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Endlich wieder ins Kino gehen können – mit filmwissenschaftlichen Perspektiven (Foto: Андрей Журавлев – stock.adobe.com)
Auszug aus: „Klassiker des französischen Kinos in Einzeldarstellungen“

Der reziproke Zusammenhang zwischen Fiktion und Realität

ESV-Redaktion Philologie
22.09.2021
Mit „Klassiker des französischen Kinos in Einzeldarstellungen“ erscheint im Erich Schmidt Verlag ein Sammelband, dessen 36 Beiträge einen diachronen Querschnitt der französischen Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis ins 21. Jahrhundert bieten. Diese erstmalige Überblicksdarstellung des französischen Kinos in deutscher Sprache betont die substanzielle Bedeutung der französischen Pionierarbeit für die internationale Kinoentwicklung.
Die Professoren Ralf Junkerjürgen, Christian von Tschilschke und Christian Wehr haben Expertinnen und Experten der französischen Filmwissenschaft gewonnen, die in Einzeldarstellungen ausgewählte Filme von der Stummfilmphase bis zur Gegenwart vorstellen. Behandelt werden unter anderem Werke von Georges Méliès, Jean-Luc Godard, Agnès Varda, Éric Rohmer, Claire Denis, Cédric Klapisch und Dany Boon.

Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem Beitrag von Gregor Schuhen zu Mathieu Kassovitz’ La Haine (1995), in dem u. a. der wechselseitige Einfluss von Film und Wirklichkeit thematisiert wird.

„Die Vorgeschichte unserer unfilmischen Gegenwart“

Am 28. Mai 1995 gewann der junge Regisseur Mathieu Kassovitz bei den Filmfestspielen in Cannes für seinen erst zweiten Spielfilm La Haine den Preis der besten Regie. Drei Wochen zuvor hatte sich im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen der konservative Kandidat Jacques Chirac mit nur 52,64 Prozent der Stimmen gegen seinen sozialistischen Kontrahenten Lionel Jospin durchgesetzt, obwohl Jospin nach der ersten Runde noch vorne gelegen hatte.
Auf den ersten Blick mögen diese beiden Ereignisse im Mai 1995 nur wenig miteinander zu tun haben, außer der Tatsache, dass sie von der Öffentlichkeit so nicht erwartet worden waren. Kassovitz hatte mit Arthouse-erprobten Erfolgsregisseuren wie Jim Jarmusch, Ken Loach oder Emir Kusturica durchaus ernstzunehmende Konkurrenten, und Chiracs Aussichten auf den Sieg waren nach der Niederlage im ersten Wahlgang alles andere als gesichert. Als La Haine jedoch am 31. Mai in die französischen Kinos kam, schlug das Schwarzweiß-Drama um drei männliche Banlieue-Jugendliche ein ‚wie eine Bombe‘ – so wie der Molotowcocktail, der zu Beginn des Films unseren Planeten zum Explodieren bringt. Allerdings sorgten nicht nur der kommerzielle Erfolg der Low-Budget-Produktion sowie das überwiegend positive Echo auf Seiten der Filmkritik (u. a. eine Titel-Geschichte der Cahiers du cinéma) für einiges Aufsehen, sondern auch – eine weitere Überraschung – die neue Regierung. Der frisch gewählte Präsident schickte dem damals 27-jährigen Cannes-Preisträger einen Brief voller Anerkennung, woraufhin der neue Premierminister Alain Juppé seinem Kabinett eine Privatvorstellung des Films verordnete, damit man sich ein Bild davon machen könne, wie es in den Banlieues wirklich zugehe. Noch bevor der Film in den Kinos außerhalb Frankreichs anlief, galt Kassovitz bereits als „wonderboy of the new French cinema“, wie es im Independent zu lesen war.

[…]

Mit La Haine begründete Kassovitz ein neues Genre des französischen Films, nämlich das cinéma de banlieue. Auch wenn anfangs noch lebhafte Debatten geführt worden waren, ob Kassovitz der bereits bestehenden Bewegung des cinéma beur zugeordnet werden könne, so haben sich solche Diskussionen im Laufe der Kanonisierung von La Haine zusehends verflüchtigt. Das cinéma beur, das sich bereits in den 1980er Jahren als eigenständiges Genre innerhalb des französischen Kinos etabliert hatte, umfasst Filme von Regisseuren und Regisseurinnen mit nordafrikanischer Migrationsgeschichte, die den konfliktgeladenen Kontrast zwischen der maghrebinischen Herkunft der Elterngeneration und der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit in den Vorstadt-Ghettos filmisch bearbeiten.
Als genrebegründend gilt das Debüt Le Thé au Harem d’Archimède von Mehdi Charef (1985), in dem vom tristen Alltag der männlichen Heranwachsenden Pat und Madjid erzählt wird. Den Konvergenzen und Abgrenzungsversuchen zwischen cinéma beur und cinéma de banlieue hat sich neben Cornelia Ruhe auch Carrie Tarr gewidmet und herausgearbeitet, dass das eher geringe Differenzierungspotenzial insbesondere auf der Ebene der Filmschaffenden und deren Herkunft zu verorten sei. Filmhistorisch ließe sich das frühere cinéma beur als wichtigster Wegbereiter des cinéma de banlieue begreifen: weniger als Genre, sondern als „Bewegung der […] nach Frankreich eingewanderten NordafrikanerInnen oder der in Frankreich geborenen Zweitgeneration“, da die genuin filmischen Unterschiede insgesamt vernachlässigenswert erscheinen.

[…]

Nachgefragt bei Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Christian von Tschilschke und Prof. Dr. Christian Wehr 22.09.2021
Kino als „Ort des kollektiven Erlebens“
Eine diachrone Betrachtung der französischen Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis ins 21. Jahrhundert offenbart nicht nur technische Fortschritte. Sie bietet ebenso einen Einblick in die sozialgeschichtliche Entwicklung eines Landes, das Kino wie wir es heute kennen erst ermöglicht hat. Im Erich Schmidt Verlag erscheint nun ein Sammelband, in dem sich 35 Autorinnen und Autoren mit den „Klassikern des französischen Kinos in Einzeldarstellungen“ auseinandersetzen. Wir haben mit den Herausgebern Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Christian von Tschilschke und Prof. Dr. Christian Wehr gesprochen. mehr …

Die Verquickung von politischem Engagement und Filmkunst ist dem cinéma de banlieue von Anfang an inhärent. In historischer Perspektive erscheint es daher angebracht, den ursprünglichen Entstehungskontext näher zu betrachten. Nachdem bereits seit den 1970er Jahren immer wieder Ausschreitungen in den französischen Vorstädten stattgefunden hatten – neben Paris insbesondere in Lyon –, die jedoch im Vergleich zu späteren Unruhen noch nicht so stark im medialen Fokus standen, verschärfte sich die Lage in den 1990er Jahren. 1990 und 1991 eskalierte die Situation in den Pariser Vororten Chanteloup-sur-Vignes, dem Drehort von La Haine, und Sartrouville, 1992 und 1993 in den Lyoner Vorstädten Vaulx-en-Velin und Vénissieux, 1994 und 1995 dann auch in der Nähe von Rouen, Pau und erneut in Paris. Gemein ist allen gewalttätigen Ausschreitungen, dass sie als Reaktion auf massive Polizeigewalt erfolgten, der einige Banlieue-Einwohner zumeist maghrebinischer Herkunft zum Opfer fielen. Nicht zuletzt führte diese eskalierende Situation auch dazu, dass das Problem der „fractures sociales“ erstmals im Rahmen einer Wahlkampfkampagne im Jahr 1995 vom Team Chirac aufgegriffen und in den Mittelpunkt gestellt wurde. Im Zuge dieser Entwicklungen nahm auch das mediale Interesse am sozialen Sprengstoff innerhalb der Grands Ensembles der Vorstädte zu.
Dass sich diese Situation auch trotz des wachsenden Problembewusstseins kaum beruhigt hat, zeigte sich schließlich im Zuge der großflächigen Ausschreitungen im Jahr 2005, also genau zehn Jahre nach La Haine und dem Wahlsieg von Chirac. Die zunehmenden Spaltungen betreffen längst nicht mehr nur die anwachsenden Parallelgesellschaften innerhalb der urbanen Räume, sondern auch die sozialen Gegensätze zwischen den Städten und den deindustrialisierten Provinzen sowie zwischen den ‚Eliten‘ und den ‚Abgehängten‘. Bis zum Aufkommen der Gelbwesten-Protestbewegung im Jahr 2018 dominierten jedoch die Berichterstattungen über die Banlieues den öffentlichen Diskurs über die sozialen Spaltungen. Der Sozialgeograf Christophe Guilluy spricht gar von der ‚Boulevardisierung der Banlieues‘ und kritisiert die Einseitigkeit der französischen Medien. Es liege, so Guilluy, an den vornehmlich jungen männlichen Akteuren sowie an den Bildern spektakulärer Barrikadenkämpfe, dass die Medien eher von solchen filmreifen Ausschreitungen berichten als vom stillen und schleichenden Tod der ruralen Randregionen.

Die Rolle, die der Film La Haine in diesem Dispositiv medialer Aufmerksamkeits­ökonomie spielt, ist durchaus ambivalent. Als schnell geschnittener Jugendfilm in ‚cooler‘ Schwarzweiß-Optik scheint er einerseits den Boulevardisierungsverdacht zu bestätigen. Andererseits nimmt er jedoch genau diese Sensationsgier der Medien in den Blick, indem er sowohl originale Nachrichtenbilder von tatsächlichen Aufständen in die Diegese montiert als auch fiktive Medienvertreter und -vertreterinnen auf der Jagd nach aufsehenerregenden Bildern zeigt.
Es ist wohl dieser komplexen Kombination von dokumentarischen Elementen, medienkritischen Aspekten und spektakulärem Storytelling zu verdanken, dass La Haine in seinem Entstehungsjahr im Kabinett des neuen Premierministers gelandet ist und bis heute immer wieder in den Feuilletons auftaucht, wenn in den quartiers sensibles wieder einmal die Gewalt eskaliert. Als Frankreich etwa im Jahr 2015 von einer beispiellosen Serie terroristischer Attentate heimgesucht wird, fragt sich der FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube, woher denn all der Hass stamme. Als filmischen Kronzeugen in einer ‚unfilmischen Gegenwart‘ ruft er den mittlerweile zwanzig Jahre alten Film La Haine auf und konstatiert:
 
„Man muss heute an diesen bedeutenden Film erinnern, der die Vorgeschichte unserer unfilmischen Gegenwart erschließt. Nicht nur weil 2005 die Banlieue tatsächlich brannte. Auch nicht nur, weil wir erkennen, dass 1995 noch eine überkonfessionelle Verbundenheit der vom Hass erfassten Jugendlichen vorstellbar war […]. Sondern weil zwanzig Jahre später der Stoff dieses Filmes, die von jeglichem Zweck entbundene Gewalt, die Begierde nach der Ultima Irratio, das zeitdiagnostische Pensum vorgibt.”

Mit Aristoteles und Truffaut in die Banlieue

Die Handlung von La Haine spielt sich innerhalb eines Tagesablaufs ab und wird durch das Anzeigen der jeweiligen Uhrzeit in Schwarzblenden sequenziert. Erzählt wird ein schicksalhafter Tag aus dem Leben der drei jungen banlieusards Vinz, Saïd und Hubert, das – so legt es die erste Hälfte des Plots nahe – aus gemeinsamem ‚Abhängen‘ und kleinkriminellen Aktivitäten in der Cité besteht. Dass dieser Tag jedoch aus der üblichen Monotonie heraussticht, deutet bereits der Vorspann an […].

Sie sind neugierig, wie es weitergeht? Der Titel erscheint im Oktober 2021 und kann hier vorbestellt werden.

Die Herausgeber
Ralf Junkerjürgen ist Professor für romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die französische Kultur seit dem 19. Jahrhundert sowie die Literatur- und Filmgeschichte.
Christian von Tschilschke ist Professor für romanische Literaturwissenschaft an der Universität Münster. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die französische Literatur und Kultur vom 18.–21. Jahrhundert sowie die Filmgeschichte.
Christian Wehr ist Professor für romanische Literaturwissenschaft  an der Universität Würzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die französische Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Filmgeschichte.

Klassiker des französischen Kinos in Einzeldarstellungen
Herausgegeben von: Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Christian von Tschilschke, Prof. Dr. Christian Wehr

Frankreich, wo die Filmtechnik erfunden wurde, ist in historischer wie aktueller Perspektive die bedeutendste europäische Filmnation. Dennoch liegt bis heute keine Anthologie des französischen Kinos in deutscher Sprache vor. Diese Lücke füllt der vorliegende Band, indem er mit über dreißig Einzeldarstellungen herausragender Werke ein kompaktes und umfassendes Panorama der französischen Filmgeschichte vermittelt.
Dabei werden neben den Pionieren des Kinos aus der Stummfilmzeit die wichtigsten Repräsentanten des Poetischen Realismus, der Nouvelle Vague sowie des neueren Autorenfilmes behandelt. Über die emblematischen Titel hinaus finden auch große Erfolge des populären Kinos Eingang und werden in ihrer kulturhistorischen Bedeutung erschlossen
Die einzelnen Beiträge wurden durchgehend von ausgewiesenen Spezialisten und Spezialistinnen verfasst. Sie liefern über die Einzelinterpretation hinaus auch eine Einführung in das Werk des jeweiligen Regisseurs bzw. der jeweiligen Regisseurin, gehen auf die aktuelle Forschung ein und eröffnen über Literaturhinweise die Möglichkeit zur weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Insgesamt richtet sich der Band an Cineasten, Studierende, Schüler und Schülerinnen sowie Dozentinnen und Dozenten, die einen direkten Zugang zum thematischen, formalen und ästhetischen Reichtum des französischen Kinos suchen. Den Originalzitaten werden deutsche Übersetzungen hinzugefügt, sodass für die Lektüre keine Französischkenntnisse nötig sind.

Programmbereich: Romanistik