Das literarische Spiel mit den Zahlen
Numerische Strukturmodelle in der Moderne
Wie stark elaboriertes Erzählen in der klassischen Moderne mit artistischen Gliederungsstrukturen vernetzt ist, demonstriert der Ulysses (London 1922) von James Joyce, der in 18 Episoden mit varianten Erzähltechniken die Geschichte eines Tages im Leben des Protagonisten Leopold Bloom (16. Juni 1904) in Dublin verfolgt. Die 18 Kapitel wurden, als Zentralkomposition angelegt, ursprünglich mit den Namen der korrelierenden Episoden der Odyssee bezeichnet und in drei Blöcke eingeteilt, zwei Flügel von jeweils drei und einem mittleren Block von zwölf (3 × 4) Episoden:
- Die Telemachie
Episode 1: Telemachus
Episode 2: Nestor
Episode 3: Proteus - Die Irrfahrt
Episode 4: Kalypso
Episode 5: Die Lotophagen
Episode 6: Hades
Episode 7: Äolus
Episode 8: Lästrygonen
Episode 9: Skylla und Charybdis
Episode 10: Die Irrfelsen
Episode 11: Die Sirenen
Episode 12: Der Zyklop
Episode 13: Nausikaa
Episode 14: Die Rinder des Sonnengottes
Episode 15: Circe - Die Heimkehr
Episode 16: Eumaios
Episode 17: Ithaca
Episode 18: Penelope.
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Thomas Mann, zumeist zur klassischen Moderne gezählt, hat seinem um die Geschichte seines Helden Hans Castorp zentrierten Roman Der Zauberberg (1942), in dem das Thema der Zeit in vielen Facetten ausgebreitet wird, eine septenarische Kapitelstruktur mit symbolischen Verweisungen auf Zeiteinheiten verliehen, wie sich bereits programmatisch aus dem Vorsatz zum Werk ergibt, in dem nach der Beteuerung des Erzählers, gründlich erzählen zu wollen, am Ende ironisch auf den ‚tektonischen‘ Topos der ‚Schreibzeit‘ abgehoben wird:
Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wie viel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein.
Im Roman wird eine Dichotomie exponiert zwischen der Welt des Flachlands, in der das Messinstrument der mechanischen Uhr seine Dominanz ausübt, und der enthobenen und abgeschotteten Sphäre des Lungensanatoriums im Hochgebirge, wo Castorp während seines ungeplant langen Aufenthalts beinah jedes Zeitgefühl verliert:Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa so, als ob die sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne allen Zweifel schon bei Denen hier oben verbracht hatte, nur sieben Tage gewesen wären? Oder schien im Gegenteil, dass er schon viel, viel länger, als wirklich zutraf, an diesem Ort lebte? Er fragte sich selbst danach […], konnte aber zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall: zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien im Rückblick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit war, so wollte es ihm nicht scheinen.
Erst als der Protagonist mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach 7 Jahren den Berg verlässt, holt ihn die Realzeit wieder ein. Ebenso wie der Zauberberg ist auch Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder (1948) in heptadischer Zahlentektonik komponiert, hier allerdings extrapoliert in Form von vier Teilen zu je sieben Hauptstücken, so dass sich als Gesamtzahl der berühmte Numerus perfectus XXVIII ergibt. Anders als im Zauberberg rekurriert der Autor auf speziell alttestamentlich kontextualisierte, religiös auratisierte Symbolzahlen wie z. B. 5, 7 oder 70, die sogar in Überschriften von Abschnitten auftauchen, so in dem 4. Hauptstück des 3. Bandes (Joseph, der Ernährer): Sieben oder fünf oder in dem 7. Hauptstück daselbst: Ihrer siebzig. Auf diese Weise knüpft Mann nicht nur stofflich, sondern auch zahlensymbolisch und zahlentektonisch an die bis auf die Spätantike zurückreichende Tradition der alttestamentlichen Bibelepik an, die er, angereichert mit psychologischen Aspekten, in die moderne Form des Romans überführt.| Nachgefragt bei Prof. em. Dr. Ulrich Ernst | 08.09.2026 |
| „Zahlen spielen in der Literatur eine wesentlich größere Rolle, als man zunächst vermuten würde” | |
| Der kulturelle und wissenschaftliche Stellenwert literarischer Werke ist heutzutage gesellschaftlich unumstritten. Literatur nimmt einen wichtigen Platz in theoretischen Diskursen ein und verbindet als Informations- und Kommunikationsmedium eine Vielzahl an Forschungsgebieten, wodurch interdisziplinäre Thematiken entstehen. Dies trifft auch auf das Forschungsgebiet der Zahlenkomposition zu, welches die Grenzen zwischen Literatur und Mathematik verschmelzen lässt. Doch was hat es mit diesem komplexen Begriff auf sich? mehr … | |
Gliederungsexperimente der Avantgarden und Neoavantgarden
Wer davon ausgeht, dass Autoren des 20. Jahrhunderts, die man grosso modo den Avantgarden oder Neoavantgarden zurechnen kann, traditionelle Gliederungsstrukturen prinzipiell verschmähen, verkennt die „Longue durée“ temporärer Bauformen in der europäischen Literatur. Bertolt Brecht, dessen Anfänge im Expressionismus liegen, veröffentlichte bereits lange vor seinen Kalendergeschichten (1949), die sich aus 17 Texten, in Vers oder Prosa, z. T. mit deutlich chronikalem Zuschnitt (Ulm 1592, Kinderkreuzzug 1939) rekrutieren, seine Hauspostille (1926) in Allusion auf die gleichnamige Predigtsammlung Martin Luthers. Sie umfasst nach einer ausführlichen Anleitung zum Gebrauch 5 Lektionen (I: Bittgänge, II: Exerzitien, III: Chroniken, IV: Mahagonnygesänge, V: Kleine Tagzeiten der Abgestorbenen), die mit Gedichten bestückt sind, wobei die 5. Lektion dem Muster der Horae canonicae folgt. Eine innovative und noch stärker experimentelle Form des Horarium konstruiert nach dem Zweiten Weltkrieg der Archeget der Konkreten Poesie Eugen Gomringer mit seinem Stundenbuch (1965), variiert er doch hier, den Titelbegriff wörtlich nehmend, 24 Wörter gemäß den 24 Stunden des Tages.
Nachdem schon in den Romanen von James Joyce die Kategorie der Zeit als Gliederungsprinzip eine relevante Rolle gespielt hat, widmet Virginia Woolf (1882–1941) in ihrem Roman The Waves (1931), in dem 6 Charaktere jeweils mit innerem Monolog auftreten, diesem Aspekt ebenfalls große Aufmerksamkeit. So präsentiert die epische Handlung die Erlebnisse der Figuren in 9 Entwicklungsphasen von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter in Kombination mit Schilderungen von Abschnitten eines Tages- und eines Jahresablaufs an der Meeresküste, denen jeweils im Druckbild abgesetzte, kursivierte ‚Interludien‘ mit einem bestimmten Motivrepertoire (u. a. Sonnenstand, Wellenbewegung, Verhalten der Vögel) vorangestellt sind. Pluralisierung der Komposition, Symmetrisierung der Darstellungsebenen und konzeptionelles Ineinanderblenden von Ich und Welt, Innen und Außen sowie naturhafter Zyklik und menschlichem Rhythmus der Lebensalter prägen Woolfs Erzählen im Spannungsfeld von Verfließen und Struktur.
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Eine andersartige Transformation traditioneller tektonischer Bauformen führt schließlich Michael Crichton in seinem in einem Vergnügungspark mit geklonten Dinosauriern spielenden Thriller Jurassic Park vor, in dem er an den Schwellen der Werkteile Diagramme mit Iterationen nichteuklidischer Mathematik, genauer fraktaler Geometrie positioniert, welche Stück für Stück angesichts außer Kontrolle geratender Sicherungssysteme das spannungsgeladene Nahen der Katastrophe visualisieren (Abb. 5). Der in hohem Maße szientifizierte Roman bewegt sich im kulturellen Spannungsfeld von medialem ‚Dino-Hype‘, aktueller, am ‚Schmetterlingseffekt‘ orientierter Chaostheorie und brisanter politisch-öffentlicher Diskussion über gravierende Risiken der Gentechnik.
Werfen wir nach Crichtons ‚Blockbuster‘ zum Schluss noch einen Blick auf einen eher unspektakulären, diffizilen und stark verschlüsselten Roman: Waffenwetter des politisch-kritischen und ökologisch engagierten Autors Dietmar Dath, der unterhalb einer Division in drei Teile und zwölf Kapiteln eine durchgehende Reihe von Abschnitten bzw. Kleinkapiteln aufweist, die mit einer prima facie obskuren Folge sechsstelliger Zahlen überschrieben sind. Der Roman erzählt, wie dem Leser paratextuell mitgeteilt wird, von einer Reise der Abiturientin Claudia Starik mit ihrem Großvater in den hohen Norden nach Alaska, wo das amerikanische Forschungsprojekt High Frequency Active Auroral Research Program installiert ist:
… einer gefährlichen Expedition in die Kälte, dorthin, wo in der Nähe des magnetischen Nordpols die größte Hochfrequenz-Antennenanlage der Welt steht: HAARP, der Stolz amerikanischer Technokraten und – Geheimprojekt des Militärs zur Manipulation von Wetter und globaler Kommunikation?
Zur Entschlüsselung der kodierten Numerologie der Kleinkapitel wird dem Leser in einer Notiz am Ende des Werkes ein Fingerzeig gegeben, der zusammen mit einer knappen Textbeschreibung die labyrinthische Zeit-, Rhythmus- und Zahlenstruktur des Romans – allerdings nur partiell – erhellt:Das Ganze ist ein als Monolog getarnter Dialog mit etwas, das denkt, aber kein Mensch ist. Die Beschreibung der Regeln dieses Dialogs, wie Claudia sie sieht, steht im Abschnitt mit der Nummer 013 507 am Anfang des elften Kapitels.
Nach diesen Rechenvorschriften ist das gesamte Buch organisiert. Die internen Einteilungen gehorchen Rhythmusabsichten. Auf diese Idee ist der Autor gekommen, weil John Luther Adams, der interessanteste Musiker, den es im Land Alaska gibt, ein im Jahr 2007 passenderweise genau zehn Jahre altes Werk für Perkussion namens ‚Strange and Sacred Noise‘ geschrieben hat, das, wie sein Titel verrät, von denselben Sachen handelt wie ‚Waffenwetter‘. Es gibt bei Adams einzelne und zeitbrechende Wellen, verschiedene Geschwindigkeiten, die einander im Phasenraum kreuzen, Gitter von Wiederholungen und so fort. Daran orientieren sich die Zahlenproportionen der Kleinkapitel in ‚Waffenwetter‘.”
Sie sind neugierig, wie es weitergeht? Der Titel kann hier vorbestellt werden.
| Zum Autor |
| Prof. em. Dr. Ulrich Ernst war Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Ältere und Neuere Germanistik an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Gründer der Forschungsstelle Visuelle Poesie, ausgewiesen durch zahlreiche Publikationen. Seine Forschungsgebiete umfassen Mediävistik, Komparatistik, Literaturtheorie und Buchgeschichte. |
| Zahlenkomposition. Mathematisches Kalkül und literarische Transformation. Hybride Ästhetik im Wandel der Kulturen Von Ulrich Ernst In der Literatur haben Zahlen weitaus mehr als nur eine rein formale Funktion. Im vorliegenden Band über Zahlenkomposition befasst sich Ulrich Ernst – ausgehend von frühen eigenen Studien – mit der Analyse numerologischer Gliederungssysteme in diversen literarischen Gattungen. Die Darstellung beginnt mit Werken der Antike, die im Licht spätantiker und mittelalterlicher Deutungen interpretiert werden. Anschließend zeigt sie anhand der extrem materialreichen Zahlenenzyklopädie der Renaissance die Tradition der Zahlensemiotik auf. |
Programmbereich: Germanistik und Komparatistik