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Deutsche Grammatik aus der Vermittlungsperspektive (Photo: blende11.photo/stock.adobe.com)
Auszug aus: „Grammatik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Grundlagen und Vermittlung“

Deutsche Grammatik gut strukturiert und verständlich vermitteln

ESV-Redaktion Philologie
15.09.2026
Spricht man Deutsch als Erstsprache, verwendet man viele Ausdrücke und grammatische Konstruktionen selbstverständlich. Das kann es schwierig machen, Deutschlernenden bestimmte Fragen wie „Wann verwendet man ‚haben‘ und wann ‚sein‘ in der Perfektbildung?“ oder „Wie kann ich die typische Satzkomplexität im Deutschen besser verstehen?“ zu beantworten. Das mittlerweile zum Standardrepertoire der Didaktik deutscher Grammatik zählende Werk „Grammatik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ erscheint nun in seiner 3. aktualisierten Auflage und unterstützt Sie bei der Vermittlung der deutschen Sprache.
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem in der Reihe Grundlagen Deutsch als Fremd- und Zweitsprache erschienenen Band. Prof. Dr. Christian Fandrych und Prof. Dr. Maria Thurmair gehen strukturiert und gut verständlich auf die wichtigsten Themen der deutschen Grammatik ein und schildern diese dabei ausschließlich aus der Vermittlerperspektive. Abgerundet werden die einzelnen Themen der deutschen Grammatik mit „Didaktischen Fenstern“, die bestimmte Fragen der Didaktikvermittlung reflektieren und diskutieren. 

11.6 Komplexe Satzabfolgen

Komplexität kann durch verschiedene Faktoren entstehen. Wir behandeln hier zwei Phänomene, die häufig zur Satzkomplexität beitragen: Einerseits der Ausbau der Nominalphrase durch Attributsätze, andererseits die Verknüpfung von Hauptsätzen mit Nebensätzen verschiedener Art. Komplexe Satzabfolgen kommen im Deutschen in verschiedenen Textsorten recht häufig vor, v. a. in fachlichen, wissenschaftlichen und literarischen Texten. Vor allem rezeptiv können komplexere Satzabfolgen Probleme für Lernende darstellen. Für das Verständnis besonders wichtig ist es, den Bezug von untergeordneten Sätzen und die Struktur des Hauptsatzes zu erkennen.

Nominalphrasen können sowohl links vom Kopfsubstantiv als auch rechts davon weiter ausgebaut werden (siehe Kap. 6). Attribute rechts vom Kopfsubstantiv können satzförmig sein: Häufig werden sie durch Relativsätze realisiert (a), denen selbst auch wieder weitere Nebensätze untergeordnet sein können (b); die Relativsätze sind einfach unterstrichen, weitere, vom Relativsatz abhängige Nebensätze mit unterbrochener Linie:

(a) Nach zum Teil heftigen Debatten über die Lehren, die aus dem Scheitern der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen seien, wurde der Entwurf des Grundgesetzes am 8. Mai 1949 vom Parlamentarischen Rat, der seit September 1948 in Bonn tagte, mit 53 gegen 12 Stimmen angenommen. (Eintrag „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“, Wikipedia, 20.1.2018)
(b) Eine Brücke ist ein Ingenieurbauwerk, das Verkehrswege (wie Straßen, Eisenbahnstrecken, Geh- und Radwege, Wasserstraßen, Rollbahnen für Flugzeuge) oder Versorgungseinrichtungen (wie Rohrleitungen, Kabel-Trassen, Transportbänder) auf einer aufgeständerten, abgehängten oder frei schwebenden Konstruktion über Hindernisse oder über die Geländeoberfläche so hinwegführt, dass ein Abstand zwischen der Trasse und der Geländeoberfläche vorhanden ist und somit häufig eine Unterquerungsmöglichkeit durch eine andere Verkehrs- oder Versorgungstrasse ermöglicht wird. (Eintrag „Brücke“, Wikipedia, 20.1.2018)

Die Relativsätze charakterisieren die (hier fett gedruckten) Kopfsubstantive näher, sie sind durch eine Nebensatzklammer gekennzeichnet. Eine starke Dehnung dieser Klammer erschwert die Rezeption, da ja die gesamte folgende Information auf das Kopfsubstantiv zurückbezogen werden muss.

So ist in Beispiel (a) das Substantiv Lehren recht unspezifisch, der Relativsatz erst macht deutlich, um welche Art von Lehren es sich handelt (restriktives Attribut). Da der Relativsatz selbst aber wiederum eine komplexe Präpositionalphrase enthält (aus dem Scheitern der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg), ist die Nebensatzklammer sehr gedehnt, was die Rezeption erschwert. Es kommt hinzu, dass die gesamte Präpositionalphrase (nach zum Teil heftigen Debatten …) nur ein temporales Adverbial für den Hauptsatz liefert; dieses stellt ein einziges Satzglied dar, welches das Vorfeld des Hauptsatzes besetzt. Es folgt das finite Verb auf Position 2 (wurde), das eine Passivkonstruktion einleitet (Verbalklammer). Durch das zweite Attribut wird das Mittelfeld des Hauptsatzes erneut recht gedehnt.

Bei Beispiel (b) wiederum ist der Hauptsatz denkbar einfach und deutlich (eine Brücke ist ein Ingenieurbauwerk). Die textuell wirklich relevante neue Information, was denn nun das Besondere und Spezifische an dem Bauwerk Brücke ist, wird in den Attributsatz (Relativsatz) verlagert, der das prädikative Substantiv Ingenieurbauwerk näher charakterisiert. Die Nebensatzklammer dieses Relativsatzes ist wiederum sehr stark erweitert, da die Objekte (Akkusativobjekt: Verkehrswege …; Präpositionalobjekt: über Hindernisse …) und die Adverbialbestimmung (auf einer … Konstruktion) alle durch weitere Attribute ausgebaut sind. Zudem hängt vom Relativsatz noch ein weiterer (finaler) Adverbialsatz ab (so … dass), der selbst recht komplex ist, da er aus zwei koordinierten Teilen besteht (dass … vorhanden ist und … ermöglicht wird).

Als Rezeptionsstrategie empfiehlt es sich hier, zunächst den Hauptsatz zu identifizieren (insbesondere Subjekt, Verbalphrase und Verbalklammer) und dann die Nebensatzklammern sowie die Zuordnung der Attributsätze zum Kopfsubstantiv zu etablieren. Die zentrale Rolle des Klammerprinzips wird hier deutlich.

Nachgefragt bei Prof. Dr. Christian Fandrych und Prof. Dr. Maria Thurmair 16.09.2026
„Vermittlungssituationen und Lernkontexte sind in der Tat zunehmend diversifiziert“
Erwachsene Lernende für den Beruf, Studierende für das Auslandssemester, Schülerinnen und Schüler für ein Austauschprogramm, Migrantinnen und Migranten im deutschsprachigen Raum - die Gründe, aus denen Menschen Deutsch lernen, differenzieren sich zunehmend aus. Aufgrund der unterschiedlichen Kontexte, in denen sprachlich gehandelt wird, plädieren unsere Autorin Maria Thurmair und unser Autor Christian Fandrych dafür, die deutsche Grammatik stets in Zusammenhang mit dem jeweiligen Sprachgebrauch zu verstehen. Raum zur Diskussion verschiedener Vermittlungszugänge bieten dabei die ihrer Grammatik angehörenden „Didaktischen Fenster“. mehr …

Satzkomplexität kann aber auch durch die Verbindung von mehreren untergeordneten Sätzen entstehen. Man spricht hier auch von Hypotaxe (Stufung), im Gegensatz zur Parataxe (Reihung gleichartiger Sätze). Dies machen die folgenden Belege deutlich:

(c) Der Bundespräsident ist bei der Ernennung des Bundeskanzlers rechtlich an keine Vorgaben gebunden. Da jedoch der Nationalrat durch ein Misstrauensvotum einzelnen Regierungsmitgliedern oder der gesamten Bundesregierung jederzeit das Vertrauen entziehen kann, ist der Bundespräsident in der politischen Praxis gezwungen, die Mehrheitsverhältnisse im Nationalrat zu berücksichtigen. (Eintrag „Bundespräsident (Österreich)“, Wikipedia, 20.1.2018)
(d) Nach 1520 wurde schnell deutlich, dass die Reformation eben nicht nur eine theologische Angelegenheit war, die sich in den Studierzimmern der Gelehrtenn breitmachte, sondern dass die Thesen die bestehende klerikale (und eng damit verbunden auch die weltliche) Machtstruktur anzugreifen begannen. (Eintrag „Reformation“, Wikipedia, 20.1.2018)

Der zweite Satz in Beispiel (c) beginnt mit einem (adverbialen) Kausalsatz (eingeleitet durch die Subjunktion da), der im Vorfeld des Hauptsatzes steht. Der Hauptsatz wird v. a. durch die Verbalklammer deutlich, hier gebildet durch ist – gezwungen. Die dem Hauptsatz folgende Infinitivkonstruktion hat die Funktion eines Präpositionalobjekts im Hauptsatz (zu einer Sache gezwungen sein). Das Subjekt des Hauptsatzes (der Bundespräsident) ist auch implizit das Subjekt der Handlung, die von der Infinitivkonstruktion ausgedrückt wird. Bei (d) hat der dass-Satz die Funktion eines Subjektsatzes (etwas wurde deutlich) im Hauptsatz. Genau genommen handelt es sich um zwei koordinierte dass-Sätze (die zusammen die Subjektfunktion innehaben), sie werden durch die zweiteilige Konjunktion nicht nur …, sondern auch koordiniert (dass die Reformation nicht nur … war, sondern dass die Thesen … anzugreifen begannen). Zum ersten dass-Satz tritt als weiterer Nebensatz der Relativsatz die sich … breit machte auf; er ist Attribut zur Nominalphrase theologische Angelegenheit, da er aber recht umfangreich ist, steht er außerhalb der Nebensatzklammer (das klammerschließende Element war steht zwischen theologische Angelegenheit und Relativsatz, hier mit unterbrochener Linie unterstrichen).

Auch hier wird deutlich, dass es wichtig ist, zunächst den Hauptsatz zu identifizieren (die Verb-Zweit-Stellung ist hierfür im Deutschen ein gutes Indiz, und auch die Klammerstruktur des Hauptsatzes wurde – deutlich hilft dabei). Im Anschluss sollten die Nebensätze – ebenfalls anhand ihrer Klammerstrukturen – erkannt und ihre Zuordnung verdeutlicht werden. Produktiv ist es für Lernende häufig problematisch, bei mehreren Nebensätzen insbesondere die Stellung des finiten Verbs (Verb-Letzt-Stellung) im Blick zu behalten. Häufig entstehen so Konstruktionen wie *Die Landesregierung hatte beschlossen, dass die Studiengebühren wieder abgeschafft werden, aber dass die Universitäten bekommen weiterhin zusätzliche Mittel für die Lehre.

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Zum Autor und zur Autorin 
Prof. Dr. Christian Fandrych hat als Universitätsdozent u.a. in Mexiko und am King's College London gearbeitet, seit 2006 ist er Professor für Deutsch als Fremdsprache am Herder-Institut der Universität Leipzig. Seine Schwerpunkte sind Grammatik- und Wortschatzvermittlung, Korpuslinguistik, Sprachvergleich und Sprache in Bildungsinstitutionen (v.a. im Hochschulbereich). Er hat zu verschiedenen sprachwissenschaftlichen und sprachdidaktischen Fragen publiziert und ist u.a. Autor der Lernergrammatiken "Klipp und Klar Grundstufe", "Klipp und Klar Mittelstufe".

Prof. Dr. Maria Thurmair ist seit über zwei Jahrzehnten als Professorin im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Universität Regensburg tätig; Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind linguistische Themen. Sie ist Mitautorin bzw. Mitarbeiterin grammatischer Werke ("Textgrammatik der deutschen Sprache" (Weinrich), "Grundwissen Grammatik" (Habermann/Diewald/Thurmair)) und Mitautorin von Lehrwerken und Lehrmaterial. Sie hat zahlreiche Publikationen zu vielfältigen Themen im Bereich der anwendungsbezogenen Sprachwissenschaft verfasst.

Grammatik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
Grundlagen und Vermittlung

Von Christian Fandrych und Maria Thurmair


Dieses Werk wendet sich an alle, die im Inland oder im Ausland Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sowie Germanistik studieren oder unterrichten. Es führt in gut strukturierter und verständlicher Darstellung in die grundlegenden Themen der Grammatik des Deutschen ein. Diese werden mit praxisnahen Beispielen aus unterschiedlichen kommunikativen Situationen erläutert und mit vielen Übersichten und Tabellen anschaulich dargestellt.
Dabei behandelt diese Grammatik besonders diejenigen Phänomene ausführlicher, die beim Spracherwerb und bei der Sprachvermittlung besonders zentral sind und bezieht somit konsequent die Fremd- und Vermittlungsperspektive mit ein; auch kontrastive Aspekte werden durchgehend berücksichtigt.
Die Darstellung der grammatischen Gegenstände geht von Kapiteln zu verschiedenen Wortarten über zu größeren Einheiten. Sprachliche Variation wird immer wieder mit einbezogen. Daneben werden in „didaktischen Fenstern“ grundlegende und spezifische Fragen der Vermittlung der deutschen Grammatik verständlich und praxisnah vorgestellt und diskutiert. Anhand authentischer Lernerdaten wird zudem auf besonders relevante grammatische Lernprobleme und Erwerbsschwierigkeiten genauer eingegangen. Damit stellt dieses Werk eine hervorragende Arbeitsgrundlage für das Studium des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache und die Lehrerausbildung dar und eignet sich als Grundlage für Fortbildungsveranstaltungen wie für das Selbststudium.
Das Werk hat sich an vielen Standorten als umfassende und sehr gut verständliche, praxisnahe Übersichtsdarstellung bewährt.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache