilisierung und Entgrenzung.
Das Benutzen eines beruflichen Smartphones und die damit einhergehenden permanente Erreichbarkeit sind einerseits mit positiven und andererseits mit negativen Auswirkungen auf den Arbeitsalltag und das Privatleben verbunden. Die verschiedenen Aspekte werden im Folgenden aufgezeigt.


Auswirkungen der ständigen Erreichbarkeit

Positive Auswirkungen: Vorteile von Erreichbarkeit aus Beschäftigtensicht

Flexibilitäts- und Mobiltätsgewinn:

  •  Flexiblere Arbeitsgestaltung (örtlich, zeitlich)
  •  Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Verbesserte Reaktionsfähigkeit und Entscheidungsfindung: Schnellere Hilfestellung bzw. Feedback durch Kollegen und Vorgesetzte

Identitäts- und Statusgewinn: Für einige gehört es zur beruflichen Identität, permanent erreichbar zu sein

Negtive Auswirkungen 

Auswirkungen auf das Wohlbefinden:

  • Struktur- und Kontrollverlust durch Intransparenz: Klare Tagesstruktur und transparente Erwartungshaltungen bzgl. Erreichbarkeitsanforderungen tragen zum Wohlbefinden bei
  • Permanenter Unruhezustand: Das Gefühl, in der Freizeit ständig kontaktiert werden zu können, führt zu einer erhöhten psychischen Beanspruchung und schränkt das Wohlbefinden ein

Auswirkungen auf die Erholung:
Verkürzte und unterbrochene Erholungzeiten 

  • Durchgängige Ruhezeit notwendig
  • Kurze Unterbrechungen beeinflussen Regeneration
  • Wegfall von Erholungszeiträumen: Insbesondere Urlaub und Wochenende sollten den Beschäftigten ununterbrochen zur Erholung zur Verfügung stehen

Verkürzung des Abstandes zwischen Arbeit und nächtlicher Erholung:

  • Die Verkürzung des Abstandes zwischen Feierabend und Zubettgehen kann zu Schlafstörungen führen
  • Fehlende Planbarkeit und Einschränkung bei der Freizeitgestaltung Erreichbarkeitsanforderungen können die freie Freizeitgestaltung einschränken

Beeinträchtigung der Gesundheit:

  • Erschöpfung 
  • Notwendige Erholungsprozesse verzögert oder beeinträchtigt, indem Zustand des „Gestresstseins“ die eigentliche Belastungszeit überschreitet
  • Beeinträchtigung der Leistungsvoraussetzungen
  • Stressbedingte Gesundheitsbeschwerden 
  • Bluthochdruck und psychische Beschwerden wie Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Burnout oder schwerwiegende Krankheiten wie Depression.

Im Rahmen einer Studie der Mercer Deutschland GmbH in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und der Fachhochschule Rosenheim wurden in den Jahren 2012 und 2015 insgesamt über 300 deutsche Führungskräfte aus Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branchen zu ihrer beruflichen Smartphonenutzung befragt. Die Auswirkungen, welche die Nutzung von Smartphones für berufliche Angelegenheiten auf das Privatleben von Führungskräften mit sich bringt, wurden anhand eines Fragebogens ermittelt.
In dieser empirischen Studie wurde überprüft, ob das berufliche Smartphone das Privatleben von Führungskräften beeinträchtigt und ob das Verhalten mit soziodemographischen Faktoren korreliert. Das berufliche Smartphone ist ein Mobiltelefon mit erweitertem Funktionsumfang, welches für berufliche Zwecke verwendet wird. Zu dem erweiterten Funktionsumfang gehören neben der Telefonie und SMS üblicherweise Zusatzdienste wie E-Mail, Internet, Terminkalender, Navigation sowie Aufnahme und Wiedergabe audiovisueller Inhalte.

Ergebnisse der Studie

Wie bereits vermutet, bestätigen Studienergebnisse, dass 88 Prozent der befragten Führungskräfte sich permanent oder zumindest zeitweise durch die ständige Erreichbarkeit für berufliche Angelegenheiten – besonders in der arbeitsfreien Zeit – gestresst fühlen. Um ein vorschnelles Urteil über die berufliche Smartphonenutzung zu umgehen, werden zunächst weitere aussagekräftige Aspekte der Befragung aufgezeigt.
Die erste Frage des Fragebogens zielte einleitend darauf ab, ein grobes Meinungsbild der Befragten über die berufliche Nutzung von Smartphones zu erlangen. Hierzu wurde nach den Begriffen gefragt, die die Führungskräfte jeweils mit der beruflichen Nutzung von Smartphones assoziieren.
Folgende Begriffe wurden dabei erwähnt: E-Mail, Erreichbarkeit, Flexibilität, schnelle Reaktion, telefonieren, Mobilität, Information, praktisch, Termine, Internet, Kontakt, Stress.

In weiteren Fragen ging es um die Erreichbarkeit der Führungskräfte außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit sowie im Urlaub und um das Stresspotenzial des Smartphones in der arbeitsfreien Zeit. Da Führungskräfte aufgrund von vertraglichen und faktischen Regelungen überwiegend mehr als 40 Stunden erbringen müssen, sind „reguläre Arbeitszeiten“ bei Führungskräften gewöhnlich schwer zu definieren. Die Befragung hat ergeben, dass 79 Prozent der Befragten sehr häufig oder jederzeit telefonisch oder per Mail für berufliche Zwecke erreichbar sind. Vergleicht man dies mit dem Jahre 2012, ist hier ein Anstieg von 15 Prozent zu erkennen. Dies bedeutet, dass der Anteil derer, die sich nach Feierabend in einen inoffiziellen Bereitschaftsdienst begeben und damit keine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben mehr haben, zugenommen hat. So sind 32 Prozent der Befragten (2012 waren es noch 21 Prozent) sogar zu jeder Zeit erreichbar.

Auch was die Erreichbarkeit der Führungskräfte im Urlaub angeht, konnte ein Anstieg gegenüber 2012 festgestellt werden. So sind 90 Prozent (2012: 84 Prozent) der Befragten zumindest hin und wieder für geschäftliche Dinge im Urlaub erreichbar. 47 Prozent davon sind sogar häufig oder zu jeder Zeit im Urlaub zu erreichen.

Durch die neuen technischen Standards, die heute von den Smartphones geboten werden, gehen Arbeit und Freizeit zunehmend fließend ineinander über. 81 Prozent der befragten Führungskräfte gaben an, dass sie ein und dasselbe Smartphone sowohl für berufliche als auch für private Zwecke nutzen. Diese Zahl ist im Vergleich zum Jahre 2012 um 11 Prozent gestiegen. Die zunehmende Entgrenzung von Arbeits- und Privatleben und die von vielen Unternehmen geförderte permanente Verfügbarkeit von Führungskräften führen demnach zu einer deutlich spürbaren Mehrbelastung.

So wie die Befragung 2012 bereits ergeben hat, führt die berufliche Smartphonenutzung nach dem Empfinden etwa der Hälfte aller Befragten zu einer Verkürzung der Regenerationszeit. Bereits durch das Bearbeiten von E-Mails oder durch das Führen von beruflichen Telefonaten außerhalb der Arbeitszeit wird die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit unterbrochen. Dies gilt auch während der Arbeitszeit. Hier können Mittagspausen und andere Regenerationsphasen durch eine ständige Erreichbarkeit jederzeit unterbrochen oder sogar vollständig beendet werden.

Wie aus der Studie hervor geht, bedeutet für viele Führungskräfte das Smartphone tatsächlich zusätzlicher Stress: 88 Prozent der Befragten empfinden die ständige Erreichbarkeit als stresserhöhend. Die Anzahl derer, die sich zu jeder Zeit gestresst fühlen, hat sich im Vergleich zu 2012 sogar auf 10 Prozent verdoppelt.

Weiterlesen? Welche Handlungsempfehlungen es für Unternehmen gibt, lesen Sie hier.
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(ESV)

Der Autor
Prof. Dr. Volker Nürnberg ist seit 2012 hauptberuflich Professor für BWL, Schwerpunkt Gesundheitsmanagement, an der Fachhochschule für angewandtes Management und berät zahlreiche Firmen. Er ist Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen. Gesundheitsökonomische Fragestellungen sowie betriebliches Gesundheitsmanagement gehören zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten.


Programmbereich: Arbeitsschutz

 
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