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Moderne Gedichtanalyse
Twitter weiterempfehlen  27.10.2015

Wie kann man ein Gedicht lesen und verstehen?

ESV-Redaktion Philologie
Gedichte: Auch die Art der Präsentation ist von Bedeutung (Foto: GJS/Fotolia.com)
Darüber informiert das neue Buch von Jochen Strobel zur „Gedichtanalyse“. Es versteht sich als Baukastensystem und zugleich als Lehrbuch, das Schritt für Schritt die Kompetenz(en) der Gedichtlektüre vermitteln möchte.
Was kennzeichnet ein Gedicht? Dem Leser fallen bei dem Gedicht „Karawane” zunächst typographische Eigenheiten auf: Die Schrift wechselt Zeile für Zeile. Dann ist es die Phantasiesprache, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. Man ist versucht zu sagen, es könnte ein Gedicht sein, verstünde man nur den Text. Doch formal erfüllt das Zeichenensemble nicht wenige Kriterien, die an ein Gedicht erinnern, ohne dass sich möglicherweise ein entsprechender Gesamteindruck einstellt. Es ist ein sprachlich verfasster Text. Der Bildcharakter, der aus dem auffälligen Schrift-Bild bzw. Druck-Bild resultiert, tritt zurück, wenn er laut vorgelesen wird.

Die Lautkombinationen, deren Wiederholungen und die Abweichungen in diesen Wiederholungen, beeindrucken und sind sehr bewusst gesetzt. Es sind in der Lautfolge Regelmäßigkeiten erkennbar, und die Zeile bricht jeweils willkürlich ab; man könnte also von Verszeilen sprechen. Bei dem Gedicht „Karawane” von Hugo Ball von 1917 handelt es sich um Klangpoesie.

Hugo Ball zählte zur Bewegung des Dadaismus, einer 1916 entstandenen internationalen, künstlerisch-politisch ausgerichteten Avantgarde-Bewegung, deren Kunst aus Sinn-Verweigerung und damit aus dem ‚Unsinn‘ heraus entstand. Lautgedichte und Textcollagen sind also aus dieser Verweigerungshaltung heraus neu entstandene Formen.

Warum Gedichte lesen?

Gedichte kann man aus purem Vergnügen lesen, ohne sie als Texte verstehen zu wollen und vor allem, ohne sie zu analysieren. Es ist nicht notwendig, zu definieren, was als ‚Gedicht‘, als ‚Lyrik‘ oder als ‚Poesie‘ gelten soll. Viele Gedichtleserinnen und -leser schreiben selbst Gedichte und verfügen vielleicht über einen produktionsästhetisch motivierten Zugang, der sich mit der distanzierenden Geste der Interpreten nicht immer gut verträgt. Der Reiz, der von einer Gedichtlektüre oder von einem Vortrag ausgeht, mag sich auf einen kognitiv nicht näher zu fassenden Eindruck beschränken, der etwa durch den Rhythmus, die Lautung oder von einzelnen sprachlichen Bildern ausgelöst worden sein könnte. Das Zustandekommen dieses Gesamteindrucks wird heute in einer Allianz erforscht, die Literaturwissenschaft und Neurowissenschaft eingegangen sind.

Doch geschrieben und publiziert wird Literatur für Menschen, die gerne lesen. Ob es sich um geistliche Gedichte aus dem Mittelalter handelt, ob wir an die viel gelesene Lyrik Hölderlins denken oder an einfach organisierte Abzählreime – sie alle gehören zu unserer Kultur, also zu der von uns heute oder von Menschen in früherer Zeit mit einem hohen Maß an Bedeutung belegten Artefakten und dem damit verbundenen kollektiven Wissen. Wenn wir also in Erfahrung bringen wollen, wie sich das von vielen kompetenten Sprechern geteilte Wissen einerseits und individuelle poetische Sprachpraxis andererseits aufeinander zu bewegt haben und dies auch heute noch tun, dann lohnt es sich, jene meist kurzen, aber nicht selten beim ersten Lesen und darüber hinaus rätselhaften Texte genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Arbeitsschritte für eine gelungene Gedichtanalyse

Das Buch von Jochen Strobel „Gedichtanalyse. Eine Einführung” versteht sich als Baukastensystem und zugleich als Lehrbuch, das Schritt für Schritt die Kompetenz(en) der Gedichtlektüre vermitteln möchte. Die Lesenden mögen dann je nach Bedarf ihre Auswahl treffen oder, wenn es um die ausführliche oder gar erschöpfende Analyse eines Gedichts gehen soll, alle vorgeschlagenen Arbeitsschritte zurücklegen, bis sich am Ende diese Schritte zu einer Gedichtinterpretation zusammenführen lassen.

Ziel des Bandes ist es, die Lesenden zu anspruchsvollen und differenzierten Gedichtlektüren anzuregen, zugleich soll Neugierde auf Gedichte geweckt werden. Hier werden Wege geebnet, die alle Lesenden zu neuen und eigenen Entdeckungen führen werden. Wer das Buch gelesen hat, verfügt über zahlreiche neue Kompetenzen, die bei der Lektüre von Gedichten zupasskommen werden; aus ihnen kann je nach Bedarf ausgewählt werden, einige können zugunsten eigener Entdeckungen zurückgestellt werden. (ESV/ln)

Das Buch

Der Band „Gedichtanalyse. Eine Einführung“ von Prof. Dr. Jochen Strobel erscheint im November im Erich Schmidt Verlag in der Reihe „Grundlagen der Germanistik“.


Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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