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Architektur aus Sprache
Twitter weiterempfehlen  12.11.2018

Bruno Taut – Wer im Glashaus sitzt

ESV-Redaktion Philologie
Bruno Tauts Glashaus für die Kölner Werkbundausstellung (Foto: © Wikimedia Commons)
Bruno Taut ist wohl einer der bekanntesten Architekten des Neuen Bauens, dessen Spuren auch heute noch in Berlin zu finden sind. Er war ein Vorreiter im Bereich des sozialen Wohnungsbaus; allein nach seinen Entwürfen wurden um die 12.000 Wohnungen in Berlin gebaut.
Charakteristisch für die von Taut entworfenen Arbeitersiedlungen waren die Ausrichtung der Straßenzüge in Nord-Süd-Richtung, sodass ausreichend Luft und Licht in die Wohnungen  gelangen konnten, sowie die kontrastreiche Farbgebung der Fassaden, die im Gegensatz zu dem tristem Grau der meisten Arbeitersiedlungen stand.

Um Tauts architektonische Meisterleistungen wieder einem breiteren Publikum zugängig zu machen, wurden einige Fassaden seiner Bauwerke in den 1990ern farblich in den Originalzustand zurückversetzt; in der von Taut entworfenen Berliner Hufeisensiedlung wurde sogar eine komplette Wohnung originalgetreu gestrichen und eingerichtet und kann seit 2012 als Ferienwohnung „Tautes Heim“ gemietet werden.

Taut begeisterte sich für Farben und Licht

Tauts Begeisterung für Farben und Licht führte maßgeblich zu seiner großen Faszination für Glas, welches von dem Schriftsteller Paul Scheerbart auch wegen seiner „formbewahrenden Präzision“ als universeller Baustoff betrachtet wurde. Inspiriert von Scheerbart, entstand Tauts Glashaus für die Kölner Werkbundausstellung 1914, das ihm zu internationalem Durchbruch verhalf. Mit seinem Glashaus wollte der Architekt zeigen, welch vielfältige Möglichkeiten das Baumaterial Glas bietet und wie dieser Baustoff es schafft, den Betrachter zu verzaubern, wenn es auf neuartige Weise eingesetzt wird. Mit dem Bau des Glashauses hatte Taut beabsichtigt „ein Gewand für die Seele zu bauen“.

Über Taut und Scheerbart schreibt auch Professor Dr. Roland Innerhofer in seinem neu erschienenen Werk „Architektur aus Sprache“, in dem er sich verschiedenen Literaten und Architekten des endenden 19. und des angehenden 20. Jahrhunderts widmet. Lesen Sie hier einen Ausschnitt:

„Die Allianz zwischen dem Schriftsteller Paul Scheerbart und dem Architekten Bruno Taut ist keineswegs symmetrisch. Die Achse, um die sie sich dreht, ist die Glasarchitektur und die zentrale Rolle kristalliner Formen für die künstlerische Ästhetik. Paul Scheerbart und der fast um eine Generation jüngere Bruno Taut begegneten einander erst 1913, zwei Jahre vor Scheerbarts Tod. Taut war damals als junger Architekt bereits erfolgreich, Scheerbart blieb zeitlebens (und bis heute) ein Außenseiter der Literatur. Scheerbarts schon seit seinem ersten Roman Das Paradies. Die Heimat der Kunst (1889) immer wieder literarisch ausgestaltete Phantasien zum Glas und Kristallbau konnten nicht von Taut angeregt sein. Dessen erste Bauprojekte waren Miethausgruppen und Gartensiedlungen.

Erst 1914 entstand der erste Glasbau Tauts, das Glashaus für die Werkbundausstellung in Köln 1914, den er Scheerbart widmete. Scheerbarts Wirkung auf Taut war dagegen nachhaltig und reichte weit über den Tod des Schriftstellers hinaus. Besonders deutlich ist sie in Tauts phantastischen Architekturentwürfen der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg nachweisbar: in
Alpine Architektur, im „Architekturschauspiel für symphonische Musik“, das 1920 unter dem Titel Weltbaumeister erschien, und in Tauts Zeichnungen und Texten für den Briefwechsel der „Gläsernen Kette“ (1919–20). Hier zeigt sich eine weitere bezeichnende Eigenart und Asymmetrie im Verhältnis von Schriftstellern und Architekten. Während Schriftsteller kaum als Architekten tätig wurden, waren Architekten häufig literarisch tätig: Sie verfassten Manifeste, Pamphlete und Essays, in denen sie ihre Projekte und Visionen propagierten. Durchlässigkeit zwischen den beiden Künsten und ihren Medien ist nicht in beiden Richtungen gleichermaßen gegeben. Während sich Architekten literarischer Medien, wenn auch nicht immer auf hohem Niveau, bedienen, setzt die Architektur den Schriftstellern stärkere Widerstände entgegen; sie bleiben meist im Medium der Literatur, wenn sie auf die Architektur Bezug nehmen.“

 
Architektur aus Sprache
Von Prof. Dr. Roland Innerhofer

Was die Architekturtheorie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte – die Bedeutung von Raumwahrnehmung und Raumgefühl – spielte für die literarische Architekturdarstellung immer schon eine zentrale Rolle. Ausgehend von dieser Annäherung der beiden Künste verknüpft dieses Buch erstmals die Geschichte der modernen Architekturtheorie mit der Architekturthematik in ausgewählten literarischen Werken des frühen 20. Jahrhunderts.
Die gegenseitige Erhellung und Irritation von Sprach- und Baukunst rückt kanonische Werke der klassischen Moderne, von Paul Scheerbart, Hans Henny Jahnn, Alfred Kubin, Franz Kafka, Alfred Döblin, Thea von Harbou bis zu Robert Musil, in ein neues Licht. Durch ihre Andersartigkeit regt die Architektur die Literatur dazu an, Möglichkeitsräume zu imaginieren: Spielräume des Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren.

Prof. Dr. Roland Innerhofer, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, beschäftigt sich mit Literatur des 19.–21. Jahrhunderts, Phantastik und Utopie sowie Korrespondenzen zwischen Literatur – Technik – Architektur – Film. Publikation zum Thema: Bauformen der Imagination. Ausschnitte einer Kulturgeschichte der architektonischen Phantasie (hg. mit Karin Harrasser), Wien 2006.

 
(ESV/sp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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