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Wo die eigenen Worte nicht mehr reichen, um den Verlust auszudrücken, gewährt die Literatur Zuflucht und spendet Trost. (Foto: dimensdesign/stock.adobe.com)
Auszug aus: „Im Modus des ‚Nicht-mehr‘. Fragmente einer Literaturgeschichte des Verlorenen und einer Theorie der Fiktion“

Der literarische Text als Ausweg aus dem Verlust

ESV-Redaktion Philologie
17.03.2026
Die Leere, die ein Verlust hinterlässt, ist schwer zu füllen. Eine Bewältigungsstrategie ist es, in fiktionale Welten einzutauchen, in denen jemand einen Verlust erleiden muss. Die Identifizierung mit Protagonisten und Protagonistinnen sorgt nicht nur für Ablenkung, sondern kann gleichzeitig helfen, den eigenen Schmerz zu verarbeiten. Dies ist jedoch nicht nur ein subjektiver Eindruck, sondern wird auch theoretisch unterfüttert.
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem im Erich Schmidt Verlag erschienenen Band „Im Modus des ‚Nicht-mehr‘. Fragmente einer Literaturgeschichte des Verlorenen und einer Theorie der Fiktion“. Darin geht es um den Verlust von Sprache und dessen sprachliche bzw. nichtsprachliche Darstellung im Roman. Da der Protagonist sich nicht mehr ausdrücken kann, geht auch seine Identität zunehmend verloren.

„Sprachverlust ist Weltverlust“: Siegfried Lenz, Der Verlust

Der Roman Der Verlust von Siegfried Lenz ist, auf der thematischen Ebene, ein Text über die Sprache und das Sprechen, der einen für die Literatur elementaren Verlust beschreibt, denjenigen der Sprache. Zwar ist die Hauptfigur, Ulrich Martens, nicht Schriftsteller, sondern Reiseführer, doch angesichts dieses Berufes, der auf mündlichen Erklärungen basiert, wiegt der Verlust der Sprache umso schwerer. Was für den Protagonisten ein Problem darstellt, der sprachliche Ausdruck im Sprechen, bedeutet für den Erzähler eine besondere Herausforderung – nämlich wiederzugeben, welche Laute der Kranke anstelle sprachlicher Äußerungen ausstößt.

Über eine Handlung nach gängiger Vorstellung verfügt der Roman nur ansatzweise; vielmehr werden Situationen und Verhaltensweisen geschildert, die mit der Krankheit der Hauptfigur in Zusammenhang stehen – beim Betroffenen selbst, seiner Freundin Nora Fechner sowie seinem Bruder. Das ‚Ereignis‘ des Schlaganfalls, der Martens betrifft, ist das einzige im gesamten Roman, und die Hauptfigur kann in einer Art sprachlicher Hilflosigkeit über nichts anderes berichten. Gleichsam als Folge jenes elementaren Verlusts von Sprache hinterlässt der Roman einen Eindruck von Leere. Nüchtern und in ihrer Berichtsform lakonisch kommt auch die Sprache des Werkes daher, so als hätte das Thema seine Darstellungsweise beeinflusst. Wo das Wort fehlt, steht bei Lenz das Bild. Diesen Befund gilt es darzustellen und zu erklären; besonders herausfordernd aber ist die Art und Weise, wie der Sprachverlust wiedergegeben wird, wie die ‚Äußerungen‘ von Ulrich Martens jenseits der Sprache zur Sprache kommen. Der Roman entwickelt in verschiedener Hinsicht ‚sprechende‘ Beschreibungen, die mit dem Verlust der Sprache bei der Hauptfigur in enger, zunehmend kontrastiver Beziehung stehen.

Der Text beginnt lakonisch und verrätselt: „Es traf ihn unvorbereitet.“ (7) Was traf wen, ist die Frage, und schon bald wird klar: Der Protagonist hat während einer Führung durch Hamburg eine gesundheitliche Störung – er sieht alles doppelt, das Bild vor seinen Augen „riß, riß in der Mitte durch.“ (7) „Das Doppelbild glitt übereinander, ruckweise zuerst, dann ebenmäßig geschoben […].“ (8) In dieser Situation verwendet der Text ein Verfahren, das auch im Weiteren vielfach zur Anwendung kommt – den inneren Monolog: „Wir müssen die Rundfahrt abkürzen, ich muß Walter [sc. dem Busfahrer] ein Zeichen geben, wir können die Fahrt am Rathausplatz beenden […].“ (15) Und schon bald stellt sich das ein, was die Krankheit, einen Schlaganfall, kennzeichnet, eine Wortfindungsstörung:

Ulrich Martens hörte ihn nicht [sc. den Busfahrer], da er nach einem Wort suchte, einem seemännischen Ausdruck, den er plötzlich schmerzhaft entbehrte. […] Er gab es einstweilen nicht auf, nach dem Wort zu suchen, einmal hielt er seinen Atem an und versenkte sich so heftig in das Bild, daß er das Gefühl hatte, seine Augen seien in bestimmter Stellung stehengeblieben […]. (18 f.)

Nachgefragt bei Prof. Dr. Angelika Corbineau-Hoffmann 17.03.2026
„Die ‚Écriture de la perte‘ bewahrt das Verlorene im Modus der Erinnerung“
Auf den ersten Blick scheint es nahezu unmöglich, Literaturgeschichte und Literaturtheorie auf einer Ebene zu untersuchen. Literaturgeschichte arbeitet auf historischer Ebene, analysiert den Kontext, in dem Literatur entstanden ist und wie sie sich über einen längeren Zeitraum weiterentwickelt hat. Literaturtheorie hingegen versucht zu begründen, zu interpretieren und stellt sich den eher philosophischen Fragen zu Text, Autor und Leser. mehr …

Aus dieser Initialsituation des Erzählens gewinnt der Text zwei Schwerpunkte: das (späterhin nicht mehr mögliche) Sprechen und die Bedeutung der Bilder. Die dem Protagonisten abhanden gekommene Sprechfähigkeit macht die Darstellung dessen notwendig, was er hervorbringt, z. B.: „[S]chon in das Poltern hinein [sc. seiner auf den Fußboden fallenden Schuhe] mischte sich ein kloßiger, gepreßter Laut, ein Laut der Not und der vergeblichen Anstrengung, der in ein kehliges Flattern überging.“ (42) Die Freundin Nora reagiert auf diese Szene mit Angst: „[S]ein offener Mund, in wehrloser Qual geweitet und verzerrt“, will ihr „viereckig“ vorkommen, „[e]in tonloses Gurgeln, das immer wieder abgeschnürt wurde, drang aus dem Mund, mitunter ein mattes gaumiges Klopfen.“ (43) Man sieht, welch ein sprachlicher Aufwand betrieben werden muss, um die Sprachlosigkeit zur Darstellung zu bringen, und ähnliche Passagen ziehen sich durch den gesamten Text. Nora, die in der Szene, aus der zitiert wurde, bei Ulrich ist, wartet darauf, ein Wort von ihm zu vernehmen, „doch alle Laute, die er rasselnd hervorbrachte, platzten und sprangen, lösten sich zischend auf.“ (45) Was der Freundin als Nachricht zugedacht war, geht verloren, noch bevor es über Ulrichs Lippen kommt. Es ist geradezu tragisch, dass dem vom Schlaganfall Betroffenen Sprachgefühl und -verständnis erhalten bleiben, ihm jedwede verbale Äußerung aber versagt ist. Uli will sich zu Nora ‚hinarbeiten‘:

[E]r versuchte es in immer neuen Anläufen, obwohl ihn der Klemmschmerz festhielt und ihm nicht erlaubte, auch nur ein Zeichen zu geben, konnte er sich zu ihr hindenken, konnte denkend ein Bild von sich selbst gewinnen, ja, als ob der Schmerz sein Denken schärfte […]. (45 f.)

Um in dieses Denken einzudringen, die Innenwelt eines Menschen zu kennzeichnen, der mit der Außenwelt nicht mehr über die Sprache kommunizieren kann, verwendet der Autor häufig das Verfahren des inneren Monologs; so auch im unmittelbaren Anschluss an das obige Zitat: „Komm Nora, leg dein Ohr an meinen Mund, du mußt doch, mußt doch verstehen, was ich sage […], ich sprech jetzt noch langsamer, langsamer, warum begreifst du nicht?“ (46) Und weiter: „Dein Schrei, Nora, was bedeutet dein Schrei, siehst du denn nicht, welche Mühe ich mir gebe, um das Nötigste zu sagen […].“ (47) Und: „[E]r entließ nach pumpender Vorbereitung einen Lautstrudel, so heftig und vergeblich, dass Nora aufschluchzte.“ (49) In Summa wird klar, dass der Reiseleiter in Anbetracht seiner Störungen ins Krankenhaus muss. Die Schilderung seines Aufenthaltes dort nimmt weite Teile des handlungsarmen Textes in Anspruch, so etwa das Bemühen des behandelnden Arztes, den Patienten behutsam zur Sprache zurückzuführen.

Es gehört zu den Kunstgriffen in der Konstruktion des Romans, dass auch Sprache und Sprechen der anderen Figuren jenseits des Protagonisten in eigenartiger Weise eingeschränkt sind. Was die Figuren sagen, wird meistens nicht in direkter, sondern in indirekter Rede wiedergegeben, so als hätte der Sprachverlust der Hauptfigur auf die Menschen in seiner Umgebung übergegriffen. Als Nora ein Bild, das Uli ihr geschenkt hatte, zu dessen Bruder bringt, um diesem damit auch die Nachricht von der Erkrankung zu überbringen, möchte sie den Verwandten ihres Freundes bitten, Uli ein paar benötigte Sachen ins Krankenhaus zu bringen und dessen Wohnungsschlüssel in Obhut zu nehmen. Dies will sie ihm sagen, doch „vor diesem geduldigen, vertrauenerweckenden Gesicht löste sich ihr Entwurf auf, alles geriet durcheinander, weil sich einfach kein erster Satz ergab oder weil sie das, was geschehen war, noch kein einziges Mal mit Worten wiederholt und beschrieben hatte […].“ (63) Nicht nur das Aussprechen der eigenen Befindlichkeit, wie es Uli vielfach versucht, birgt Schwierigkeiten, sondern auch der Bericht davon. Das Geschehen erscheint in hohem Maße als inkommensurabel, und seine sprachliche Umsetzung gerät aus diesem Grund zu einem immerwährenden Wagnis. Indem der Text vielfach und wiederholt Sprache und Sprechen thematisiert, nimmt er auch Stellung zu deren Möglichkeiten und Grenzen. Dennoch ergibt sich die Frage, warum der Autor so häufig statt der direkten die indirekte Rede einsetzt; geht es darum, die übrigen Figuren dem Schicksal des Protagonisten anzugleichen oder sogar eine Art generelle Sprachkritik zu üben, mit dem Ziel zu zeigen, dass eine Kommunikation der Tiefenschichten unseres Selbst auch den Gesunden nur bedingt möglich ist? Der Text vertraut weniger der Sprechfähigkeit seiner Figuren als den eigenen Darstellungen von Sprachlichkeit.

[…]

Ulis Bruder kommt zu einem Besuch ins Krankenhaus, obwohl das Verhältnis der beiden Brüder getrübt ist:

Wie langsam Uli zu ihm hinfand, wie lange er brauchte, um ihn aufzunehmen in seinen Blick, und auch nachdem sie sich gefunden hatten, dauerte und dauerte das stumme Gewahren, das Ergründen und Befragen von Erfahrungen, die tief in ihnen steckengeblieben waren. An der Art, wie sie sich musterten, wurde erkennbar, daß da etwas abgeschätzt und verbunden und verknüpft werden mußte, mühsam, nach langer Zeit. (92)

Die Mühe des Einander-Findens wird sprachlich fassbar in der Verwendung dreier Verben ähnlichen Inhalts („abgeschätzt“, „verbunden“, „verknüpft“); erneut zeigt die Sprache des Romans, dass sie zwar auf den Sprachverlust des Protagonisten reagiert, aber in der Darstellung der Ereignisse ihre Souveränität bewahrt, wenn es gilt, Dinge zu benennen, die im Zeichen des Verlorenen stehen. Für den Patienten bedeutet, wie der Arzt klarmacht, der Verlust der Sprache auch den Verlust von Welt.

[…]

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Zur Autorin
Angelika Corbineau-Hoffmann ist emeritierte Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft und Literaturtheorie an der Universität Leipzig. Ihre Schwerpunkte sind Literaturtheorie, komparatistische Thematologie und Comparative Arts. Ihre Publikationen, davon einige im Erich-Schmidt-Verlag, umfassen einführende Werke für Studierende und literarhistorische Studien.

Im Modus des ‚Nicht-mehr‘. Fragmente einer Literaturgeschichte des Verlorenen und einer Theorie der Fiktion
Von Angelika Corbineau-Hoffmann

Der Versuch, Verlust und Fiktion zusammenzudenken, ist angesichts der tradierten Trennung von Literaturgeschichte und Literaturtheorie zumindest riskant, wenn nicht verfehlt. Und doch: in Relation zueinander betrachtet, zeigen beide eine unverhoffte Verwandtschaft, denn sie basieren auf einem elementaren Mangel. In vier voneinander unabhängigen Teilen, die jeweils über eine bildgestützte Einleitung verfügen und unabhängig voneinander rezipiert werden können, wird herausgestellt, dass jener Mangel schöpferische Potenziale freisetzt, indem das Verlorene durch die Fiktion als eine neue und nunmehr unverlierbare Welt wiederersteht: In der Fiktion sind wir sicher vor Verlusten. Literarisch Interessierte erhalten einen Einblick in die Leistungen fiktionaler Texte, die uns in neue, von uns mitgeschaffene Welten (ent)führen. Die Bedeutung des hier erprobten Ansatzes weist über die Möglichkeiten einer Einzelstudie hinaus und kann deshalb nur in fragmentarischer Form zur Darstellung kommen; sie möchte dazu einladen, weitergedacht zu werden.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik